Neonazis entdecken Heinsberg

Von: Elke Silberer, dpa
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Schon vor einigen Wochen gab es in Randerath eine Demonstration, die von der NPD organisiert worden ist. Foto: Georg Schmitz

Heinsberg. Der Mann wird rund um die Uhr beobachtet. Von ihrem Auto aus haben die Polizisten freie Sicht auf das Haus, in dem er wohnt. Sie wollen das Heinsberger Dorf vor dem Mann schützen, der drei Mädchen vergewaltigte.

20 Jahre saß er dafür im Gefängnis und gilt nach seiner Entlassung immer noch als gefährlich. Zunächst betonte die Polizei, sie wolle die Bevölkerung schützen. Schleichend aber hat sich die Situation verändert: Mittlerweile stellt sich die Frage, wer in dem 1400-Einwohner-Dorf vor wem geschützt werden muss.

Alle wissen, wo der Mann lebt, auch die Neonazis. Was sie mit Menschen wie dem 57-Jährigen tun würden, steht in ihrem Parteiprogramm: Todesstrafe für „Kinderschänder”. Das unterstrichen sie unlängst auch bei einer Demo in dem Dorf. Auch wenn kaum jemand den Mann in natura gesehen hat, haben die Menschen eine Vorstellung davon, wie er aussieht.

Kopien von seinem Konterfei hängen im Dorf. Täglich versammeln sich die Bürger vor dem Haus am Dorfrand, um die „Sex-Bestie” - wie er auf Plakaten genannt wird - zu vertreiben. In Medien-Berichten ist von einer „Pogrom-Stimmung” die Rede.

„Das ist eine Eskalationsschraube, die genau das Gegenteil einer sachlichen Auseinandersetzung bewirkt”, sagt der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Alexander Häusler. Der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (CDU) habe sie mit seiner Warnung mit in Gang gesetzt. Pusch hatte die Bevölkerung vor dem bestraften Vergewaltiger dreier Mädchen gewarnt. Diese Warnung „in einer rechtlichen Grauzone” habe die Stimmungsmache angefacht, die sich auch in den täglichen Demos widerspiegele.

„Wenn man da kleine Kinder sieht, die von ihren Eltern Schilder in die Hand gesteckt bekommen mit ,Raus du Sau, dann ist das eine Form der Aufhetzerei, die eine Grundstimmung mit erzeugt, an deren Spitze sich Neonazis setzen können”, sagt der Wissenschaftler an der Arbeitsstelle Neonazis an der Fachhochschule Düsseldorf.

Die NPD versuche, Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern für sich auszunutzen. „Das ist eine Strategie der NPD, sich als Vollstrecker des Volkswillens aufzuspielen und zu inszenieren”, beschrieb Häusler die Systematik.

Er geht davon aus, dass die Neonazis in Heinsberg nicht lockerlassen und weitere Aktionen planen. Der NRW-Verfassungsschutz hat dagegen „keine Anhaltspunkte, dass Heinsberg im Fokus der NPD steht”, sagt Sprecherin Carola Holzberg.

Landrat Pusch schweigt, gibt keine Interviews mehr. Das Innenministerium hatte sich hinter ihn gestellt. An seiner Position habe sich nichts geändert - und an der Sachlage auch nicht, ließ er durch die Polizei seine Sicht der Dinge ausrichten, während der Ortsvorsteher Heinz Franken (70) um den Ruf seines Dorfes kämpft. In einem Flugblatt rief er die Menschen zur Besonnenheit auf und appellierte, nicht mehr täglich zu demonstrieren. Aber die Demonstrationen gehen weiter.

Er hat sich die Leute angeschaut. „Ich sehe überwiegend fremde Gesichter”, sagt er. Nur 20 Prozent seien aus dem Ort. Der Rest kommt auch nach Einschätzung der Polizei aus umliegenden Dörfern. Und die NPD-Rechten seien zur Demo allesamt mit dem Zug angereist, da sei niemand aus dem Ort gewesen. Die Gegend gilt nicht gerade eine Hochburg der Rechten. In den Kommunalparlamenten im Kreis Heinsberg gibt es nur einen NPD-Vertreter im Kreistag.

Frankens „Innenansicht” seines Dorfes unterscheidet sich extrem von der Außenansicht. „Ich habe das Gefühl, Ruhe und Besonnenheit in der Bevölkerung ist vorhanden”, sagt er. Für diesen Mittwoch hat er zu einer Bürgerversammlung eingeladen. „Es findet keine Hetzjagd statt, und die Situation ist auch nicht außer Kontrolle. Es ist für alle eine unbefriedigende Situation”, meint auch Polizeisprecher Schröders.
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