Heinsberg-Porselen - Nach 66 Jahren Feldpost vom Bruder

Nach 66 Jahren Feldpost vom Bruder

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Willi Wirtz mit dem Bild und einem der Briefe seines Bruders Peter, die 66 Jahre brauchten, bis sie dort ankamen, wo sie hin sollten. Foto: N. Schuldei

Heinsberg-Porselen. Gibt es Zufälle? Klaus Waesch ist sich da seit einigen Tagen nicht mehr ganz so sicher. Er saß, wie er das öfter zu tun pflegt, mit Bekannten in seiner Stammkneipe in Randerath auf ein oder zwei Bierchen, will gerade zahlen, als die Tür aufgeht und ein Schulfreund, den er lange nicht gesehen hat, reinkommt.

Klaus Waesch bleibt noch auf ein oder zwei Bierchen, man spricht über dies und das, über Gott und die Welt, natürlich über Politik und irgendwie fällt dann der Name Willi Wirtz, der lange Jahre Fraktionsvorsitzender der FDP im Heinsberger Stadtrat war. „Das ist mein Schwiegervater”, sagt Waesch. „Für den habe ich noch Post Zuhause auf dem Speicher liegen”, sagt der Schulfreund. „Post? Auf dem Speicher?” „Ja, Feldpost.” „Feldpost?” „Weißt du was: Ich bring dir die Briefe vorbei.”

Die Ju 52 auf der Briefmarke

Am nächsten Tag steht der Schulfreund in Porselen bei Wirtz vor der Tür und hat drei Briefe in der Hand. Auf den blauen, schon gelb geblichenen Couverts steht oben links mit Balken unterstrichen „Luft-Feldpost”, rechts die blaue Briefmarke „Deutsches Reich” mit einer Ju 52 als Motiv und darunter „Mathias Wirtz, Porselen 92, Kr. Geilenkirchen, Rhld.”, die Adresse. „Ja”, sagt Willi Wirtz, als er die Briefe in der Hand hält. „Die sind von unserem Peter.”

Der landwirtschaftliche Betrieb

Peter war der älteste Sohn von Mathias Wirtz, der in Porselen einen landwirtschaftlichen Betrieb hatte. „Mein Bruder war drei Jahre älter als ich”, sagt Willi Wirtz. Der heute 81-Jährige ist auch Tage später noch berührt, betroffen und bewegt, wenn er auf die Post, die am 19. November 1942 in Russland auf den Weg gebracht worden ist und im Januar 2009 den Adressaten erreicht hat, zu sprechen kommt. „Wir sind ja hier auf dem Hof gemeinsam groß geworden.”

Die beiden Jungs werden zusammen gespielt und getobt haben, mussten sicher auch dem Vater in der Landwirtschaft helfen, Kühe melken wie die beiden Schwestern auch oder den Stall ausmisten, sie haben zusammen am Tisch gesessen und vor dem Essen gebetet - bis die Chargen des Krieges auch in der niederrheinischen Provinz ihren Tribut forderten: Peter wurde rekrutiert, zu den Waffen eingezogen.

Er marschierte wie so viele Richtung Osten. „Wir wissen nur, dass er in Süd-Russland war”, sagt Willi Wirtz. Nach Baku am Schwarzen Meer soll es ihn verschlagen haben. Sicher weiß Willi Wirtz von seinem Bruder heute nur dies: „Am 11. Januar 1943 ist er in Nemetzko Potaponsky gefallen.” Wo liegt das? „Wir wissen es nicht.”

Peter hat sich Mühe gegeben, als er die Briefe irgendwo im fernen Russland nach Hause, nach Porselen geschrieben hat: Akurat sind die Buchstaben mit Bleistift gesetzt, schön ist die Schrift, eine Mischung aus Sütterlin und heutiger Schreibschrift. „Hoffentlich hat Willi es am 1. Mai nicht zu bunt getrieben”, schreibt der große Bruder. Man spürt, dass er liebend gern dabei gewesen wäre, als in Porselen 1942 der Maibaum gesetzt wurde. Stattdessen liegt er tausende Kilometer fern der Heimat auf seinem Marschgepäck.

Auch die Pferde rekrutiert

Seine Gedanken aber sind Zuhause: „Hat der kleine Willi schon die Ochsen eingespannt?”, fragt er ohne Antwort zu erwarten. „Die Pferde”, sagt der kleine Willi heute, „wurden ja auch rekrutiert. Wir hatten nur noch die Ochsen.”

Ein „richtiger Schock” sei es für ihn gewesen, als er die Briefe seines Bruders nach so vielen Jahren jetzt gelesen hat. „Da kam so viel wieder hoch.” Die Flut von Erinnerungen wühlt auf, Gefühle werden wach, die Gerüche in der Küche wenn Panhas gebraten wurde.

Wie aber kommt der Brief an Mathias Wirtz in Porselen auf den Speicher eines Hauses in Randerath? „Keine Ahnung”, sagt Klaus Waesch. Sein Freund, das weiß er sicher, hat eine Briefmarkensammlung, die er von seinem Opa übernommen hat. „Möglich”, vermutet Willi Wirtz, „dass dem die Briefe aus irgendwelchen Gründen Anfang 45 in die Hände gefallen sind und sie dann in den Wirren der Nachkriegszeit einfach vergessen worden sind.” Möglich, ja.

Die Briefmarke, die blaue mit der Ju 52 drauf, jedenfalls hat nur geringen Sammlerwert. Aber für die Erinnerung an einen lieben Menschen ist ihr Wert zumindest für Willi Wirtz aus Porselen unschätzbar.
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