Mehr als nur ein „normaler“ Autodiebstahl

Von: Rainer Herwartz
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Selfkant-Wehr. Nein, als außergewöhnlich kann man den Diebstahl eines Autos immer noch nicht bezeichnen – leider. Wenn auch die Zahl rückläufig ist. Der Trend der im Zehnjahresvergleich insgesamt sinkenden Anzahl der Diebstähle von Kraftwagen in Nordrhein-Westfalen setzte sich im Jahr 2012 fort.

Die Anzahl sank um 412 oder 5,3 Prozent auf 7369 Fälle. Das ist der niedrigste Stand seit 1971. Ins Staunen geraten kann jedoch, wer erfährt, dass die Diebe offenbar selbst höchst spezielle Fahrzeuge – wie auf die individuellen Bedürfnisse eines Behinderten umgebaute Kfz – mitgehen lassen.

Da drängen sich doch gleich Fragen auf wie: Wer soll die denn auf dem schwarzen Markt kaufen? Gibt es da vielleicht einen Diebstahl auf Bestellung? Auch Dorothé Hermans aus Selfkant-Wehr hat sie sich gestellt. Weit wichtiger ist für sie jedoch die Frage, wie es nun weitergehen soll, nachdem ihr unbekannte Täter in der Nacht zum Dienstag den brandneuen, behindertengerecht umgebauten VW-Caddy aus der Garage gestohlen haben.

Seit 19 Jahren, so sagt die 55-Jährige, leide sie nun schon an Multiple Sklerose. „Die Diagnose erfolgte 1994, als ich plötzlich über Doppelbilder klagte“, erinnert sie sich. „Gehstörungen hatte ich auch vorher schon immer mal wieder.“ Doch dem habe sie keine große Bedeutung beigemessen. Seit 2002 benötigt sie nun schon einen Rollstuhl, um größere Gehstrecken bewältigen zu können. „Die Behinderung ist dann von Jahr zu Jahr gewachsen. Die Krankheit tritt immer in Schüben auf und wird dann mit hoch dosiertem Cortison behandelt.“

Mittlerweile könne sie keinen Schaltwagen mit normalem Getriebe mehr bedienen, beschreibt Dorothé Hermans ihre jetzige Situation. „Ich würde den Fuß nicht mehr schnell genug vom Gas auf die Bremse bekommen. Genau das ist mir nämlich vor ein paar Jahren geschehen. Damals, 2005, wollte ich in die Garage fahren und habe statt zu bremsen Gas gegeben.“ Das neue Garagentor hatte umgehend das Zeitliche gesegnet.

„Dann bin ich von Stund an nicht mehr Auto gefahren, aber ich war im Kopf noch viel zu aktiv, um mich immer fahren zu lassen.“ Frauengemeinschaft, Chorgemeinschaft, kirchliche Institutionen und Qi-Gong-Gruppe – die Liste von Freizeitaktivitäten ließe sich problemlos erweitern.

Ein Jahr später erhielt Dorothé Hermans dann ihr erstes behindertengerecht umgebautes Auto, einen kleinen Ford Fiesta. „Als mein Mann später Rentner wurde, haben wir 2008 einen gemeinsamen Wagen gekauft, einen Kombi, der auch auf Handgasbetrieb umgebaut wurde.“ Und Ehemann Hubert ergänzt gleich: „Unseren neuen VW-Caddy, den wir erst seit drei Monaten fuhren, haben wir zudem mit einem elektrischen Rollstuhlverladesystem ausstatten müssen, weil meine Frau nicht mehr in der Lage ist, den schweren Rollstuhl selbstständig in den Wagen zu heben.“

Immer habe sie fremde Menschen nötig gehabt, die ihr halfen, sagt die 55-Jährige. „Manchmal führte das dazu, dass ich längere Zeit im Wagen warten musste, bis Hilfe kam. Daher war ich überglücklich, als ich meinen silbernen Caddy bekam. Er gab mit einfach wieder ein Stück Selbstständigkeit zurück und ermöglichte auch noch, sogar mein Elektromobil zu transportieren.“

Um so schlimmer traf Dorothé Hermans nun der Schlag, als sie am Dienstag entdecken musste, dass ihr geliebter Caddy gestohlen worden war. „Ich wollte morgens zur Krankengymnastik und habe bemerkt, dass meine Handtasche nicht an ihrem gewohnten Platz hing. Ich dachte noch, ich hätte sie vielleicht im Auto liegenlassen. Als ich dann in den Keller und von dort in die Garage kam, fand ich den kompletten Inhalt meiner Tasche und das Portemonnaie meines Mannes auf dem Boden verstreut.“ Obwohl das Auto nicht mehr in der Garage stand, dachte die Wehrerin zu diesem Zeitpunkt noch, dass ihr Mann ihn schon rausgesetzt habe. Ein Blick vors Tor machte jedoch diese Hoffnung zunichte.

Obwohl sich das Ehepaar zur Tatzeit, möglicherweise gegen 5 Uhr in der Früh, schlafend im Haus befand, hatten Unbekannte kurzerhand das Elektrotor kurzgeschlossen und waren so ins Haus gelangt. Zielgerichtet stahlen sie nur das Bargeld, die Autoschlüssel samt Fahrzeugschein und den dazugehörigen fahrbaren Untersatz.

Die Hermans‘ waren übrigens nicht die Einzigen, die unliebsamen Besuch erhielten. Noch bevor Dorothé ihrem Hubert, der gerade unter der Dusche stand, vom Diebstahl berichten konnte, rief die Nachbarin von gegenüber an und erzählte ihr, dass die Polizei gerade eingetroffen sei, weil aus ihrer Garage zwei Fahrräder, eine Fahrzeughalterung und ein Navi-Gerät gestohlen worden seien.

„Wir haben jetzt wahrscheinlich bis zu einem halben Jahr kein Fahrzeug“, schildert Hubert Hermans, die vor allem für seine Frau harte Lage. Er weiß derzeit noch nicht, wie sie die Zeit überbrücken sollen. „Zum Glück gab es schon einige Hilfsangebote von freundlichen Bekannten, uns zu fahren, aber ein halbes Jahr . . . Dass die Autodiebe daran nur einen einzigen Gedanken verschwenden, darf bezweifelt werden.

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