Piraten-Kandidat will Kommandobrücke im Rathaus entern

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Wolfgang Hartung ist der Bürgermeisterkandidat der Piraten-Partei.

Heinsberg. Befänden wir uns noch in der närrischen Session, ließe sich das Bild vom Piraten, der das Verwaltungsschiff entern möchte, kaum vermeiden. Ob nun kommunaler Wahlkampf und Karneval gewisse Parallelen aufweisen, soll an dieser Stelle nicht weiter ergründet werden.

Fest steht allerdings, dass sich in der Tat ein „Pirat“ aufmacht mit dem unmissverständlichen Ziel, die Kommandobrücke in der Heinsberger Stadtverwaltung zu übernehmen. Sein Name: Wolfgang Hartung. Der 62-jährige Oberstleutnant a.D., der in seiner zugeschickten Vita die bestehende Gewerbeanmeldung als Fahrradkurier ausdrücklich mit einem Ausrufezeichen versieht, stellte sich den Fragen von Redakteur Rainer Herwartz.

In der Politarena Heinsbergs hat die Piratenpartei bislang eher ein Schattendasein geführt, auch im Rat ist sie nicht vertreten. Erhoffen Sie sich durch Ihre Kandidatur einen Popularitätsschub?

Hartung: Die Piratenpartei Kreis Heinsberg hat bereits im Oktober 2013 mit der Nominierung von Frau Lenzen als Bundestagskandidatin ein Ausrufezeichen gesetzt und auf Anhieb mehr Stimmen erhalten als die FDP. Meine Kandidatur ist über lange Jahre gewachsen, seit 31 Jahren wohnen wir im Stadtgebiet Heinsberg. Seit zwei Jahren bin ich Sprecher des Arbeitskreises Kommunalpolitik der Piratenpartei Kreis Heinsberg. Die Kandidatur soll die Bürger zu mehr politischem Engagement auffordern, die politische Teilhabe stärken und Entscheidungen der etablierten Parteien kritisch begleiten. Sollte dadurch die Reputation der Piratenpartei gesteigert werden, wäre dies ein positiver Nebenaspekt.

Wo sehen Sie denn Ihre persönlichen Stärken, die Sie für das Amt des Heinsberger Bürgermeisters qualifizieren könnten?

Hartung: Meine 20-jährige fliegerische Tätigkeit an Bord der E-3A und die langjährige Stabsarbeit im Nato-Hauptquartier Neapel dokumentieren meine enormen Erfahrung als Teamplayer. Die Planung, Durchführung und Dokumentation der ersten Nato-Überprüfung der Luftverteidigungsstreitkräfte Ungarns lagen in meiner Verantwortung, drei Fernsehstationen und sechs Radiosender waren ständige Begleiter eines multinationalen Teams, das der Personalstärke des Rathauses der Stadt Heinsberg entsprach. Weitere taktische Überprüfungen in Gefechtsständen und Radaranlagen von Portugal bis in den Osten der Türkei wurden terminiert und erfolgreich durchgeführt. Leistungswille, Sachkenntnisse und Nutzung aller neuen Medien zähle ich als persönliche Stärken, außerdem die ungebremste Bereitschaft, mich für neue Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu öffnen.

Mir waren sie in der Vergangenheit vor allem als engagierter Leserbriefschreiber bekannt, der das politische Geschehen in der Kreisstadt kritisch kommentierte. Was hat Sie denn am meisten gestört?

Hartung: Die langjährigen kontroversen Diskussionen über den Schulstandort Oberbruch haben durch die parteipolitische Auseinandersetzung in aller Öffentlichkeit großen Schaden angerichtet. Die Liste lässt sich problemlos vervollständigen. Das Thema Festhalle Oberbruch wurde ausführlich behandelt, die notwendige Transparenz verhindert. 229.000 Euro wurden in elf Jahren investiert; das kann aber auch bedeuten, dass in einem Jahr 200.000 Euro investiert wurden und in den restlichen Jahren so gut wie nichts! Unter Transparenz verstehe ich etwas anderes. Für viele Millionen wurde eine Umgehungsstraße für Kirchhoven gebaut, doch der Lastwagenverkehr läuft noch immer durch Oberbruch und Kirchhoven in Richtung Haaren, da die Fahrtstrecke von der A46 vier Kilometer kürzer ist. Als Schildbürgerstreich empfinde ich die Entscheidung des Rates, der Einrichtung eines Gewerbegebietes in unmittelbarer Nähe eines Naturschutzgebietes zustimmen zu wollen. Weitere Themen, zu denen ich mich kritisch äußern könnte, wären die Schwimmbadnutzung in Heinsberg oder die Verkehrssituation in der Innenstadt. Eine Stellungnahme zu allen anderen Themen, die mich bewegen, würde den Rahmen des Interviews sprengen.

Nun ist es ja immer leichter, den Finger in eine Wunde zu legen, als die Aufgabe des heilenden Arztes zu übernehmen. Was würden Sie im Falle Ihrer Wahl zuerst in Heinsberg verändern wollen, und vor allem wie?

Hartung: In den nächsten vier bis fünf Jahren wird sich der Internetumsatz verdoppeln, diese Entwicklung gefährdet in hohem Maße die Einkaufsstadt Heinsberg und die vorgelagerten Orte. Eine Stärkung der A- und B-Lagen muss jetzt erfolgen und es darf nicht abgewartet werden, bis Handlungsbedarf durch signifikant ansteigende Leerstände entsteht. In engem Kontakt mit den Gewerbetreibenden müssen Ideen entwickelt werden. Service und Qualität müssen dramatisch verbessert werden, um wenigstens den A-Lagen ein Überleben für die nächsten zehn Jahre zu gewährleisten. Eine ausgedehnte Fußgängerzone, reduzierte Zeiten für Anlieferungsfahrten, kostenloses Parken in noch zu bauenden zwei Parkhäusern, zwei Stunden kostenloses WLAN für Kunden, eine Ladestation für mobile Kommunikationstechnik, ein besseres Fahrradwegesystem, Kinderspielplätze wie die Wasserfontänenanlage im Outlet Roermond und eine attraktive Gastronomie würden dafür sorgen, dass die City brummen könnte.

Ihre Partei propagiert sehr stark eine möglichst frühe Bürgerbeteiligung in Entscheidungsprozessen, schwingt da ein gewisses Misstrauen gegenüber den vom Volk gewählten Mandatsträgern mit?

Hartung: Ich würde es nicht Misstrauen nennen, aber es wurde allen Bürgern in der Vergangenheit demonstriert, dass nach der Wahl die Versprechen nicht eingehalten werden. Das Misstrauen, nicht nur übrigens in unserer Partei, ist durch das Fehlverhalten vieler Politiker entstanden und wird weiter steigen. Sollte der Bericht des Bundesrechnungshofes über die Ehrlichkeit der 631 Bundestagsabgeordneten vor der Kommunalwahl trotz Geheimhaltung veröffentlicht werden, wird ein Aufschrei durch das Wahlvolk eilen.

Als Oberstleutnant a.D. haben Sie ja viele Jahre in einer hierarchisch geprägten Struktur verbracht, in der das Ausdiskutieren von Entscheidungen nicht gerade zum Tagesgeschäft gehört. Hat das bei Ihnen ein Umdenken ausgelöst?

Hartung: Mit der Versetzung in den Awacs-Verband war auch das Ende der von Ihnen angesprochenen hierarchischen Struktur eingeleitet worden. Das bereits angesprochene Teamplay ist das A und O einer funktionierenden Flugzeugbesatzung. Im internationalen Verband in Geilenkirchen und besonders während meiner Tätigkeit im Nato-Hauptquartier Neapel waren primär die fachlichen Leistungen entscheidend, der Dienstgrad nur in Ausnahmefällen hilfreich. Meine Prämisse bei Diensteintritt war weniger, was wurde gesagt, sondern immer die Frage: was wurde nicht gesagt? Diese Einstellung, die ich verfolge, musste zwangsläufig viele Vorgesetzte in den Wahnsinn treiben. Diese Einstellung jedoch war und ist unglaublich hilfreich.

Wie sehen sie Ihre politische Zukunft, falls es mit dem Bürgermeisteramt nicht klappen sollte?

Hartung: Ich werde immer die politischen Entscheidungen in und um Heinsberg kritisch begleiten und alle Bürgerinitiativen und Bürgerbegehren mit Rat und Tat unterstützen.

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