Mit Frauen-WG den Teufelskreis verlassen

Von: dawin/kalauz
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Elke Burbaum ist die für die AWO-Frauengruppe in Hückelhoven zuständige Sozialpädagogin. Sie berät, vermittelt, hilft den Frauen zwischen 18 und 65 Jahren in oft schwierigen Lebenssituationen. Foto: kalauz; Stock/Gerhard Leber

Hückelhoven. Der Blick aus dem Fenster des AWO-Gebäudes in der Bauerstraße bis weit in die sonnenbeschienene Region hinein fasziniert den Gast. Einfach schön, sehr schön. Das ist die eine Realität, um die man die Bewohnerinnen des Hauses beneiden könnte, gäbe es da nicht noch die andere, die problembeladene Realität.

Die Bewohnerinnen, derzeit acht an der Zahl, haben Aufnahme in der AWO-Frauenwohngruppe gefunden, um dort für einen befristeten Zeitraum zu leben und ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Die Frauen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren haben in aller Regel eine schwere Zeit hinter sich, wenn sie sich in ihrer Not in die Obhut der AWO-Wohngruppe flüchten. „Es ist Gewalt durch den Partner, es ist die unsichere wirtschaftliche Lebensgrundlage, Arbeitslosigkeit, drohende Obdachlosigkeit oder Sucht“, benennt Diplom-Sozialpädagogin Elke Burbaum, die Leiterin der Hückel- hovener Einrichtung, die ganz wesentlichen Gründe für den Aufenthalt in der Wohngruppe, der ausschließlich freiwillig erfolgt.

Gemeinschaft gibt es zwar in der WG, aber nur in einem eingeschränkten Maß. „Man muss sehen, dass jede Frau ihr Päckchen zu tragen hat. Manche sind auch traumatisiert oder haben Sprachschwierigkeiten, da auch Frauen aus anderen Ländern – soweit sie anspruchsberechtigt sind – bei uns wohnen“, meint Elke Burbaum, die sich die Arbeit mit einer zweiten Sozialpädagogin teilt. Bei ihrer Ankunft sind die Klientinnen oft verstört, ziehen sich zurück und meiden den Kontakt.

Versorgen müssen sich die Bewohnerinnen selbst. Es dauert erfahrungsgemäß, so die Leiterin, einige Zeit, bis die geduldsame individuelle Betreuung Wirkung zeigt. „Nach einem knappen halben Jahr sind die meisten Frauen hier angekommen, falls sie so lange in unserer WG bleiben“, konstatiert Elke Burbaum. Christine (Name geändert), 22, ist eine dieser Frauen, die in der Wohngruppe den Mut, die Zuversicht auf eine eigenbestimmte Zukunft gefunden haben.

Die Gewaltattacken ihres Partners haben Christine in die WG getrieben, dort lebt die Mutter zweier kleiner Kinder seit gut anderthalb Jahren. „Ich bin jetzt so gefestigt, dass ich außerhalb der WG mein Leben führen kann. Obwohl ich hier sehr gerne wohne, freue ich mich darauf, meine eigenen vier Wände zu haben.“ Außerdem könne sie sich wieder um ihre beiden Kleinen kümmern, die – so die rechtliche Vorgabe – nicht mit in der WG wohnen, aber zu Besuch kommen dürfen.

Frauen, die sich in sozial schwierigen Lebenslagen befinden, sind vor dem Hintergrund des internationalen Frauentags am kommenden Sonntag, 8. März, offenbar auch im Kreis Heinsberg ein nicht wegzudiskutierendes Phänomen. Die Warteliste der Interessentinnen für die AWO-Wohngruppe beweist dies. 2013 verbuchte man 29 Anfragen, 2014 waren es mit 30 nur unwesentlich mehr. „Da wir nicht alle aufnehmen können, entscheiden wir nach Dringlichkeit“, sagt Burbaum. Bei der gesellschaftlichen Zuordnung der Pro-blemgruppe bilanziert die Leiterin: „Die Oberschicht fällt hier nicht ins Gewicht.“

Solide Basis schaffen

Die Verweildauer lag bis Ende 2013 deutlich unter einem Jahr, erst 2014 hat sie sich auf über ein Jahr verlängert. Ob sich dies in diesem Jahr fortsetzen wird, kann Elke Burbaum noch nicht vorhersagen.

Den Aufenthalt nutzen die Sozialpädagoginnen, um den Klientinnen eine solide Basis für das weitere Leben zu schaffen. Es wird ein individueller Hilfeplan erstellt. Der lässt sich nur umsetzen, wenn der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der alleinzuständige Träger, der Klientin 156 Fachleistungsstunden beziehungsweise eine Betreuung für ein Jahr bewilligt. Die Kosten können gemäß den §§ 67 ff Sozialgesetzbuch XII vom LVR übernommen werden. Steht das Finanzierungskonzept, werden die abgesteckten persönlichen Ziele in Angriff genommen. „Wir bemühen uns darum, dass die jüngeren Frauen einen Schulabschluss oder eine Ausbildung machen und die älteren eine Berufstätigkeit finden. Außerdem helfen wir ihnen bei der Wohnungssuche“, sagt Elke Burbaum. Letzteres sei allerdings ein schwieriges Unterfangen, stellt die Sozialpädagogin allzu oft fest und fordert deshalb von der Politik: „Es müssen endlich bezahlbare Single-Wohnungen bis zu 50 Quadratmetern geschaffen werden.“

Wichtige Nachbetreuung

Es sei ein Teufelskreis: keine Wohnung, kein Job – kein Job, keine Wohnung. Vor diesem brisanten Hintergrund werden die Schützlinge auch nach ihrem Auszug nicht alleingelassen. „Derzeit haben wir vier Frauen in der sogenannten Nachbetreuung. Das heißt: Wir begleiten sie bei der Job- und Wohnungssuche. Wir unterstützen sie bei Behördengängen und füllen Formulare aus, wir kümmern uns auch psychosozial um die Frauen.“ Ein Fazit, das Mut macht, kann Elke Burbaum nach ihren anderthalb Jahren WG-Leitung ziehen: „Die Vielzahl der positiven Rückmeldungen und Beurteilungen zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.“

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