Mit neuer Lunge büffeln fürs Abitur 2014

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
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Sein Ziel steht fest: Wenn es ihm die Gesundheit erlaubt, möchte Jan-Peter Heutz Chemie studieren.
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Stolz sind die Fachlehrer des Hückelhovener Gymnasiums auf ihren Fern-Schüler, der über das Internet in den Kursraum zugeschaltet wird (v.li.: Guido Rütten, Dr. Yvonne Noppeney, Kathrin Kaumanns, Ralf Peter, Christoph Esser, Pedro Matias und die stellvertretende Schulleiterin Gundi Sanders-Edel.

Hückelhoven/Wassenberg. In den Ferien büffeln für die Abiturprüfungen im nächsten Jahr? Für die meisten Pennäler ist das wohl eine Horrorvorstellung. Vor allem angesichts des herrlichen Badewetters. Für Jan-Peter Heutz hingegen ist es ein wahrer Glücksfall, denn das Leben des Wassenbergers, der seit seiner Geburt an der Lungenkrankheit Mukoviszidose leidet, hing lange Zeit am seidenen Faden.

Auch wenn der ein oder andere Ärger oder eine unschöne Note die gute Sommerlaune bei manchem Jugendlichen etwas getrübt haben mag, so entschwanden die meisten doch gut gelaunt in die Ferien. Der glücklichste Schüler des Gymnasiums in Hückelhoven dürfte jedoch der 21 Jahre alte Jan-Peter Heutz sein.

Seit drei Jahren kann er keine Schule mehr besuchen und hält sich beinahe nur noch in seinem Zimmer im Haus der Familie in Wassenberg auf. Die Schwächung seines Immunsystems lässt den Aufenthalt in einem bakteriell belasteten Umfeld wie einem Klassenzimmer nicht zu. „Bis 15 oder 16 konnte ich eigentlich noch alles machen,“ sagt Jan-Peter. Doch dann habe sich der Zustand seiner Lunge zusehends verschlechtert. Bis dahin hatte er das Cornelius-Burgh-Gymnasium in Erkelenz besucht. Doch das ging nun nicht mehr.

Langeweile machte sich breit

Ein eher öder Tag zuhause folgte fortan dem nächsten. „Es war sehr langweilig. Außerdem bin ich keiner, der sagt, oh Gott, bloß keine Schule“, erinnert sich der heute 21-Jährige. Seinen Eltern blieb dies natürlich nicht verborgen. Und gemeinsam suchten sie nach einer Lösung, wie der wissbegierige Junge vielleicht doch noch weiter unterrichtet werden könne. „Ich habe eine Tante, die selbst Lehrerin am Cusanus-Gymnasium ist. An die haben wir dann den Wunsch herangetragen.“ Mit Erfolg, denn diese sorgte dafür, dass Jan-Peters Schicksal über das Schwarze Brett in mehreren Gymnasien publik wurde.

Dass auch der Oberstudienrat Guido Rütten vom Hückelhovener Gymnasium die Geschichte las, wurde für den Wassenberger zum wahren Glücksfall. Vielleicht spielte dabei ja auch die Tatsache eine Rolle, dass Rütten neben Deutsch katholische Religion unterrichtet. Berührt von Jan-Peters Schicksal fragte Rütten jedenfalls beim Schulrat nach und erfuhr dort, dass an Jan-Peters alter Schule offenbar nicht die Möglichkeit bestand, ihn zuhause in allen Fächern zu unterrichten. „Seit eineinhalb Jahren hockte er nahezu völlig abgenabelt in seinem Zimmer“, erklärt Rütten.

Doch das sollte sich nun ändern. Rütten schaltete umgehend die Bezirksregierung ein, die zusicherte, dass der Wassenberger nach der Ausbildungs- und Prüfungsordnung des Abendgymnasiums beschult werden dürfe. „Aufgrund seines Handicaps ist es ein leicht reduziertes Programm mit sechs statt neun Fächern“, erläutert der Pädagoge. „Sein Abitur wird er aber ganz normal in vier Fächern ablegen, wie die anderen Abiturienten auch.“

Seit 2012 ist Jan-Peter nun Schüler des Gymnasiums Hückelhoven, obwohl er es noch nie betreten hat. Dort fanden sich sechs Lehrer, die den schwer kranken Wassenberger parallel zu den Kursen in der Schule zu Hause unterrichteten.

Natürlich verlangt das Vorhaben nach jeder Menge Engagement und Logistik. Ein eigener Stundenplan wurde entwickelt. Und vor, während oder nach ihrem Unterricht stiegen die Lehrer in ihr Auto und machten sich auf den Weg nach Wassenberg. Ergänzt wurde dieser Individualunterricht durch den Einsatz von digitaler Übertragungs- und Aufzeichnungstechnik. Auf einer Lernplattform konnte Jan-Peter außerdem mit den Lehrern und Schülern kommunizieren. So gelang das Unglaubliche: Der schwer kranke, aber lernwillige Wassenberger arbeitete parallel zu seinen Kursen, schrieb alle Klausuren und hatte die Fachhochschulreife fast in der Tasche. – Doch seine Gesundheit sollte ihm abermals übel mitspielen

In den letzten Wochen wurde das Arbeiten immer anstrengender. Die Krankheit schlug mit aller Gewalt zu: Die Lunge war, trotz permanenter Sauerstoffzufuhr, zunehmend verschleimt und das Lungenvolumen war auf 0,6 Liter geschrumpft. Zum Vergleich: Das Lungenvolumen eines gesunden Erwachsenen beträgt 5 bis 7 Liter. „Angesichts der nicht zu übersehenden Anstrengung bekamen auch die Lehrer allmählich ein mulmiges Gefühl“, sagt Rütten. Doch der Ausnahme-Schüler gönnte sich keine Auszeit. „Selbst als er kaum noch Luft bekam, hat er sich durch alles durchgebissen. Den muss man nicht motivieren.“ Dies sei auch einer der Gründe, warum seine Lehrerkollegen bis zum heutigen Tage gerne mit ihm arbeiteten.

Am 19. Juni, dem Tag der geplanten Informatik-Klausur, erfolgte dann der aufgeregte Anruf, der in der Schule ein Wechselbad aus Freude und Sorge auslöste. „Jan-Peter ist mit dem Rettungswagen auf dem Weg in die Klinik nach Hannover“, hieß es. Dort lag eine Spenderlunge zur Transplantation bereit, und er stand auf dem ersten Platz der Warteliste. Noch in der Nacht wurde er operiert.

Der Sorge folgten schließlich die ersten guten Nachrichten aus Hannover. Die Ärzte hatten hervorragende Arbeit geleistet, das Organ funktionierte und Jan-Peter sei wie neugeboren. Große Erleichterung machte sich breit.

Und wie fühlt sich der 21-Jährige heute? „Es ist schwer zu vergleichen mit früher“, sagt er. „Vor der OP war von Aktivitäten nichts mehr möglich. Ich darf heute auch noch keine schweren Sachen heben, nur gehen, aber nicht laufen.“ Letzteres hänge jedoch weniger mit der Anstrengung zusammen, sondern mit den Erschütterungen des Körpers beim Joggen. Leichtes Hanteltraining oder das Strampeln auf dem Ergometer seien hingegen kein Problem.

„Auch die Ärzte sind sehr zufrieden. Ich bin jetzt soweit, dass ich in einem Jahr Abitur machen werde“, ist Jan-Peter zuversichtlich. „Aber bis dahin darf ich noch nicht in Gebäude mit großen Menschenansammlungen, wegen der Ansteckungsgefahr, weil mein Immunsystem durch die Transplantation und die Einnahme von Medikamenten geschwächt ist. Deshalb kommt auch der Besuch der Schule noch nicht in Frage.“

Also kommt die Schule quasi zu ihm, und die Lehrer setzen auch schon in den Ferien die Arbeit fort, damit Jan-Peter, der in allen Fächern zwischen eins und zwei steht, vielleicht bald seinen Traum verwirklichen kann – ein Chemiestudium in Jena.

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