Heinsberg - Per Mausklick zum Arzt des Vertrauens

Per Mausklick zum Arzt des Vertrauens

Von: Thomas Vogel und Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Bewertungsportale für Mediziner im Netz erfreuen sich großer Beliebtheit. Patienten sollten Noten aber kritisch hinterfragen. Foto: imago/blickwinkel

Heinsberg. Der Sinn von Bewertungsportalen erschließt sich leicht. Nutzer einer Dienstleistung oder Käufer eines Produktes können auf speziellen Seiten im Internet Dinge bewerten. Interessenten sollen sich durch diese privaten Tests und Eindrücke schnell und ohne verklärte Werbebotschaften eines Verkäufers informieren können. Was, oder wer hinter den Bewertungen steckt, das bleibt dem Leser allerdings oft verborgen. Dass sich Anbieter anonym selbst über den Klee loben oder einem Konkurrenten totales Versagen attestieren, ist demnach möglich.

Während es bei einer Kaffeemaschine höchstens ärgerlich wegen der fehlinvestierten Euros ist, wenn diese sich nach dem Kauf doch als schlechter herausstellt als beschrieben, so können die Konsequenzen deutlich unangenehmer sein, wenn es um den Arzt des Vertrauens geht. Bewertungsportale für Mediziner aller Fachrichtungen gibt es viele – nach einer Schätzung von Dr. Heiko Schmitz, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, derzeit rund 20. Es lassen sich auch etliche Bewertungen zu Ärzten aus dem Kreis Heinsberg darin finden. Dr. Bernhard Prinz, Allgemeinmediziner aus Kirchhoven, lehnt die Portale ab: „Jeder Patient sollte sich seine eigene Meinung bilden. Der eine macht gute Erfahrungen, der andere schlechte, das Urteil sollte jedem selbst überlassen sein.“

Auch Dr. Claudia Billmann-Krutmann, Hautärztin aus Wegberg, ist skeptisch: „Auf der einen Seite ist das sicherlich eine gute Idee, auf der anderen haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass Patienten, die zufrieden sind, nichts eintragen, sondern nur diejenigen, die unzufrieden sind. Beispielsweise, weil sie ein Medikament nicht verschrieben bekommen haben, das sie gerne haben wollten. Was in den Portalen steht, ist also nicht objektiv.“ Voraussetzung ist also eine ausreichende Anzahl an Bewertungen, was aber in der hiesigen Region nicht immer der Fall ist. Zum Teil kann man die Einträge an einer Hand abzählen. Lediglich bei den Portalen der großen Krankenkassen ist diese Bedingung erfüllt.

„Die Benotung kann verfälschend sein: Wenn von 180 Patienten drei mal nicht zufrieden waren oder einen schlechten Tag hatten, kann das den ganzen Schnitt runterziehen“, sagt auch Elke Wergers von der orthopädischen Praxis Wergers in Erkelenz. Schmitz ist sich dessen bewusst: „Die Bewertungen sind mit Vorsicht zu genießen, können aber Anhaltspunkt zur Atmosphäre in einer Praxis sein, oder dafür, wie viel Zeit der Arzt sich für Patienten nimmt.“ Mit Blick auf die Mediziner selbst meint er: „Ärzte müssen vor diesen Portalen keine Angst haben, sollten sie nicht verteufeln, sondern sie als Chance begreifen. Zumindest aber sollten sie verfolgen, was online über sie verbreitet wird.“ Dass Beurteilungen erst veröffentlicht werden, wenn eine Mindestanzahl realer Bewertungen vorliegt, hält er für ein eindeutiges Qualitätsmerkmal.

Als immer mehr Bewertungsportale für Mediziner im Netz auftauchten, haben sich Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung in einer gemeinsamen Einrichtung, dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), mit dieser Erscheinung auseinandergesetzt. Im Jahr 2011/2012 hat das ÄZQ zwölf marktrelevante Bewertungsportale in einem sogenannten Clearingverfahren untersucht. Anhand eines mit Experten ausgearbeiteten Anforderungskataloges, in dem in 42 Punkten festgehalten ist, was vertrauenswürdige, seriöse Portale leisten sollen, wurde die Qualität der Portale festgestellt.

Die Untersuchungsergebnisse von drei Portalen sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weil diese ihr Einverständnis nicht gegeben haben. Auf fünf der neun übrigen Portale können Bewertungen abgegeben werden, ohne sich vorher registrieren zu müssen. Bei acht gibt es keine Mindestbewertungsanzahl, bevor der Arzt eine Note erhält. Sechs Portale gaben an, nicht gegen Missbrauch vorzugehen. Auf fünf Portalen besteht kein Schutz gegen Täuschungen.

Das Portal jameda.de gehört nicht dazu. Elke Ruppert, Leiterin der Unternehmenskommunikation: „Alle Bewertungen werden vor Veröffentlichung durch einen selbstlernenden und automatisierten Prüfalgorithmus analysiert. Wann immer das System Unregelmäßigkeiten identifiziert, wird die Bewertung durch ein erfahrenes Team nochmals geprüft. Dieses Zusammenspiel aus automatischer Prüfung und menschlicher Kontrolle ist nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand die wirksamste Methode, um Manipulationen zu unterbinden.“

Im Zweifel, sagt Ruppert, fordere das Unternehmen sogar einen Beleg vom Bewerter, dass er bei dem Arzt in Behandlung war. Aus der Finanzierung des Service macht das Unternehmen kein Geheimnis. „Ärzte haben auf jameda die Möglichkeit, sich und ihre Praxis mit ausführlichen Texten und Bildern vorzustellen. Dadurch verbessern sie ihre Sichtbarkeit in Google und auf jameda und gewinnen so neue Patienten über das Internet. Über diese kostenpflichtigen Premium-Einträge finanziert sich jameda.“

Das ist für die orthopädische Praxis Wergers kaum von Interesse: „Als orthopädische Praxis haben wir zu 80 Prozent ältere Patienten, die nutzen das Internet kaum“, so Elke Wergers. Auch sich bei Suchmaschinen einen höheren Platz in der Listung zu kaufen, hält sie für überflüssig. Dr. Claudia Billmann-Krutmann ist ebenfalls der Meinung, dass die beste Werbung immer noch Mund-zu-Mund-Propaganda ist.

Und die Zukunft der Arztbewertungsportale? Dr. Schmitz sagt, es sei zu erwarten, dass die Bedeutung wachse. Irgendwann werde es zu Ermüdungserscheinungen und schließlich zu einem Bereinigungsprozess kommen, an dessen Ende wenige Portale überleben werden. Zumindest für das Wachstum sprechen die Zahlen. Derzeit suchten nach einer Studie 70 Prozent der Patienten online nach einem Arzt. Elke Wergers hat einen anderen Vorschlag, etwa für Menschen, die gerade umgezogen sind: „Wer neu in einer Stadt ist und einen guten Facharzt sucht, sollte sich lieber bei seiner Krankenkasse oder der Kassenärztlichen Vereinigung über gute Ärzte in seiner Nähe informieren.“

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