Nach 30 Jahren verlässt Theo Görtz das Stadtarchiv

Von: Nicola Gottfroh
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Als Leiter des Stadtarchivs hat Theo Görtz 30 Jahre lang dafür gesorgt, dass die Wurzeln der Stadt und seiner Bewohner nicht in Vergessenheit geraten. Foto: N. Gottfroh

Erkelenz. 70.000 Einheiten in 72 Beständen, unzählige Bücher, Dokumente, Urkunden dicht an dicht untergebracht auf 1800 Metern Rollregal. Das ist der nüchterne Maßstab der Arbeit von Theo Görtz. Emotional gesehen ist es für den Erkelenzer Stadtarchivar aber viel mehr, denn er verwaltet die Geschichte der Stadt.

„Hier steckt die Vergangenheit für die Zukunft drin“, sagt er. Als Leiter des Erkelenzer Archivs hat er 30 Jahre lang dafür gesorgt, dass die Wurzeln der Stadt und seiner Bewohner nicht in Vergessenheit geraten. Bis Ende Februar ist er noch für die unzähligen Dokumente im Erkelenzer Stadtarchiv verantwortlich, dann geht er mit 65 Jahren in den Ruhestand.

Noch viel zu tun

Der Abschied wird ihm nicht leicht fallen, denn nicht nur die Geschichte der Stadt steckt zwischen den Rollregalen, auch jede Menge von Görtz selbst. Immerhin war das Archiv drei Jahrzehnte lang seine Domäne.

„Es gibt noch so viel, was zu tun ist. Dinge, die man angepackt hat und zu Ende bringen möchte“, sagt er und betont: „Aber ein endgültiges Ende meiner Arbeit, die sich um die Geschichte von Erkelenz dreht, ist mein Abschied aus dem Stadtarchiv ja nicht.“ Immerhin sei er vor wenigen Wochen ja erst für weitere zwei Jahre zum Geschäftsführer des Heimatvereins gewählt worden. „Und der ist bekanntlich in Erkelenz eng mit dem Stadtarchiv verwurzelt.“

Dass er beinahe sein ganzes Berufsleben lang Herr über das Gedächtnis seiner Heimatstadt sein würde, das hatte er zu Beginn seiner Tätigkeit in der Verwaltung der Stadt Erkelenz nicht gedacht. Immerhin hatte er gar keine archivarische Ausbildung. Aber er hatte Interesse an der Geschichte Erkelenz‘. Und so fiel schnell sein Name, als 1980 Gespräche zur Wiederbelebung des Heimatvereins Erkelenz, dessen Aktivitäten zu dieser Zeit seit einigen Jahren ruhten, aufgenommen wurden.

„Die Verwaltungsspitze wünschte, dass ein Mitglied der Verwaltung die Geschäftsführung des Vereins übernehmen würde – und das war eine Aufgabe, auf die ich Lust hatte“, sagt Görtz. Drei Jahre später wurde dann die Stelle im Archiv an ihn herangetragen. „Ich dachte: Das passt. Das ist keine schlechte Aufgabe für mich. Immerhin hatte ich schon als Kind Zeitungsausschnitte über Interessantes in meiner Heimatstadt gesammelt“, sagt er.

Nachdem Theo Görtz, der bis dahin nur als Besucher im Archiv gewesen war, ein einmonatiges Praktikum im Stadtarchiv Düsseldorf abgelegt und vier Monate beim Lehrgang in Brauweiler und im Stadtarchiv Mönchengladbach gelernt hatte, zog er in den Keller des Rathauses, wo das Archiv damals noch untergebracht war.

„Ich habe das Archiv dann so aufgebaut, wie ich es bei den Praktika und Lehrgängen gelernt hatte“, sagt er und betont: „Dass ich kein diplomierter Archivar bin, hat mir nie geschadet – und ich denke dem Archiv auch nicht.“

Vor allem deshalb nicht, weil er stets engagiert und mit Leidenschaft bei der Sache gewesen sei. Weil er immer mit Fingerspitzengefühl agiert habe. Und weil es ihm als echter Erkelenzer mit viel Heimatbewusstsein leicht gefallen sei abzuwägen, was er wegwarf und was er archivierte. „Ich lebe seit 65 Jahren in dieser Stadt, kenne die Menschen und die Geschichte“, sagt er.

Nein, er habe sich nicht dafür entschieden, Archivar zu werden, weil es sein Traumjob war, sagt er viele Jahre später. „Diese Entscheidungen haben andere für mich getroffen. Aber ich denke, dass ich diese Aufgabe ausgefüllt habe“. zieht er ein Resümee. Und so wurde die Arbeit im Archiv für ihn ein Traumjob. An beinahe jedem Tag der vergangenen 30 Jahre hat ihm seine Arbeit Spaß gemacht hat. „Wer kann das schon behaupten“, fragt er.

Nur die Lage des Archivs, tief unter der Erde, die gefiel ihm nicht. „Es war wie in den gängigen Vorurteilen: Das Archiv im Keller, der Archivar ein verstaubter, alter Kellermensch, der keinen Kontakt zu den Bürgern haben will. Nein, dieses Klischee wollte ich nicht erfüllen. Ich wollte zeigen, dass das nicht so ist.“ Deshalb rief Görtz die Erkelenzer dazu auf, ihre alten Dokumente statt in die Mülltonne ins Archiv zu bringen. Und die Erkelenzer brachten über die Jahre unzählige Totenzettel, Festschriften, Münzen, Fotos, Plakate, Todesanzeigen oder Ansichtskarten.

Und irgendwann erledigte sich auch die Geschichte mit dem Keller von selbst. Denn glücklicherweise durfte Görtz 2005, nach 22 Jahren Archivarbeit im Keller, endlich an die Oberfläche ziehen. „Der Neubau wertete das Archiv ungemein auf. Kaum waren wir in dem neuen, modernen Gebäude, nahm das Archiv auch plötzlich im Bewusstsein der Bürger einen ganz anderen Platz ein“, erinnert sich der Archivar.

Für Görtz wird der Abschied in den Ruhestand wohl zunächst der Einstieg in den Unruhestand. Denn Aufgaben hat er noch viele – mal ganz abgesehen von seiner Rolle als Geschäftsführer des Heimatvereins. „Langeweile wird bei mir sicherlich nicht aufkommen“, sagt Görtz.

Die neugewonnene Zeit werde er auf seine Enkel aufteilen, für die Arbeit im großen Garten nutzen und für Fahrten und Aktionen mit dem Heimatverein. „Und ich kann mir immer noch ganz andere Aufgaben suchen. Ich könnte zum Beispiel Chroniken für Vereine aufarbeiten – wenn ich im Ruhestand überhaupt noch Lust auf diese Arbeit habe – wenn ich nicht lieber im Garten arbeite“, sagt er. Wer es glaubt...

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