Nach fünf Prozessen am Tag knurrt der Magen

Von: Rainer Herwartz
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Marianne Bückers, Corinna Waßmuth und Michael Neudeck (von links) sitzen seit vier Jahren gemeinsam am Richtertisch. Foto: Herwartz

Heinsberg. Eines scheint allen Schöffen gemein: Das Schicksal von Menschen ist ihnen nicht gleichgültig. Zumindest Marianne Bückers und Michael Neudeck vermitteln diesen Eindruck. Der 37-jährige Angestellte im IT-Bereich und die 67 Jahre alte Rentnerin, die sich viele Jahre als stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe engagierte, nehmen alle fünf Wochen am Richtertisch des Jugendschöffengerichts in Heinsberg Platz, um gleichberechtigt mit der hauptamtlichen Richterin und stellvertretenden Leiterin des Amtsgerichtes, Corinna Waßmuth, „Im Namen des Volkes“ Recht zu sprechen.

„Ich habe gedacht“, sagt Michael Neudeck, „vielleicht kann man ja die Welt ein kleines Stück besser machen, als wenn man einfach nur zu Hause sitzt.“ Für Marianne Bückers, die wie ihr Mitschöffe für das Amt vorgeschlagen wurde ohne es zu wissen, war das sowieso nie eine Option. Und die Arbeit mit Jugendlichen lag ihr besonders. „Ich war jahrelang für integrative Tagestätten zuständig“, sagt sie.

In den vier Jahren, in denen die beiden Schöffen nun schon einige Dutzend Urteile fällen mussten, hat sich auch ihre eigene Einschätzung der Dinge gewandelt. „Früher hätte ich bei mancher Straftat gesagt, direkt wegschließen, doch das ändert sich. Man bekommt eine andere Sichtweise“, hat Michael Neudeck an sich selbst festgestellt. „Ich habe schon Angeklagte hier sitzen sehen“, ergänzt Marianne Bückers, „bei denen ich gedacht habe, wenn ich ihn hätte großziehen können oder er ganz einfach nur normale Familienverhältnisse erlebt hätte, wäre es nicht so weit gekommen.“

Bei seiner ersten Verhandlung sei er schon nervös gewesen, erinnert sich Michael Neudeck. „Ich wusste nicht genau, was passiert und welchen Umfang meine Aufgaben haben würden.“ Die hauptamtliche Richterin habe da jedoch Ängste und Bedenken schnell zerstreut.

„Ich war nicht darauf eingestellt, dass es so lange dauern würde“, war Marianne Bückers überrascht. Bei drei bis fünf Verhandlungen am Tag kann sich dieser bis in die frühen Abendstunden hinziehen. Und wenn man dann vergesse, zwischendurch etwas zu essen, mache sich bei ihr auch schon mal der Magen mit lautem Knurren bemerkbar.

Wie sich die beiden Schöffen auf ihre Verhandlungen vorbereiten? „Das Nicht-vorbereitet-sein, das Unvoreingenommene ist ja gerade Sinn der Sache“, erklärt Michael Neudeck. Da pflichtet ihm Corinna Waßmuth bei. Seit 20 Jahren ist sie nun schon Richterin. „Wir treffen uns ein paar Minuten vor der Verhandlung und ich erkläre nur ganz grob, worum es in dem Fall geht. Die Schöffen verhindern den juristischen Elfenbeinturm. Es verhindert, dass das, was entschieden wird, nur eine juristische und nicht auch eine menschliche Entscheidung ist.“ Einmal habe sie sogar erlebt, dass sie von zwei Schöffen in der Urteilsbemessung überstimmt worden sei. „Doch das ist ausgesprochen selten der Fall.“ Ohnehin könnten die Schöffen im Alleingang nur einen Freispruch bewirken, nicht jedoch eine Verurteilung. Das sei so vorgesehen, damit es nicht etwa zu einer Verurteilung gegen geltendes Recht komme.

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