Nach Fusion: Christkönig in Erkelenz nun größte Pfarrei im Bistum

Von: dawin/kalauz
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St. Lambertus wird die Pfarrkirche der neuen Pfarrei. Der 84 Meter hohe Kirchturm ist ein prägnantes Zeugnis gotisch-maasländischer Architektur am Niederrhein. Der Grundstein wurde 1458 gelegt. Foto: Stefan Klassen
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Pastor Werner Rombach leitet die neue Pfarre Christkönig Erkelenz. Sie ist mit 26 000 Gläubigen die größte im Bistum Aachen. Foto: kalauz

Erkelenz. Erkelenz hat seit Beginn dieses Jahres nur noch eine Pfarrei: Christkönig Erkelenz. In Abschlussgottesdiensten sind die Kirchenbücher, also das „Gedächtnis“ der Pfarren, von St. Lambertus und St. Maria und Elisabeth geschlossen worden.

Damit endete für die aktuell 16.000 Katholiken von St. Lambertus eine mehr als 800 Jahre währende Geschichte; die Pfarre St. Maria und Elisabeth, die rund 10.000 Katholiken zählt, war am 1. Januar 2010 aus dem Zusammenschluss von elf bis dahin selbstständigen Gemeinden entstanden.

Am nächsten Sonntag, 18. Januar, wird es einen Fusionsgottesdienst in St. Lambertus geben. Wir sprachen mit Pfarrer Werner Rombach, dem Leiter der neuen Pfarrei Christkönig in Erkelenz, über die Gründe und über die Hintergründe der Fusion, durch die die größte Pfarre im Bistum Aachen entstanden ist.

 

Was sind die wesentlichen Gründe, die die Fusion der beiden Pfarreien des Erkelenzer Stadtgebietes, St. Maria und Elisabeth sowie St. Lambertus, nötig gemacht haben?

Rombach: Letztendlich ist es der Priestermangel. Er führt dazu, dass wir uns neue Strukturen geben müssen. Wir haben jetzt hier zwar auch eine Reihe jüngerer Priester, aber es gibt insgesamt immer weniger Priester. Und auch hier muss man noch weiter einschränken: Bei den wenigen gibt es nur noch wenige, die tatsächlich die Leitungsaufgabe, also die Führung einer Gemeinde übernehmen. Da wir in der katholischen Kirche nach dem Territorialprinzip verfahren...

Das heißt, dass jede Kirchengemeinde von einem geweihten Geistlichen geleitet werden muss...

Rombach: Ja. Nach dem katholischen Weltkirchenrecht ist das so. Es gibt eine kleine Ausnahmeregelung, den Kanon 517, nach dem auch Laien eine Gemeinde leiten können, denen aber immer noch ein Geistlicher übergeordnet ist, der letztlich in einer rechtlich verbindlichen Weise diese Gemeinde leitet. Die Federführung, die Leitung der Gemeinde, muss also immer bei einem geweihten Geistlichen liegen.

Nach dem Territorialprinzip bedeuten immer weniger Priester im Umkehrschluss also immer größere Territorien?

Rombach: Ja, das muss so sein, damit man dem Weltkirchenrecht und der dogmatischen Verfassung der Römisch-Katholischen Kirche gerecht wird.

Die Gläubigen müssen sich also von der bisher üblichen Praxis lösen, dass jede Ortsgemeinde auch ihren eigenen Pfarrer hat?

Rombach: Ja. Wir müssen uns vom derzeitigen „Klein-Klein“ verabschieden. Aus den Prognosen kann man auf das Bistum bezogen ziemlich genau sehen, wie viele Priester man in welchen Zeiträumen noch hat – das kann man altersmäßig errechnen –, und sagt dann beispielsweise: Wir haben noch 80 Priester, die als leitende Priester infrage kommen. Danach werden nach der Anzahl der Priester Gebilde von Gemeinden zurechtgeschnitten. Wenn es also 150 Gemeinden gibt, werden die auf 80 reduziert, für die man auch leitende Priester hat.

Und das führt dann zur Zusammenlegung von bis dahin selbstständigen Pfarreien?

Rombach: Ganz genau. In den einzelnen Pfarren werden Gottesdienste gehalten, aber mit wechselnden Priestern. Auch ich als der leitende Pfarrer bemühe mich, immer wieder die Runde zu kriegen und in regelmäßigen Abständen überall einmal vorzukommen.

Zum einen hat die Gemeinde ein Recht darauf, mich zu sehen, zum anderen ist es mir ein Anliegen, die Dinge zumindest in groben Zügen zu kennen. Entscheidend bleibt, dass die Gemeinde vor Ort ihren christlichen Glauben lebt und entfaltet, und das hängt geistlich nicht nur von Priestern vor Ort ab ! Die Fusion ist zuallererst eine Verwaltungs- und Leitungsentscheidung – das Glaubens-Leben „spielt auf dem Platz“!

Die Fusion hat dann noch mal einen Schub bekommen, als Pfarrer Franz-Josef Semrau der Gemeinschaft der Gemeinden St. Maria und Elisabeth Ende Januar 2013 plötzlich gestorben ist?

Rombach: Richtig. Seine elf Ortsgemeinden waren ja schon zu einer Gemeinde fusioniert. Wenn ich diese noch zusätzlich mit übernommen hätte – was man mir vom Bistum angetragen hat –, dann hätte ich die elf Gemeinden von St. Maria und Elisabeth und St. Lambertus, bestehend aus fünf ehemals eigenständigen Gemeinden, also insgesamt 16 Gemeinden mit je zwei Gremien, Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten, zu leiten gehabt.

Wenn man das leitet, kann man außer Sitzungen vorzubereiten und abzuhalten nichts anderes mehr tun. Und dann kommt noch Eines hinzu: Wir haben nicht nur Priestermangel, wir haben auch zunehmenden Gläubigenmangel, der ja die eigentliche Ursache für den Priestermangel ist.

Sie finden also nicht mehr genügend Gläubige, die in den Gremien der Kirchengemeinde mitwirken wollen...

Rombach: Gott sei Dank ist das in Erkelenz noch nicht so! Wir finden aber auch bei uns leider immer weniger Ehrenamtliche, die sich um die Dinge vor Ort kümmern. Dazu kommt als dritte Komponente noch der Geldmangel. Wir haben einfach nicht mehr das Geld, jede Gemeinde in allen Bereichen mit bezahlten Leuten auszustatten.

Durch Zusammenlegungen kompensieren wir da Vieles: Die Gebilde werden größer, es wird wieder einfacher, die Gremien entsprechend zusammen zu bekommen, Ehrenamtler lassen sich wieder leichter finden. Die Zusammenlegung von Diensten, zum Beispiel die der Organisten, die jetzt auch mitreisen müssen, spart Geld. Durch die sinkende Zahl der Priester sinkt auch die Zahl der Gottesdienste, das heißt: Wir brauchen vor Ort den Aufwand von Hauptamtlichen nicht mehr wir bisher.

Mit 26 000 Katholiken ist die neue Pfarre Christkönig Erkelenz die größte im Bistum. Verleiht ihr das auch mehr Gewicht, wenn es um Entscheidungen geht, die in Aachen für das Bistum getroffen werden?

Rombach: Eine interessante Frage. Das glaube ich... eher nicht... Vom Bistum werden wir meist mit vorgefertigten Dingen konfrontiert.

Aber die neue Größe der Pfarre muss doch auch technisch und organisatorisch ganz neu aufgestellt werden.

Rombach: Ganz sicher. Wir werden uns natürlich in nächster Zeit um Hilfen bürostrategischer Art bemühen, denn alle Mitarbeiter, Priester, Sekretärinnen, Organisten und so weiter, sind für ein so großes Gebilde gar nicht ausgebildet. Zum Beispiel die Kirchenmusik: Auch die ist mit einem hohen Maß an Verwaltung verbunden. Wie kriege ich alle mitarbeitenden ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Organisten an einen Tisch? Wie kann man ein gemeinsames Konzept entwickeln? Da geht wahnsinnig viel Zeit für die Planung drauf.

Schwergewichte sind nun mal auch etwas schwerfällig. Die Organisation der neuen Pfarre ist sicher auch eine große Herausforderung.

Rombach: Oh ja. Da müssen sich jetzt alle Beteiligten auf Vordermann bringen. Entweder müssen sie selbst eigene Strategien entwickeln, ihren neuen Status bestimmen oder Hilfe dafür in Anspruch nehmen. Im Bürobereich müssen unsere Mitarbeitenden derzeit über das übliche Maß hinaus durch Schulungen und Absprachen dieses neue Großgebilde „managen“.

Da muss ich jetzt beim Bistum anfragen, ob die Leute für uns haben oder ob sie uns gezielte Weiterbildungen auch finanzieren. Denn dazu reicht unser Geld nicht. Da, zum Beispiel, wird sich dann zeigen, ob die größte Gemeinde auch ein entsprechendes Gewicht hat. Auf der anderen Seite merke ich in diesem Prozess seit dem Tod von Pfarrer Semrau, dass das Bistum darauf achtet, dass ich im pastoralen Bereich genügend Mitarbeiter habe. Da habe ich gute Unterstützung erfahren, das kann ich nicht anders sagen.

Wie stark ist das pastorale Team an Christkönig Erkelenz?

Rombach: Wir haben derzeit eine Krankenhausseelsorgerin, einen Schulseelsorger; dann haben wir drei Gemeindereferenten, einen Pastoralreferenten; dann haben wir drei Vikare, einen Subsidiar; dann den Herrn Prälaten Poll mit seinen mehr als 90 Lebensjahren, Pfarrer Plewnia mit über 80 Jahren und Pfarrer Salentin, der auch noch wacker mitarbeitet.

Die Zusammenarbeit mit den neuen Kollegen klappte von Anfang an reibungslos?

Rombach: In den ersten Monaten hat es schon auch wegen der ungewohnten Komplexität manchmal geknirscht, das darf man nicht anders sagen. Aber derzeit habe ich das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind. Es gibt eigentlich drei Teamtypen, die ich leite: Da ist das kleine Team, das Kernteam – das sind die Gemeindereferenten, der Pastoralreferent und die drei Vikare.

Es gibt das kleine Team plus – da sind dann die Mitarbeitenden aus der „Kategorie“ Krankenhaus- und Schuldienst mit dabei. Auch da sind uns noch ein bis zwei Leute versprochen. Und schließlich gibt es das „Großteam“, zu dem alle dazu gehören, die in Gottesdiensten aktiv sind.

Es gibt also eine Aufstockung des pastoralen Teams?

Rombach: Ja. Die Leute müssen allerdings erst gefunden werden. Das gilt auch für die in der Pastorale tätigen „Laien“. Wir brauchen noch einen halben Schulseelsorger für die Hauptschule. Und wir brauchen noch jemanden, der die Sozialarbeit koordiniert, also die vielen einzelnen Pfarrcaritasgruppen leitet und zusammenführt und sich auch schwerpunktmäßig mit der Flüchtlingspastoral befasst.

Die zunehmen wird...

Rombach: Ganz genau. Zu dem Kernteam und dem „kleinen Team plus“ kommen die aus der Kategorie dazu und bilden ein größeres Team, das sich so alle sechs Wochen trifft. Parallel dazu gibt es das Großteam, bei dem alle an einem Tisch sitzen. Bei dessen Sitzungen werden die liturgischen Dienste eingeteilt. Das sind an jedem Wochenende 18 bis 19 Dienste, die aufgeteilt werden müssen.

Da sind auch Ehrenamtler als Gottesdienstleiter mit drin, die Priester sind gefordert, um die Messen zu feiern, die Pastoraltheologen, die wir hier haben, bringen sich auch in die Gottesdienste ein. Bei solchen Sitzungen hat man manchmal das Gefühl, auf einem arabischen Basar zu sein, wo der eine den Zuschlag dafür, der andere den dafür bekommt. Aufregend. Und kompliziert.

Man kann raushören, dass die Fusion zu Christkönig Erkelenz auf einem guten Weg ist.

Rombach: Ja, das glaube ich. Weil es konsequent ist. Und es ist ganz im Sinne des Bistums. Und ich bin stolz darauf, dass es ohne Zerwürfnisse und Streit untereinander über die Bühne gegangen ist, auch wenn das alles für mich persönlich oft wirklich stressig war und bleibt. Aber dieses meistens konstruktive Miteinander sucht seinesgleichen im ganzen Bistum !

Was passiert eigentlich mit dem Vermögen der alten Kirchengemeinden?

Rombach: Das Vermögen, das in den Fonds der einzelnen Gemeinden vorhanden ist, bleibt dort auch verhaftet und wird dort eingesetzt, wenn etwas anfällt, etwas repariert werden muss oder sonst irgendetwas. Und es gibt den großen Gesamt-Topf der Kirchenkasse. Da muss der neue Gesamt-Kirchenvorstand jetzt sehen, wo was und wie nach Dringlichkeit gemacht wird. Denn so viel Geld haben wir auch nicht. Da vertraue ich auf die guten Sachkenntnisse der einzelnen Mitglieder.

Sie haben Kirchengeschichte geschrieben...

Rombach: Ja.

Das ist Ihnen bewusst?

Rombach: Vor der Schließung der Kirchenbücher habe ich mich schon mal gefragt: Werner, was machst du da? Was machen wir da? Seelsorge lebt aus der Begegnung – das ist jetzt nicht mehr so wie früher. Indem man diesen großen Zusammenhang schafft, muss man unter pastoraltheologischen Gesichtspunkten schon sagen: Das ist spirituell nicht das Richtige.

Aber letztendlich bleibt uns nichts anderes übrig, weil die Sachzwänge dazu treiben. Wir müssen Kirche heute ganz anders strukturieren, als wir das bisher gewohnt sind. Wir brauchen eine neue Vernetzung von unten nach oben, von der Gemeinde zum Pastor und zum Kirchenvorstand. Dieser Prozess läuft augenblicklich.

Alles ist im Fluss...

Rombach: Ja, panta rhei.

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