NRW-Innenministerium entlastet Heinsberger Landrat

Von: disch/gego/gs
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Von Aktionen vor dem Wohnhaus des Sexualstraftäters Karl D. rät die Polizei ab. Foto: Georg Schmitz

Heinsberg. Auch am Mittwoch haben etwa 100 Menschen gegen den Aufenthalt des Vergewaltigers Karl D. in Heinsberg-Randerath demonstriert. Seit Samstag lebt der am Freitag aus der Haft entlassene D. (57) bei seinem Bruder und dessen Familie.

Eine schnelle Entscheidung bezüglich der von der Staatsanwaltschaft München eingelegten Beschwerde über das Urteil des dortigen Landgerichts, auch nachträglich keine Sicherungsverwahrung gegen den gemeingefährlichen D. zu verhängen, ist nun doch nicht zu erwarten. Auf einem Transparent vor der Wohnung von D.s Bruder stand zu lesen: „Wir wollen Sicherheit für unsere Kinder! Raus mit dem Kinderschänder!”

Wie der Sprecher des Oberlandesgerichts München am Mittwoch mitteilte, möchte der zuständige Strafsenat erst die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, ehe er eine Entscheidung fällt. Dies könne bis etwa Mitte April dauern.

Das NRW-Innenministerium hat unterdessen die Entscheidung von Heinsbergs Landrat Stephan Pusch (CDU), die Öffentlichkeit über die Anwesenheit D.s in Randerath zu informieren, als „nachvollziehbar und vertretbar” bewertet. Die erklärte Ministeriumssprecher Wolfgang Beus auf Anfrage dieser Zeitung.

Bei einem solchen Schritt in die Öffentlichkeit sei sorgfältig zwischen dem Öffentlichkeitsinteresse und den Persönlichkeitsrechten abzuwägen. Dabei sei von wesentlicher Bedeutung, dass das Gerichtsverfahren um die Sicherungsverwahrung und die Haftentlassung in München von den Medien sehr umfassend verfolgt worden seien und bereits am Sonntag ein Fernsehteam in Randerath vor Ort gewesen sei.

Heinz Franken, Ortsvorsteher von Randerath, musste am Dienstag den ganzen Tag lang Anrufe besorgter Eltern entgegennehmen, die um das Wohl ihrer Kinder fürchten. „Es gibt ein paar besonnene Eltern und ein paar nervöse.” Wenn D. in Randerath bleibe, sagt Franken, „wird das für den Ort ein Kraftakt”. Was genau das bedeutet, weiß er selbst noch nicht genau. „Mal abwarten”, sagt Franken. Wenn es den Menschen nicht so gut geht, wird für viele die Kirche wieder zu einem Ort von Relevanz. Ein paar Meter neben der evangelischen Kirche in Randerath steht das Haus der Pfarrerin Beate Dickmann, 50.

Dickmann sagt, dass die Verunsicherung der Menschen in Randerath greifbar sei. Wo immer im Ort zwei oder mehr Menschen zusammenstünden, gebe es nur ein Thema. Wie immer, wenn die Probleme der großen Welt ohne Vorwarnung über eine kleine Gemeinschaft kommen, „reagieren manche Menschen heftig, emotional”, auch in Randerath. Sie hat selbst zwei Kinder, zwölf und 16 Jahre alte Jungs, auch in ihrer Familie ist Karl D. ein Thema. Sie schlägt einen angemessenen Umgang mit dem Fall vor, aber was angemessen ist und was nicht, kann sie selbst nicht sagen, vielleicht müsse es ein Prozess sein.

Es ist, als würde dieser Tage ein großes Problem im kleinen Randerath ausgetragen, das der Sicherungsverwahrung, aber wie soll ein kleiner Ort Lösungen haben, wenn sich selbst die Rechtsgelehrten nicht einig sind, was richtig ist und was nicht?

Dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, 77, fällt es nicht ganz leicht zu erklären, warum der Rechtsstaat und das intuitive Rechtsempfinden der Bürger, die in ihm leben, sich manchmal so sehr weit voneinander entfernen. Böckenförde, Jurist, Historiker und Rechtsphilosoph, ist Professor und hat sieben Doktor- und Ehrendoktortitel. Nur ein Bruchteil dessen, was er sich mit den Jahren an Wissen und Einsichten erarbeitet hat, kann er bei weniger weisen Menschen als Basis für eine Diskussion voraussetzen.

Man darf ihn trotzdem anrufen. Er sagt, er würde mal versuchen, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Böckenförde hat vom Fall Karl D. gehört, und weil es den Menschen, die jetzt mit D. in einem Ort wohnen müssen, so schwer zu vermitteln ist, dass D. nun einmal da ist und nicht im Gefängnis, sagt Böckenförde: „Dies ist einer der Fälle, in dem das hohe Recht des Individuums eine Rolle spielt, das Recht des Lebens an sich. Über beides hat der Staat keine Verfügungsgewalt.” Das Leben, sagt Böckenförde, könne auch durch verbrecherischstes Handeln nicht verwirkt werden. Ein solches Rechtssystem schließe nicht nur die Todesstrafe aus, es tue sich auch ungeheuer schwer damit, die Freiheit eines Individuums, eines Lebens, radikal und auf unbegrenzte Dauer zu beschränken, wie etwa durch eine Sicherungsverwahrung.

Beate Dickmann ist keine Juristin, sie möchte sich auf diese Diskussionen nicht einlassen, sie sieht die Dinge aus anderer Perspektive. Sie ist Seelsorgerin, und als Vertreterin der Kirche hat sie gegenüber dem Zeitgeschehen eine generelle Distanz, die der Glaubwürdigkeit der Kirche manchmal schadet, manchmal nützt.

Beate Dickmann sagt, sie glaube, dass man auch einen Menschen wie Karl D. in seine Gebete einschließen könne. Dass Kirche keinen Menschen ausschließen dürfe. Insofern sind der Jurist und die Seelsorgerin gar nicht so weit voneinander entfernt.

Bei der Suche nach einem angemessenen Umgang mit dem Fall Karl D. hilft das Randerath aber vermutlich auch nicht weiter, aber vielleicht lässt sich leichter verstehen, warum D. ist, wo er ist.
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