Mit dem Daumen nach oben „on the road“ unterwegs

Von: Norbert F. Schuldei
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Heute ein Bild mit Seltenheitswert: Ein Tramper reckt den Daumen. Copyright: imago/blickwinkel Foto: mit Seltenheitswert: Ein Tramper reckt den Daumen. Copyright: imago/blickwinkel

Erkelenz. Die Zeit läuft heute nicht mehr, sie galoppiert. Der Takt, der dem Leben von außen vorgegeben wird, ist so schnell geworden, dass viele Dinge, die gestern noch vertraut und uns lieb und teuer waren, heute fremd erscheinen. Dabei hatten sie vor noch nicht langer Zeit eine große Bedeutung. Im Rückblick sind sie für den Einzelnen mit vielen Erinnerungen, teilweise auch noch mit Gefühlen behaftet.

In einer kleinen Serie wollen wir an solche Dinge, die einst bedeutsam waren und heute aus dem Alltag verschwunden sind, erinnern.

Wenn meine Eltern das damals gewusst hätten – sie hätten mich nie fahren lassen. 1967 war das, ich war 16, fühlte mich wie 17 und wollte wie eigentlich alle, die ich kannte, nach London. Ich durfte fahren, weil ein Freund aus der Oberstufe auf mich „aufpassen“ wollte oder sollte. Wir kauften in St. Vith die Fahrkarten, mein Vater brachte uns im neuen Audi 75 nach Aachen, und wir fuhren mit dem Zug nach London.

Völlig übernächtigt kamen wir morgens auf der Victoria Station an – und glaubten, in einer anderen Welt zu sein: Orientalischer Duft hing in der Luft und junge Leute wie wir liefen da mit langen, bunten, mit Blümchen behängten Gewändern rum und steckten uns auch eine Blume ins Haar: „If you‘re goin‘ to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair...“; andere hatten knallbunte Militärklamotten an: „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“... – very strange, schließlich wollten wir den Kriegsdienst verweigern.

Es war der „Sommer der Liebe“, aber davon wussten wir nichts, wir kamen aus Erkelenz... Und unsere Eltern hatten natürlich sowieso absolut keinen Schimmer, was da abging. Schon gar nicht davon, dass wir von London aus nach Torquay wollten. Ein Schulfreund war schon dort, Sprachunterricht oder so, und hatte geschrieben, dass da unglaublich viele Schwedinnen seien.

Wie da hin kommen? Natürlich trampen, hitch hike – die Stones hatten sogar einen Song darüber gemacht: „I‘m gonna find that girl, if I have to hitch hike around the world.“ Wir hatten schon unsere „Erfahrung“ mit dem Trampen: Sonntags von Erkelenz nach Hückelhoven zu Darius in den Saal, wo die Newcomers, die Band des Jungengymnasiums, spielte – das hatten wir total drauf. Warum also nicht von London nach Torquay per Anhalter?

Mit der Tube also bis zum M 25, dann irgendwie auf den M 3 und danach über die A 38 an die englische Riviera. Der Aufpasser und ich streckten den Daumen raus – und es klappte ziemlich gut. Okay, wir mussten bei Salisbury in irgendeinem Bauwagen pennen, weil wir nicht weiter kamen, es sintflutartig regnete, kaum ein Auto auf der Straße war und im Dunkeln sowieso kein Mensch Anhalter mitnehmen wollte.

Engländer schon gar nicht. Obwohl: Mit dem Reden klappte es ziemlich gut, wir lernten in einer Stunde im „Lift“ mehr Vokabeln als in einem Halbjahr auf der Penne. Okay, wir brauchten zwei volle Tage, schliefen so gut wie gar nicht und waren ziemlich kaputt, als wir ankamen – aber wir hatten es geschafft. Ohne ein Pfund Fahrgeld gelatzt zu haben.

Ein halbes Jahrhundert fast ist das jetzt her. Tramper sieht man heute so gut wie nicht mehr am Straßenrand stehen. 17-Jährige machen den Führerschein und haben oft selbst ein Auto, mit dem sie fahren können; außerdem gibt es Billigairlines, die dich bequem und ziemlich sicher und direkt und schnell und pünktlich zu einem Ziel überall in Europa bringen.

Per Anhalter zu fahren ist heute keine effiziente Fortbewegungsmöglichkeit mehr; Trampen ist aus der Mode gekommen, auch weil es langwierig und nicht selten anstrengend ist. Aber die Erfahrungen, die wir on the road gesammelt und die Begegnungen, die wir damals mit dem Daumen nach oben unterwegs gemacht haben, die Gespräche mit wildfremden Menschen, die uns geprägt haben, die kann uns keiner nehmen... Trampen war ein Privileg der Jugend – damals, als so Vieles noch im Aufbruch war. Jung sein, das war kein Lebensabschnitt, das war eine Geisteshaltung. Und trampen war ein Teil davon.

Trampen, das ist auch mit der Erinnerung an optimistisch-beschwingte, an lebensfrohe, an duftig-luftige und an die flüchtigen Tage verbunden; an die verlorene Jugend, an genutzte und an vertane Chancen und natürlich auch an jene endlosen Sommertage, als die Welt noch neu war.

Die Zeiten haben sich geändert: „Will you still need me, will you still feed me – when I‘m 64“– auch so ein Song von damals, als wir noch Tramper waren. Und den Daumen hoch hielten.

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