Aachen/Waldfeucht - Nur ein schneller Finger bringt einen guten Preis

Nur ein schneller Finger bringt einen guten Preis

Von: Robert Baumann
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Steht seit 25 Jahren auf dem A
Steht seit 25 Jahren auf dem Aachener Münsterplatz und verkauft dort unter anderem ganz frische Tulpen, die er auf einer Börse ersteigert hat: Blumenhändler Bernd Cleef vom gleichnamigen Gartenbaubetrieb. Foto: Robert Baumann

Aachen/Waldfeucht. Es ist stockdunkel und ruhig in dem kleinen Ort Waldfeucht im Kreis Heinsberg. Auf einem Hof durchbricht der Start eines knarrenden Motors die nächtliche Stille. Scheinwerfer leuchten auf und bahnen sich ihren Weg durch das Dunkel.

Bernd Cleef ist früh aufgestanden. Vier Uhr und fünf Minuten zeigt die Uhr in seinem Lkw-Führerhaus. Der Blumenhändler ist auf dem Weg ins 60 Kilometer entfernte Straelen-Herongen in der Nähe von Venlo. Sein Ziel: Deutschlands größte Blumenbörse - die „Veiling Rhein-Maas”. Dort will er möglichst günstig Tulpen und weitere Blumensorten ersteigern, die er auf Aachener Wochenmärkten an Mann und Frau bringen wird.

Zwei- bis dreimal in der Woche besucht Cleef, Inhaber des gleichnamigen Gartenbaubetriebes, die Versteigerung. Und das seit zehn Jahren. An das frühe Aufstehen hat er sich aber nie gewöhnen können. Den Familienbetrieb, jetzt bereits in der dritten Generation, übernahm er von seinem Vater Josef, der vor über 50 Jahren das erste Mal in Aachen-Burtscheid an einem Stand Blumen verkaufte und damals noch selbst produzierte.

Später verlagerte die Familie ihr Geschäft auf die Wochenmärkte. Schon als Vierjähriger half Bernd Cleef beim Verkauf auf dem Münsterplatz - mittlerweile unterhalten die Cleefs dort seit 25 Jahren einen Stand.

In Straelen-Herongen angekommen, parkt Cleef seinen Lkw an einer der Hunderten Verladerampen, von der er später seine ersteigerte Ware einladen wird. Riesige Hallen stehen auf dem 170 000 Quadratmeter großen, umzäunten Areal, Lkw reiht sich an Lkw. Ein eigener Autobahn-Zubringer führt unmittelbar auf das Gelände der „Veiling Rhein-Maas”.

Im Innern der Hallen stapeln sich auf tausenden Karren Blumen der verschiedensten Sorten: Tulpen, Hyazinthen, Rosen, Topfpflanzen... Cleef nutzt die Zeit bis zum Beginn der Versteigerung und inspiziert einzelne Produkte. „Das sind schwere Tulpen”, „Hier sind die Blattspitzen verfärbt”, so die Kommentare des Experten.

Um 5.30 Uhr startet die Versteigerung. In einem großen, mit Neonlicht gefluteten Saal, der wie ein überdimensionierter Hörsaal anmutet, haben auf einer Tribüne rund 600 Blumenhändler aus ganz Deutschland und den Niederlanden Platz genommen. Ihre Blicke richten sie gebannt auf acht große Versteigerungsuhren über ihren Köpfen.

In roten Digitalzahlen werden Preis und Gesamtmenge der Blumensorten angezeigt. Auf jeder Uhr lässt sich eine andere Sorte ersteigern. Ein digitales gelbes Anzeigenfeld informiert zusätzlich über Anlieferer, Blumensorte und Herkunftsland.

Vor der Käufer-Tribüne wird die Ware auf Karren präsentiert. Unaufhörlich rollt eine Karre nach der anderen wie Güterwaggons auf Kettenbahnen in den Saal - am Ende des Tages werden es 8000 Karren sein.

Versteigerungsuhr fest im Blick

Es ist erstaunlich ruhig in dem fast restlos gefüllten Saal. Das Quietschen der Karren mischt sich mit dem Gemurmel der Käufer. Während der Versteigerung bestellen die Händler bei Kellnerinnen Trinken und Essen - vor allem Kaffee liegt hoch im Kurs. Bernd Cleef sitzt gemeinsam mit einem anderen Blumenhändler an einem schmalen Holztisch, in den ein Computer eingelassen ist. Darüber kann er seine bereits getätigten Käufe einsehen.

Gerade hat Cleef Uhr Nummer zwei fest im Blick. Tulpen der Sorte „Vikings” stehen zur Versteigerung an. Über ein Headset hält Cleef Kontakt zu einem der acht Versteigerer, der auf einem Balkon über der Tribüne sitzt. „Vikings von Schoenkes auf zwei Karren, 23 Gramm, 32er Länge”, schallt es durch das Headset. Cleef drückt den roten Stopp-Knopf an seinem Tisch, mit dem er die Uhr bei einem bestimmten Cent-Preis stoppen kann. Zu spät! Ein anderer Händler war schneller.

Cleef ärgert sich im Stillen: Ein Naserümpfen, ein kurzes Verdrehen der Augen, Kopfschütteln. Wenige Sekunden sind nur vergangen, schon steht die nächste Tulpensorte zum Verkauf: „Dynastie”. Kurz zuckt die Hand von Bernd Cleef - diesmal war er der Schnellste.

„Wie viele?”, fragt die männliche Stimme im Headset. „Acht”, antwortet Cleef. „Acht” bedeutet acht Eimer à 200 Tulpen. Das Geld wird sofort über seine Kreditkarte, die er zu Beginn der Versteigerung in einen Schlitz am Tisch gesteckt hat, abgebucht.

Cleef schmunzelt. Das war ein guter Stückpreis. „Wenn ich ein paar Sekunden später drücke, kann das je nach Menge einen Preisunterschied von 300 Euro ausmachen. Man braucht viel Erfahrung und Routine und einen guten Riecher”, sagt der 40-Jährige.

Neben den Preisen kämpft Cleef auch mit seiner Müdigkeit. Mittlerweile hat er die fünfte Tasse Kaffee heruntergekippt. „Sonst schlafe ich ein. Man sitzt ja erst mal nur rum.” Die Einkaufsliste auf Cleefs Computerdisplay wird immer länger: Tulpen „Escape”, 16x150 Stück, aber auch Hyazinthen und Rosen in verschiedenen Farben.

Künstlicher Winter

„Tulpen sind um Ostern natürlich sehr gefragt, und der Trend geht ganz klar zum gemischten Bund. Die eigentliche Tulpenzeit ist aber jetzt schon wieder vorbei”, sagt Cleef. Denn die Frische der Tulpen wird künstlich hergestellt.

In den Niederlanden lässt man die Tulpen zunächst auf den Feldern verblühen. Die Zwiebeln hingegen werden in Kühlhäusern gelagert und mehrere Monate in einen künstlichen Winter versetzt. Rund drei Wochen lang werden sie dann in Treibhäusern zum Blühen gebracht und abhängig von der Nachfrage in bestimmten Mengen auf den Markt geworfen.

Die Händler auf der Blumenbörse können so frische Treibhaustulpen ersteigern. Jedes Jahr werden den Händlern auf der Versteigerung etwa fünf neu gezüchtete Tulpensorten angeboten. „Wenn es draußen über 25 Grad warm wird und die Freilandtulpen auf einen Schlag in großen Mengen blühen, ist die Treibhaustulpe aber nichts mehr wert”, erklärt der gelernte Florist.

Gegen halb elf endet die Auktion. Richtig zufrieden ist Cleef nicht. „Vor Ostern ist es immer schwer, da sind alle Händler hellwach. Es ist schon ärgerlich, wenn man die eine oder andere Tulpe vier Cent billiger hätte haben können.” Cleef macht sich auf den Weg zu seinem Lkw, entlang der nicht enden wollenden Kettenbahnen, vorbei an Laderampen.

In den Hallen hängen in regelmäßigen Abständen zweisprachige Warnhinweisschilder: „Achtung Kettenbahn, Let op kettingbaan.” Insgesamt zehn Kilometer dieser Bahnen ziehen die Blumenkarren wie von Geisterhand zu ihrem Bestimmungsort.

An seiner Verladerampe prüft Cleef auf einer Liste, ob die ersteigerte Ware vollständig ist. Dann beginnt er mit dem Verladen. Allein fünf Karren mit jeweils 2500 Tulpen lädt er auf. „Diese Menge kriege ich auf den Wochenmärkten an einem Tag verkauft”, sagt Cleef, der in einer Woche rund 2000 Kunden bedient.

Dennoch läuft der Handel mit Blumen nicht mehr so rosig wie noch vor ein paar Jahren. „Damals hatten die großen Lebensmitteldiscounter noch keine Blumen im Angebot. Und das Geld sitzt bei den Leuten auch nicht mehr so locker.” Nach einer Stunde hat Cleef alle Einkäufe verladen. Abfahrt.

Auf seinem Hof in Waldfeucht deponiert er die Karren sofort in einem Kühlhaus. Jetzt haut er sich erst mal eine Stunde aufs Ohr, bevor er mit dem Sortieren der Ware beginnt.

In den nächsten Tagen muss Cleef wieder früh aufstehen. Wieder wird er um vier Uhr mit seinem Lkw von seinem Hof in Waldfeucht in die Dunkelheit aufbrechen. Diesmal mit anderem Fahrtziel: der Wochenmarkt in Burtscheid. Den Wecker hat er sich dafür schon gestellt.
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