Mehr Männer braucht das Kita-Land

Von: Nicola Gottfroh
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Sven Hendricks ist als Erzieher im Kindergarten noch immer ein Exot. Foto: Gottfroh

Wassenberg. Der winzige Kinderstuhl, auf dem der 34-Jährige Mann sitzt und mit seinen Schützlingen bastelt, scheint mehr als unbequem. Erzieher Sven Hendricks passt auf den ersten Blick so gar nicht in seine Umgebung, alles um ihn herum ist einfach zu klein. Und irgendwie passt er als Mann auch so gar nicht in das klassische Kindergartenbild.

Dass ihm aber weder der kleine Kinderstuhl noch die Geschlechterklischees etwas ausmachen, das ahnt wohl jeder, der Hendricks bei der Ausübung seines Berufes ins Gesicht blickt. Denn Hendricks ist mit Begeisterung Erzieher in einem Kindergarten.

Damit ist er eine echte Rarität. Und das nicht nur im Kindergarten St. Georg in Wassenberg, in dem er seit rund einem Jahr beschäftigt und der einzige Mann im Team ist. Denn deutschlandweit sind männliche Erzieher in Kindergärten in der Minderheit.

Dabei wünschen sich jedoch die meisten Einrichtungen mehr Männer für das Kindergartenland. Auch Anke Deckers-Hahn, Leiterin des Wassenberger Kindergartens St. Georg, findet: „Kinder brauchen in ihrer Erziehung Vielfalt. Und Männer bringen einen Teil dieser Vielfalt, schließlich haben sie andere Erziehungsmethoden. Davon profitieren die Kinder.“

Zudem seien männliche Vorbilder in der Kita auch deshalb so wichtig, weil immer mehr Kinder ausschließlich oder doch hauptsächlich bei Frauen aufwachsen – entweder weil die Mutter alleinerziehend ist oder der Vater den ganzen Tag arbeitet. „Dass Männer als Erzieher in Kindergärten auch heute noch Exoten sind, ist sehr schade für unseren Beruf und sehr schade für die Kinder“, betont die Einrichtungsleiterin. „Denn die Kinder sind dankbar für einen männlichen Gegenpol.“

Zwar sei es ein Klischee, dass Erzieher in der Kita nur zum Toben, Klettern und Fußballspielen da sind, denn Männer und Frauen hätten dieselben Aufgaben – vom Windeln wechseln über Kinderlieder singen und basteln bis hin zum Tränen trocknen. Dennoch unterscheide sich zwischen Mann und Frau die Art, diese Aufgaben zu erledigen.

„Ich denke, dass Männer den Kindern mehr Platz zur Selbsterfahrung und Selbsterkundung lassen“, analysiert Hendricks und erklärt: „Wenn die Kinder toben, dann schauen viele weibliche Kolleginnen ängstlich zu – ich passe dagegen auf, dass sich die Kinder nicht verletzten, lasse aber auch zu, dass sie sich mal wehtun und so Erfahrungswerte sammeln.“

Für Hendricks, selbst Vater einer Tochter und Ehemann und Sohn von Erzieherinnen, ist sein Beruf ein Traumjob. „Sicher auch für andere Männer, die im sozialen Bereich arbeiten wollen“, glaubt er.

Warum sich aber so wenige Männer für den Beruf des Kindergartenerziehers entscheiden, das ist auch dem 34-Jährigen klar. „Selbstverständlich geht es ums Geld. Mit einem Bürojob verdient man besser. Und als Erzieher in einem Heim verdient man deutlich mehr als in einem Kindergarten – und schließlich geht man ja arbeiten, um seine Familie zu ernähren“, macht er die Rechnung auf.

Zum anderen gehe es vielen neben der finanziellen Frage auch um das Image des „Kindergärtners“. Denn für viele ist die Arbeit im Kindergarten immer noch eine klassische Frauenarbeit. Hendricks allerdings macht sich von Geschlechter-Vorbehalten frei. „So wie die Arbeit in der KFZ-Werkstatt noch immer männlich dominiert ist, ist die Arbeit im Kindergarten eben bislang noch sehr weiblich geprägt. Aber wenn man in einem dieser Jobs arbeiten möchte, dann muss man da drüberstehen“, sagt Hendricks.

Vor allem die, auf die es ankommt, nämlich die Mädchen und Jungen in St. Georg, dächten nicht in Geschlechter-Schubladen. „Kein Kind denkt: Oh, der Sven ist ein Mann in einem Frauenberuf. Für sie ist ein Erzieher ganz normal“, sagt er und betont: „Auch die Eltern finden den männlichen Einfluss gut“. Dennoch, so muss er zugeben, habe auch er in der Vergangenheit mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt.

„Einige Eltern fanden den Gedanken daran, dass nun ein Mann ihr Kind wickeln sollte, sehr gewöhnungsbedürftig. Sie haben mich ganz offen darauf angesprochen“, erinnert sich der Erzieher. So etwas käme zwar sehr selten vor, aber solche Gedanken würden von außen noch gefördert. „Manche Städte stellen Männer nur unter der Voraussetzung in Kindergärten ein, dass sie die Kinder nicht wickeln, um Pädophilie-Anklagen zu vermeiden. Ich verstehe so etwas nicht“, sagt der Erzieher.

Dringend müsse sich daher etwas ändern in der Gesellschaft, damit Männer in Zukunft in der Erziehung als „normal“ angesehen werden. Denn: „Die Zeiten, in denen die Kinderbetreuung eine reine Frauendomäne war, sind vorbei.“

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