Waldfeucht - Nonnen im Kloster Maria Lind: Für die Sorgen der Menschen da

Nonnen im Kloster Maria Lind: Für die Sorgen der Menschen da

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„Die Menschen tragen ihre Nöte und Sorgen an uns heran, damit wir im Gebet für sie da sind“: Schwester Theresia (rechts) und Schwester Gabriel leben im Kloster Maria Lind zwischen Gebet, Arbeit und Stille. Foto: Anna Petra Thomas

Waldfeucht. Elf Schwestern leben derzeit im Klarissenkloster Maria Lind in Waldfeucht. Klosterkirche und Kapelle sind täglich für zwölf Stunden für Pilger geöffnet, die in einem Fürbittkasten Sorgen oder Anliegen hinterlassen können. Unser Redakteur Thorsten Pracht traf sich im Kloster mit Äbtissin Schwester Theresia und Vikarin Schwester Gabriel zu einem Gespräch über Glauben, Spiritualität und Kirche.

Von außen betrachtet wirkt das Kloster wie eine Insel der Ruhe. Fühlt es sich für Sie auch so an?

Schwester Theresia: Natürlich bekommen wir hier auch mit, was die Menschen außerhalb des Klosters bewegt. Viele der alltäglichen Probleme der Menschen, die um uns herum leben, haben wir natürlich in dieser Form nicht. Um den Arbeitsplatz müssen wir uns beispielsweise keine Sorgen machen. Aber die Menschen tragen ihre Sorgen und Nöte ja an uns heran, damit wir im Gebet für sie da sind. Und so bekommen wir schon vieles mit und sind damit beschäftigt, obwohl die Probleme uns meist direkt nicht betreffen.

Menschen schreiben ihre Sorgen auf, Sie nehmen deren Bitten in Ihr Gebet auf. Worum drehen sich diese Bitten?

Schwester Theresia: Gesundheit und Zufriedenheit sind sicher die großen Themen, in letzter Zeit aber auch vermehrt der Kampf um den Arbeitsplatz oder die Sorge um Familie und Partnerschaft. Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit viele sehr schwere Krankheiten vorkamen, Fälle, in denen Menschen um ihr Leben bangen. Oder sie sich fragen, wie sie mit einer chronischen Krankheit weiterleben sollen. Ich habe den Eindruck, das wird immer mehr.

Kommen auch mehr Menschen persönlich in die Kapelle?

Schwester Gabriel: Wenn ich morgens um kurz vor sechs die Kapelle aufschließe, kommen meistens schon die ersten zum Beten. Und wenn wir abends die Kapelle abschließen, müssen wir die Gläubigen oft darum bitten, die Kapelle zu verlassen. Den ganzen Tag über sind betende Menschen hier.

Die Welt verändert sich, ist schnelllebiger, vieles ist vernetzt. Glauben Sie, dass Menschen bewusst nach einem Gegenmodell suchen?

Schwester Theresia: Ich glaube schon. Es gibt immer mehr Menschen, die sich auch mal zurückziehen wollen, das Handy ausschalten möchten. Auch Familien kommen hierher, vielleicht weil die Eltern den Kindern auch mal einen Ort zeigen wollen, in dem man nicht ständig „bedudelt“ wird.

Die Ruhe spielt in Ihrem Tagesablauf eine große Rolle.

Schwester Gabriel: Unser Tag ist ganz stark strukturiert. Er beginnt morgens um sechs Uhr mit der Betrachtung. Um 6.40 Uhr beten wir das Morgengebet, danach folgt wieder eine stille Zeit bis 7.45 Uhr. Dann beten wir die Terz, um 8 Uhr beginnt die heilige Messe. Daran schließt sich Frühstücks- und Arbeitszeit an, um 12 Uhr beten wir wieder für rund 30 Minuten. Es folgen Mittagessen und Mittagspause, Arbeitszeit von 15 bis 16 Uhr, dann die Betrachtung und im Anschluss die Vesper. Nach dem Abendessen beschließen wir den Tag mit Rosenkranz, einer geistlichen Lesung und um 19.30 Uhr mit der Komplet. Unser Tagesablauf ist also geprägt vom Wechsel zwischen Arbeit, Gebet und stiller Zeit. Wir suchen immer wieder die Nähe Gottes und tragen die Anliegen vor, die an uns herangetragen werden.

Schwester Theresia: Wir bemühen uns, während der Arbeitszeit zu schweigen. Wir haben eine Stunde beim Mittagessen, während der wir miteinander reden. Aber während der Arbeit suchen wir bewusst die Stille.

Um das zu bewältigen, muss man wohl sehr nah bei sich selbst sein.

Schwester Gabriel: Man muss schon gut mit sich klarkommen, sonst kann man dieses Leben nicht leben. Im Grunde genommen beinhaltet unser Leben eine große Monotonie, große Abwechslungen gibt es nicht.

Schwester Theresia: In der Stille ist man allerdings nicht mit sich beschäftigt, sondern mit dem, was man morgens bei der Betrachtung im Evangelium gelesen oder in der Messe gehört hat. Sinn des Schweigens ist ja nicht, ständig darüber nachzudenken, wie es mir selber geht. Es soll ein gefülltes Schweigen sein, ganz bei Gott.

Warum haben Sie sich für diese Art des Lebens entschieden?

Schwester Theresia: Ich sage nicht gerne, dass ich mich entschieden habe. Ich würde eher sagen, dass ich gerufen wurde. Es gab eine Sehnsucht nach diesem Leben, ganz Gott zu gehören. Das geht ja auf ganz verschiedene Weise in verschiedenen Orden und Gemeinschaften. Aber wenn keine Berufung dahinter steht, dann scheitert das. Man kann es nicht von sich aus tun, sondern man wird gerufen. Es gibt so viele Berufungsgeschichten, wie es Berufene gibt. Ich habe beispielsweise in unserer Gemeinde die Kapuziner kennengelernt und das Franziskanische für mich entdeckt.

Schwester Gabriel: Mir war früh klar, dass ich ganz konsequent den Weg mit Gott gehen wollte. Und dann bin ich geführt worden, anders kann ich es gar nicht sagen. Im Bistum Fulda haben Schwestern im Juli 1978 ein Kloster gegründet. Als ich das gesehen habe, war mir sofort klar: Da musst du hin. Ich habe alles sausen lassen, was natürlich viele Menschen schockiert hat, auch meinen Vater. Aber ich wusste, dass dies der Ort war, an dem Gott mich haben will. Ich würde es heute wieder so machen.

Sie verzichten auch auf materielle Dinge, auf persönlichen Besitz. Wie schwer ist das?

Schwester Theresia: Ganz ehrlich – ich vermisse nichts. Mich interessieren moderne Geräte, ich schaue sie mir gerne an. Man kann heutzutage mit einem Gerät telefonieren, Daten speichern, ins Internet gehen, Musik hören. Wenn meine Schwester mich besucht, gehen wir mit ihrem iPad auch mal schnell ins Internet. Das finde ich spannend – aber das brauche ich nicht.

Der Papst lebt Demut und Bescheidenheit für alle Welt sichtbar vor. Wie sehen Sie Papst Franziskus?

Schwester Theresia: Mich fasziniert immer wieder, dass er keine Denkverbote erteilt. Seine Visionen und Träume von Kirche und Gesellschaft finde ich ermutigend. Er steht auch für einen traditionellen Weg, aber er ruft dazu auf, nach neuen Pfaden zu suchen. Seine unkonventionelle Art ist großartig.

Inwieweit darf oder sollte die Kirche sich dem Wandel der Zeit anpassen?

Schwester Gabriel: Ich denke, dass die Kirche sich die Offenheit für alle Menschen unbedingt bewahren sollte. Andererseits ist es gut zu wissen, dass wir innerhalb der Kirche einen ruhenden Pol haben, an den wir uns halten können, der unwandelbar ist. Ich meine nicht die kirchlichen Gesetze. Kirche sollte etwas sein, indem wir Heimat finden in der Ruhelosigkeit unserer Zeit. Das heißt auch, dass wir vielleicht manche Ansichten wandeln müssen. Grundsätzlich bin ich aber froh, dass die Kirche etwas ist, was durch Traditionen gewachsen ist. Durch den Glauben an Jesus Christus kann die Kirche einen festen Punkt im Leben der Menschen bilden, an den sie sich halten können.

Zum neuen Jahr haben viele Menschen gute Vorsätze. Gibt es abgesehen vom großen Leitbild ihres Ordens so etwas wie eine persönliche Motivation?

Schwester Gabriel: Meine Motivation hängt mit diesem großen Leitbild, wie Sie es ausdrücken, zusammen. Ich möchte dem näher kommen, in dessen Fußspuren ich wandeln darf. Und dafür habe ich natürlich im Advent oder in der Fastenzeit über das Jahr verteilt immer wieder solche Fixpunkte. Auch aus der Bibel kann ich mir diese Anhaltspunkte ziehen, speziell aus dem Neuen Testament. Vorsätze zum Jahreswechsel spielen da weniger eine Rolle. Schwester Theresia bietet uns auch als Gemeinschaft immer wieder neue Impulse, mit denen wir unseren Weg gehen können. Das tut gut.

Als „Chefin“ sorgen Sie also für die Motivation der Schwestern?

Schwester Theresia: Das ist in erster Linie ein Dienst an der Gemeinschaft. Ich sehe meine Rolle darin, meine Mitschwestern mitzunehmen. Wir leben nach dem Ideal der Heiligen Klara, und diesen Weg wollen wir als Gemeinschaft gehen. Wir versuchen hier in Maria Lind immer, uns gegenseitig anzustoßen. Ich gebe einen Impuls, und wir machen uns darüber Gedanken. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Gedanken zusammenzufassen. Das sind nicht immer riesige Themen, sondern kann auch unseren Alltag betreffen. Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass die Atmosphäre stimmt, dass jeder den Freiraum erhält, um sich zu entfalten. Dass jede Schwester die Arbeit hat, die sie bewältigen kann und an der sie Freude hat. Man muss den Willen Gottes nicht mit einem miesen Gesicht erfüllen.

Was raten Sie Menschen, die ein wenig Spiritualität in ihren Alltag bringen wollen?

Schwester Theresia: Mein Rat ist: Fixpunkte schaffen. Sich Zeit nehmen für ein Morgengebet. Mein individueller Rat wäre sicher abhängig von demjenigen, der mich anspricht. Spiritualität im Alltag kann auch bedeuten, in der Schlange an der Kasse kurz die Augen zu schließen und zu sich zu finden, statt sich über die Wartezeit zu ärgern. Sich selber auszubremsen, kann sehr wertvoll sein. Wichtig ist auch: Niemand ist allein. Kirche lebt von Versammlung. Gottesdienst ist keine gesellschaftliche Veranstaltung, wie das früher vielleicht mal gesehen wurde. Die Eucharistiefeier ist die Begegnung mit meinem Gott, dem ich verbunden sein will. Die Kraft aus dieser Begegnung kann ich mitnehmen in den Alltag.

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