Wassenberg - Mit Geld vom Land gegen den Ärztemangel auf dem Land

Mit Geld vom Land gegen den Ärztemangel auf dem Land

Von: Daniel Gerhards
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Als Hausarzt aufs Land? Zu wenige Mediziner gehen diesen Schritt. Deshalb will das Landesgesundheitsministerium mit dem Hausarztprogramm gegensteuern. Foto: dpa
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Trotz einiger Probleme ein erfüllender Beruf: Dr. Susanne Beckers und Dr. Ahmed Wardeh arbeiten als Hausärzte in Wassenberg. Foto: D. Gerhards

Wassenberg. Eigentlich war Dr. Ahmed Wardeh schon einmal im Ruhestand. 2007 hatte er seine Praxis in der Wassenberger Oberstadt geschlossen – mit 67 Jahren. Mittlerweile ist Wardeh 76 Jahre alt, und er praktiziert wieder als Hausarzt. In einer Gemeinschaftspraxis mit Dr. Susanne Beckers in der Wassenberger Innenstadt.

Der Ruhestand war wohl nicht das Richtige für Wardeh. „Ich bin Mediziner mit allen Sinnen“, sagt er. Mit seiner Routine und seiner großen Erfahrung ist Wardeh für seine Patienten ein Gewinn, und er trägt dazu bei, dass die hausärztliche Versorgung in Wassenberg aktuell nicht gefährdet ist. Noch nicht könnte man sagen. Denn Zahlen des Landesgesundheitsministeriums legen nahe, dass in Wassenberg eine „Gefährdung der hausärztlichen Versorgung droht“.

Die Rechnung, bei der das Ministerium Stellen – nicht Köpfe – betrachtet, geht so: Von 7,5 Hausärzten in Wassenberg sind 3,5 älter als 60 Jahre. In Wassenberg droht nach dem Maßstab des Ministeriums eine Gefährdung, weil ein Versorgungsgrad von weniger als 60 Prozent besteht, wenn nur die Ärzte berücksichtigt werden, die jünger als 60 Jahre sind. Deshalb können Hausärzte, die sich in Wassenberg neu niederlassen oder die einen Hausarzt zusätzlich anstellen, eine Förderung von 50.000 Euro erhalten. In der Praxis heißt das: Das Ministerium will mehr Ärzte dazu bewegen, aufs Land zu kommen.

Schlechtere Infrastruktur

Warum sich so wenige junge Ärzte in kleinen Städten und Gemeinden niederlassen wollen, hat unterschiedliche Gründe. Eine Rolle spiele, dass die Infrastruktur in Städten besser ist, sagt Wardeh. Theater- oder Konzertbesuche sind mit viel weniger Aufwand verbunden, wenn man zum Beispiel in Aachen lebt und arbeitet. Und wer seine Praxis zum Beispiel in Düsseldorf hat, hat tendenziell auch mehr Privatpatienten und damit bessere Verdienstaussichten, sagt Beckers.

„Wer nicht hier aufgewachsen ist, kommt auch nicht in den Kreis Heinsberg“, sagen die beiden Mediziner. Beckers kam einst der Liebe wegen – und arbeitete zunächst als Orthopädin. Nach der Scheidung machte sie als Hausärztin weiter. Eine Mischung aus Zufall und Glück sei das gewesen. „Es macht Spaß ohne Ende. Als Hausarzt hat man viel mehr Bezug zu den Patienten. Ich kenne viele Patienten auch privat, weil ich viel in Wassenberg unterwegs bin“, sagt Beckers. Je mehr sie über die Patienten wisse, desto besser könne sie auf sie eingehen, sagt die Ärztin. „Als Hausarzt hat man eine engere Beziehung zu den Menschen.“

Wardeh meint, dass der Hausarztberuf in den vergangenen Jahren sogar attraktiver geworden ist. „Früher haben wir immer gearbeitet – Tag und Nacht“, sagt er. Die Leute standen abends vor der Tür, weil sie noch ein Rezept brauchten oder riefen wegen Beschwerden mitten in der Nacht an. Weil es heute Notdienstzentralen gebe, könne man tatsächlich um 18 Uhr Feierabend machen. „Im Krankenhaus sind die Arbeitszeiten irrsinnig. Die Niederlassung ist eine gute Alternative“, sagt Wardeh.

50.000-Euro-Förderung

Ob die 50.000-Euro-Förderung aus dem Hausarztprogramm des Landes den Ärztemangel auf dem Land beenden kann? Beckers bezweifelt das. „In dem Programm muss man sich verpflichten, für zehn Jahre niedergelassen zu sein“, sagt sie. Wenn man die 50.000 Euro auf die zehn Jahre umlege, blieben 5000 Euro im Jahr, die auch noch zu versteuern seien. Und dafür komme niemand. Beckers weiß aber von Städten, die zum Beispiel auf Ärztemessen regelrecht um die Mediziner buhlen. Da geht es dann um Hilfe beim Hauskauf und andere Vergünstigungen. Das sei viel eher sinnvoll.

So etwas haben die Verantwortlichen im Wassenberger Rathaus noch nicht versucht, sagt Bürgermeister Manfred Winkens (CDU). Es sei aktuell auch nicht sinnvoll, weil es derzeit in Wassenberg gar keinen freien Hausarztsitz gibt. Über das Thema mache man sich aber dennoch Gedanken. Winkens sagt, dass man überlegt habe, im geplanten, etwa 80 Häuser umfassenden Baugebiet zwischen Wassenberg und Birgelen ein Grundstück für einen Arzt zu reservieren und es ihm kostenlos anzubieten. Aber es fehlt eben der freie Sitz für einen Hausarzt.

Die Geschichte mit den freien oder belegten Arztsitzen, über die die Kassenärztliche Vereinigung wacht, ist für Beckers ein Faktor, der den Hausarztberuf – im Allgemeinen, nicht nur auf dem Land – unattraktiv mache. „Ich habe manchmal das Gefühl, das ist so reglementiert wie früher in der DDR“, sagt sie. Und diese Kritik zielt nicht nur auf die Sitzvergabe. Auch auf das Verschreiben von Medikamenten. Auf die Vorschriften in Sachen Fortbilden. Oder die Voraussetzungen, sich überhaupt niederlassen zu können.

Zehn Minuten bringen zehn Euro

Ein weiteres Problem sei, dass im deutschen Gesundheitssystem die medizinische Technik wesentlich besser bezahlt werde als das Gespräch mit dem Patienten. „Ein Zehn-Minuten-Gespräch bringt zehn Euro. Dafür arbeitet kein Handwerksbetrieb“, sagt Beckers. Dabei sei das Gespräch mit den Patienten enorm wichtig. Wenn man sich die Zeit nehme, könne man Operationen verhindern, sagt Beckers. Demnach gibt es also eine ganze Reihe Fehler im System. „Man kann es leider nicht von unten ändern. Das ist frustrierend“, sagt Beckers.

Seine Leidenschaft für die Medizin hat Wardeh trotzdem weitergegeben. Seine drei Kinder sind allesamt Ärzte geworden. Und einer seiner Söhne kommt am 1. März als Hausarzt nach Wassenberg.

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