Mehr Operationen: Die Ansprüche der Patienten sind gestiegen

Von: Rainer Herwartz
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Immer mehr Patienten landen in Deutschland auf dem OP-Tisch. Nicht selten geschieht dies auf eigenen Wunsch. Foto: Stock/People
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Dr. Uwe Käschel (links) und Dr. Nikolaos Mastragelopulos lehnen Operationen ohne sinnvolle Indikation ab. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Die Zahl ist beeindruckend und wirft viele Fragen auf. Der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen kommt zu dem Ergebnis, dass heute etwa 25 Prozent mehr Operationen in den Krankenhäusern durchgeführt werden, als noch im Jahr 2005. Ein entscheidender Grund sei der Umstand, dass das Anspruchsverhalten der Patienten in den vergangenen Jahren „unglaublich“ gewachsen sei.

Drängt es die Kranken also geradezu unters Messer? Und wenn ja, was könnte die Ursache für diesen Trend sein? „Vor allem bei chronischen Fällen kommen die Patienten mit dem Wunsch nach einer OP, da die konservativen Behandlungen nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben“, sagt Dr. Nikolaos Mastragelopulos, Chefarzt in Sachen Magen-Darm sowie Gefäß- und Visceralchirurgie am Heinsberger Krankenhaus. Gerade im Bereich Wirbelsäule, Knie, Schulter und Hüfte komme dies immer wieder vor. Für den Gefäßchirurgen siedelt sich auch die Krampfaderbeseitigung in dieser Kategorie an, spätestens dann, wenn die Krampfadern das Gehen erschwerten.

„Ein Grund für die Zunahme der Operationswünsche der Patienten liegt unter anderen in der Leistungsfähigkeit der modernen Medizin“, ergänzt Chefarzt-Kollege Dr. Uwe Käschel, zuständig für Gynäkologie, Geburtshilfe und Brustzentrum. Als Beispiel nennt Mastragelopulos das Bauchaortenaneurysma, eine Erweiterung der Bauchschlagader. „Mittlerweile kann man dies sogar unter örtlicher Betäubung mit geringem Risiko von der Leiste aus mit Kathetern operieren. Das ist ein Paradebeispiel.“

Die Methode sei allerdings nicht nur gut und schonend, sondern auch teuer. Das sei ein Grund, warum sie zum Beispiel in England ab dem 70. Lebensjahr nur noch in einem akuten Notfall operiert werde. „Dann ist es in der Regel zu spät. Meist erreichen hier, nachdem das Gefäß geplatzt ist, nicht einmal fünf Prozent noch lebend eine Klinik.“ Auch Hüften würden bei den Briten übrigens ab einem gewissen Alter des Patienten nicht mehr operiert. In Deutschland gibt es eine solche Altersbeschränkung nicht. „Wir Chirurgen werden häufig in der Öffentlichkeit als OP-wütig hingestellt, um Geld zu verdienen. Das ist ungerecht und trifft in unsere Seele“, beklagt Käschel.

Viele Patienten seien über das, was die Medizin heute zu leisten im Stande sei, bestens informiert. „Über YouTube kann man mittlerweile sogar die OP sehen, die vielleicht für einen in Frage käme. Es gibt so viele Foren, das ist Wahnsinn.“

Ob dieses neue Patientenwissen eher förderlich oder kontraproduktiv ist für die Ärzte? „Mastragelopulos hat da einen klaren Standpunkt: „Ich freue mich immer, wenn ein Patient auch was über seine Krankheit weiß, das erleichtert mir die Therapie.“ Natürlich stießen die Patienten hin und wieder mit ihren Wünschen an die Grenzen des Machbaren, meint Käschel. „Es gibt unrealistische Wünsche, wenn zum Beispiel eine Frau mit einem Foto aus der Bunten zu mir kommt und sagt, dass sie genau solche Brüste haben möchte, die Voraussetzungen dafür jedoch nicht gegeben sind.“ Dann, so Käschel, könnte das Gespräch schon einmal etwas länger dauern.

„Letztlich entscheidet der Patient, ob er operiert werden möchte oder nicht. Zuvor jedoch wird der Arzt ihm die Sinnhaftigkeit klar vor Augen führen und gegebenenfalls auch von einem Eingriff abraten“, sagt Mastragelopulos. „Das ist die hohe Kunst der Medizin“, lächelt Käschel. Der Anspruch des Menschen, so beschreibt sein Kollege die Situation, korreliere mit der fortschreitenden Technik. Käschel bringt es auf den Punkt: „Der Machbarkeitswahn ist schon immens.“

Im Heinsberger Krankenhaus hat der Wahnsinn aber noch nicht Methode, das beweist die Statistik. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Zahl der Patientenanfragen im Hinblick auf eine Operation von 2400 auf 2600 Fälle. Wirklich auf dem OP-Tisch landeten letztlich in jedem Jahr aber nur etwa 64 Prozent, wie Geschäftsführer Heinz-Gerd Schröders bestätigt.

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