Nichts geht mehr: Der Absturz von René Schnitzler

Von: René Benden
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Am Boden: Immer tiefer ist der
Am Boden: Immer tiefer ist der Ex-Fußballprofi René Schnitzler in die Spielsucht abgerutscht. Heute macht Schnitzler eine Therapie und versucht, in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Foto: imago

Wegberg. Es muss gegen drei Uhr morgens sein. René Schnitzler ist gerade 18 Jahre alt geworden und hängt mit ein paar Freunden im Casino Aachen rum, so wie es viele Jungs tun, die ihre Volljährigkeit zelebrieren. Alle haben ein paar Euro verzockt. Nun ist es Zeit, nach Hause zu fahren. Doch Schnitzler lässt dieser Roulette-Tisch nicht los.

Er rennt zum Geldautomaten, räumt alles von seinem Giro-Konto, was noch drauf ist - 150 Euro - und setzt alles auf Rot. Die Kugel fällt auf Schwarz, Schnitzlers Geld ist weg, und er steht dort in edlem Ambiente und kann nicht fassen, dass es das jetzt gewesen sein soll.

150.000 Euro in einer Nacht

Was für die Meisten eine Lektion gewesen wäre, ist für Schnitzler eine Herausforderung, ein Kick, ein Beginn. „Die Enttäuschung über das verlorene Geld war schon nach wenigen Stunden weg, und ich habe überlegt, wie ich die Kohle zurückgewinnen kann”, erzählt er. Bald schon ist Schnitzler wieder im Aachener Casino oder in Venlo oder in Duisburg oder, oder, oder.

Er wird sich in der legalen und illegalen Szene den Ruf eines besessenen, unkontrollierbaren Spielers erwerben. Einer, der in einer schlechten Nacht auch schon einmal 150.000 Euro verliert. Er wird seine hoffnungsvolle Fußballerkarriere wegwerfen, er wird Menschen Geld schulden, denen man besser nichts schuldig bleibt. Er wird sich mit der Wettmafia abgeben, er wird in den größten Wettskandal der Fußball-Bundesliga verwickelt und nicht zuletzt die Menschen, die ihn lieben, zur Verzweiflung treiben.

Seit dieser Nacht in Aachen sind nun acht Jahre vergangen. Schnitzler sitzt auf der Terrasse eines Wegberger Cafes und versucht mit Worten ein wenig Ordnung in das Chaos seiner jüngeren Vergangenheit zu bringen. Früher, als er noch Fußballer war, wollte er immer im Mittelpunkt stehen. Vor laufende Kameras treten, in Mikrofone sprechen. Heute nervt ihn diese Aufmerksamkeit. Wenn es ihm zu viel wird, schaltet er sein Handy aus und legt sich schlafen. „Ich schlafe im Moment viel über Tag. Nachts ist es angenehmer, da ruft mich keiner an. Da habe ich meine Ruhe.” Doch tief in seinem Inneren weiß er, dass diese Ruhe nicht echt ist.

Die Staatsanwaltschaft Bochum, die im Fall des Fußball-Wettskandals ermittelt, bereitet gerade eine Klage gegen ihn vor, an deren Ende eine Gefängnisstrafe stehen könnte. Außerdem schuldet er dem holländischen Wettpaten Paul Rooij eine Summe zwischen 100.000 und 400.000 Euro. Schnitzler nippt an seiner Cola und zuckt mit den Schultern. „Ich fürchte, da kommt noch was.”

Die Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer haben Schnitzlers ungewöhnliches Leben in „Zockerliga” beschrieben. Es ist ein Buch, das nicht nur den Niedergang eines jungen Mannes beschreibt, der mit den Privilegien und dem Geld seines Berufs überfordert ist. Es zeichnet auch ein weitestgehend unbekanntes Bild der glamourösen Fußballwelt, in der junge Profis vor lauter Langeweile fast zwangsläufig auf dumme Gedanken kommen, die fast immer etwas mit Geld, mit Frauen oder beidem zu tun haben.

Als Schnitzler in der A-Jugend von Mönchengladbach spielt, scheint sein Weg in die 1. Liga vorgezeichnet. Er ist ein bulliger Mittelstürmer, dem der damalige DFB-Trainer Michael Skibbe doppelt so großes Talent wie Mario Gomez attestiert. Wenn es auf dem Platz eng wird, wussten seine Teamkollegen Marcell Jansen, Marco Marin und Eugen Polanski, dass sie die Kugel im Strafraum irgendwie zu „Schnitzel” spielen müssen. Der macht das Ding dann schon rein.

Als er zu Bayer Leverkusen wechselt und Trainer Klaus Augenthaler ihn behutsam für Bayers Zeit nach Dimitar Berbatov aufbauen will, ist Schnitzler eigentlich schon am Ziel. Doch noch größer als sein Talent ist seine Naivität, die ihn stets in den Glauben versetzt, alles werde schon für ihn laufen. Er lässt sich ablenken vom Geld, von schnellen Autos, dem schönen, sorglosen Leben eines Fußballprofis. Und es wird gezockt. Egal, wo er und seine Teamkollegen gehen oder stehen, sie spielen.

Einmal, sie hatten gerade in Warschau gespielt, stehen sie am Flughafen. Dimitar Berbatovs Hut wird herumgereicht. 500 Euro sind der Einsatz auf die Wette, wessen Koffer als erstes über das Gepäckband läuft. Der Gewinner ist um einen hohen fünfstelligen Betrag reicher.

Obwohl Schnitzler nicht zu den Großverdienern im Team zählt, sind 500 Euro für ihn längst kein nennenswerter Einsatz mehr. „Unter 5000 Euro in der Tasche bin ich damals nicht aus dem Haus gegangen.” Und er ist nicht nur ein Spieler auf dem Fußballplatz. Richtig verbissen spielt er erst, wenn er Karten in der Hand hält. Regelmäßig schlägt er sich die Nächte nun auch in illegalen Pokerrunden um die Ohren.

Bei Bayer Leverkusen merken die Verantwortlichen, dass Schnitzler eigentlich nie in seiner Wohnung unweit vom Trainingsgelände schläft. Die Leistung leidet unter seinem Lebenswandel. Als Klaus Augentaler entlassen wird, ist auch für Schnitzler das Kapitel Bayer Leverkusen abgeschlossen. Er kehrt zurück ins Regionalliga-Team von Mönchengladbach und trifft das Tor dort so oft, dass auch die Mönchengladbacher Profis nicht mehr an ihm vorbeikommen.

Doch eigentlich muss im Team sehr schnell aufgefallen sein, dass der neue Stürmer ein Problem mit dem Spielen hat. Eines Nachts, erzählt Schnitzler, als er in einer illegalen Pokerrunde in Viersen sitzt, trifft er dort einen Kollegen, einen Führungsspieler des Teams, einen Nationalspieler - Oliver Neuville.

Doch während Neuville irgendwann sein Spiel abbricht, nach Hause fährt, um wenigstens halbwegs ausgeschlafen zum Training zu kommen, spielt Schnitlzer wie immer besessen weiter. In der Mannschaft interessiert es niemanden, wie lange er zockt und was er verliert. Einzig sein Teamkollege Peter Wynhoff warnt ihn, als er am Ende der Saison einen Vertrag beim Zweitligisten St. Pauli unterschreibt: „Hamburg wird dein Untergang sein.” Wynhoff soll recht behalten.

Heute träumt René Schnitzler davon, wieder Fußball spielen zu dürfen. Der DFB hat ihn bis September 2012 gesperrt. Daran, dass er noch einmal im Profigeschäft Fuß fasst, mag er selbst kaum glauben. „Aber irgendwas in der Verbandsliga, in der Oberliga. Vielleicht in Verbindung mit einem Job”, sagt Schnitzler. Er wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern in Mönchengladbach-Giesenkirchen. Er hat zugenommen. Irgendwo trainieren, sich fit halten, das dürfte er. „Aber ich hab da jetzt keinen Kopf für.” Sein größtes Glück sei, das sagt er immer wieder, „dass ich noch meine Familie und meine Freundin habe”.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Seine Mutter, sein Vater, seine Freundin haben miterlebt, wie er immer tiefer in die Spielsucht abgleitet. Sie tun ihr Bestes, um ihn wachzurütteln. Sie sorgen für Haussperren in Casinos, sie reden ihm ins Gewissen. Nichts hilft. „War mir doch alles egal. Ein Spielsüchtiger muss erst mal erkennen, dass er krank ist. Soweit war ich aber noch nicht.” Auch nicht, als er sich bei einem stadtbekannten Hamburger Zuhälter Geld leiht und es nicht zurückzahlen kann. In höchster Not lösen am Ende Schnitzlers Eltern ihren Sohn aus der Schuld, indem sie zwei Eigentumswohnungen verkaufen und den Zuhälter bezahlen.

Geld ist Schnitzlers größtes Problem während seiner Zeit in St. Pauli. Fußball ist für ihn zur Nebensache geworden. Er spielt Nacht für Nacht in illegalen Runden und verliert. Das ist gerade für einen Fußballprofi gefährlich. Denn die Wettmafia weiß, dass ein verschuldeter Fußballer der perfekte Komplize ist, um ein Spiel zu manipulieren. Der holländische Wettpate Paul Rooij sieht in Schnitzler den Mann, um in der Bundesliga Fuß zu fassen. Insgesamt 100.000 Euro soll er Schnitzler gegeben haben, damit St. Pauli vier Spiele verliert. Doch Schnitzler bestreitet, dass er für dieses Geld Spiele manipuliert habe. „Ich habe keines dieser Spiele verschoben”, beteuert er. „Ich brauchte einfach nur das Geld.”

Tatsächlich hat St. Pauli aus diesen verabredeten Spielen vier Punkte geholt. In drei Spielen saß Schnitzler nur auf der Bank. Ein weiteres Indiz dafür, dass Schnitzler die Spiele nicht manipuliert hat, könnte der Umstand sein, dass einer der Schläger des holländischen Wettpaten Schnitzler damit gedroht hat, ihm die Beine zu brechen, ihn bei Ebbe an einen Pfahl zu binden und auf die Flut zu warten. Ohne von all diesen dramatischen Entwicklungen im Hintergrund zu wissen, entschließt sich St. Pauli, den Vertrag mit Schnitzler nicht zu verlängern. Trainer Holger Stanislawski ist enttäuscht über die schlechte sportliche Leistung Schnitzlers.

Doch auch das reicht nicht aus, um Schnitzler zu zeigen, in was für eine Situation er sich da hineinmanövriert hat. Erst als am 8. Dezember 2010 die Polizei an seine Rollläden klopft und ihn abführt, ereilt ihn schlagartig Schuldbewusstsein. Die folgende Nacht „war die schlimmste meines Lebens”, erzählt er. Schnitzler verbringt sie in einer Ausnüchterungszelle. „Der Knast bringt mich um.” Am nächsten Tag sagt er umfassend aus, um einer Untersuchungshaft zu entgehen. Seither muss er warten, was die deutsche Justiz mit einem Mann macht, der einen Betrüger betrogen hat.

„Ich habe meine Karriere beenden müssen, weil ich krank bin. Ich bin spielsüchtig. So sehe ich das heute”, sagt Schnitzler, zieht die Schultern hoch und fokussiert seinen Gesprächspartner, als wolle er sichergehen, dass dieser auch versteht, was er da sagt. „Klar, wenn ich meine Karriere aufgrund eines Kreuzbandrisses hätte beenden müssen, hätte das jeder verstanden. Jetzt kommen die Leute und sagen mir, ich sei der größte Vollidiot. Doch das ist Unrecht.”

Zurück zur Normalität

Schnitzler macht jetzt eine Therapie. Er und seine Familie versuchen, wieder ein wenig Normalität in ihr Leben zu bekommen. Sein Vater sammelt immer noch alle Zeitungsberichte über seinen Sohn und heftet sie sorgfältig ab; auch wenn ihm die jüngsten nicht gefallen dürften. Schnitzler selbst liest keinen der Artikel über sich. Er hat auch das Buch, das über ihn geschrieben wurde, noch nicht gelesen.

Seine Freundin macht ihm Stress, wenn er mal wieder den ganzen Tag verschläft. Er gibt sich Mühe, wieder Rhythmus aufzunehmen. Was nun aus ihm werden soll? „Ich weiß nicht. Da sind noch zu viele Dinge, die mir den Blick auf meine Zukunft verstellen”, sagt Schnitzler, zögert einen Moment. „Ich kanns aber auch nicht mehr ändern.”

Einblick in den Alltag gelangweilter Großverdiener

Die Anzahl der Fußballprofis, die sich über dieses Buch freuen, dürfte überschaubar sein. Die Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer geben einen Einblick in den Alltag gelangweilter Großverdiener, die selten etwas Vernünftiges mit ihrem Geld anzufangen wissen. Selbst Nationalspieler gehen nicht immer mit gutem Beispiel voran und werden dabei sogar noch vom DFB unterstützt.

„Zockerliga”, Gütersloher Verlag, 208 Seiten, 16,66 Euro

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