Mönchengladbach - Pier-Prozess: Belastende Aussagen, fragwürdige Details

Pier-Prozess: Belastende Aussagen, fragwürdige Details

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
Arnold Pier
Arnold Pier (2.v.r.) am 2. Verhandlungstag und sein Verteidiger Thomas Verheyen (r.). Foto: Ralf Roeger

Mönchengladbach. Der Verhandlungstag gegen den Ex-Chefarzt der Wegberger Antonius-Klinik Arnold Pier ist von Nervenanspannung gekennzeichnet an diesem Donnerstag. Die anonyme, mutmaßliche Anzeigengeberin, die den Fall Ende 2006 ins Rollen brachte, wird identifiziert - und kurz darauf als Zeugin vernommen.

Zuvor hat Richter Lothar Beckers den Krankenpfleger R., der Pier schwer belastet, ins Schwitzen gebracht.

„Wissen Sie, wer die anonyme Anzeige erstattet hat?”, fragt der Vorsitzende den Stationsleiter der Pfleger. „Ja, aber ich stehe als Betriebsrat unter der Pflicht der Verschwiegenheit”, antwortet R., bevor ihm der Richter erklärt, dass dies für seinen Betrieb gelte, „aber nicht für die Strafprozessordnung”.

Nach kurzem Zögern nennt R. den Namen der Krankenschwester, der Pier Karrierebruch, Hausdurchsuchung und eine halbes Jahr Haft zu verdanken hat: „Es war meine Kollegin W.. Sie hat sich mir anvertraut.”

Wenig später sitzt die 46-Jährige ahnungslos draußen im Flur des Landgerichtes und wartet auf ihre Zeugenvernehmung. Schließlich ihr Auftritt. Die kleine, unauffällig wirkende Frau setzt sich auf den Zeugenstuhl, richtet das Mikrofon, während sich links von ihr Piers Blicke in sie zu bohren scheinen.

Die Spannung steigt. Obwohl jeder im Schwurgerichtssaal um das Geheimnis der Zeugin weiß, beginnt Beckers routinegemäß mit der Befragung. Etwa jener, „was sich denn seit dem Antritt des neuen Chefarztes und Eigentümers der Klinik damals geändert” habe?

Zeugin W. spricht mit klarer Stimme. „Als erstes wurde eine Stechuhr eingerichtet.” Jede Minute Verspätung sei „angerechnet worden”, jede halbe Stunde Zusatzarbeit „unter den Tisch gefallen”.

Doch dann geht es ans wirklich Eingemachte. „Die Zahl der Operationen, insbesondere am Darm, stieg enorm - durchgeführt auch außerhalb des OP-Saales.”

Dies hatte zuvor auch schon Kollegin S. ausgesagt. Und weiter: „Vielen Patienten wurden nach ihren Operationen Antibiotika verweigert.”

Als sie einen Haufen Zitronen „im untersten Fach des Kühlschranks in der Stationsküche” entdeckt habe, habe sie gefragt, wer denn hier so viel Tee trinke. Dann ließ sie sich belehren: „Die sind für Wundspülungen.”

W. in ihrer Aussage am Donnerstag: „Ehrlich, Herr Vorsitzender, ich habe das für einen Witz gehalten, Zitrone, mit Fruchtfleisch, mit Kernen, von Händen ausgepresst, in einer Sprite aufgezogen, dann hinein auf offene Wunden.”

Ruhe im Saal. Nur Pier tuschelt kopfschüttelnd mit seinem Verteidiger Thomas Verheyen. Richter Lothar Beckers fragt präzise, aber mit sanftem Unterton: „Sagen Sie mal Frau S., kennen Sie den Adressaten der anonymen Anzeige?” Die Zeugin: „Ich weiß, wer es war. Aber ich kann ihren Namen nicht sagen.”

Lacher im Publikum. Der Richter: „Waren Sie es, Frau S.?” Sekundenlanges Zögern, eine gefühlte Ewigkeit: „Und was würde dann mit mir passieren?” fragt sie zurück. „Wissen Sie eigentlich, dass der Betriebsrat der Klinik lange beschattet wurde?”

Beckers bricht an dieser Stelle die Vernehmung ab und belehrt die Zeugin, dass sie einerseits die Frage beantworten müsse, andererseits aber auch nur dann, „wenn Sie sich nicht selber belasten” müsse.

Der Vorsitzende erklärt der entgeistert blickenden Frau: „Sollten Sie etwa in ihrer anonymen Anzeige wissentlich falsche Angaben gemacht haben, dann käme ein ganzer Strauß an Straftatbeständen zusammen.”

Nein, er würde ihr das nicht unterstellen, aber eine anwaltliche Beratung für ihre Aussage empfehlen. Pier und seine drei Anwälte schauen zufrieden.

Das war nicht immer so am Donnerstag. Denn der Zeuge R. belastet ebenfalls den Hauptangeklagten. Die später verstorbene Darmpatientin W. habe keine Antibiotika erhalten. Und zudem auf die Ausspülung der Operationswunde mit Zitronensaft mit „stark erhöhter Herzfrequenz” reagiert, was Rückschlüsse auf die dadurch ausgelösten Schmerzen der 80-jährigen zugelassen habe.

Im Pflegeteam sei auch Thema gewesen, „warum unter der neuen Leitung Pier so viel mehr Patienten sterben würden”.

Nach „der Bauchoperation” bzw. dem Tod der Patientin W. sei er aufgefordert worden, „wegen der Angehörigen” nachzuschauen, ob sie „wieder zugenäht worden” sei.

In der Leichenkammer habe er sie „überpflegt”, denn „der Verband war entfernt, die Wunde riesig” und selbst für ihn „erschreckend”.

R.: „Im nur provisorisch zugenähten Körper lagen noch Wattebauschtücher.” Dreieinhalb Stunden wird der Pfleger ins Kreuzverhör genommen, bis er nur noch stöhnt: „Ich bin überfordert.”

Er verwickelt sich in Widersprüche, will am Abend vor der OP der Patientin W. entscheidende Beobachtungen gemacht haben - muss sich aber von der Verteidigung die Stempelkarte des Frühdienstes vorhalten lassen.

Auch die Vorwürfe, Pier habe der alten Dame „die Bauchhöhle ausgespült” kann er nicht untermauern.
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