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Mahnmal lagert lange hinter Toiletten

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
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Vor der Betty-Reis-Gesamtschule waren die bis zu 2,85 Meter hohen Stelen ein Mahnmal für die Deportation der Wassenberger Juden... Foto: Schwarzbach
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... bis sie selbst, weil nicht mehr standfest, hinter die Toilettenanlage der Schule „deportiert“ wurden und dort etwa ein halbes Jahr vor sich hin gammelten. Foto: Thomas
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Der ehemalige Schulleiter Heinrich Spiegel, einst Initiator des Kunstwerks von Hans Brockhage und noch im Besitz der ersten Skizzen des Künstlers, kämpft derzeit für seinen Erhalt an seinem angestammten Platz. Foto: Thomas

Wassenberg. Ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert, das an der Betty-Reis-Gesamtschule an die Deportation der Wassenberger Juden erinnern soll, vergammelte zuerst ein halbes Jahr lang hinter den Schultoiletten und fristet derzeit sein Dasein in der Waschanlage des Bauhofs, im Keller des Flüchtlingsheims am Ossenbrucher Weg in Birgelen.

Und dabei soll es, wenn es nach Anna Franziska Schwarzbach geht, von Mai bis Oktober im Kunst-Raum des Marie-Elisabeth-Lüders Hauses an der Spree, einem der Neubauten des Parlaments, ausgestellt werden.

Schwarzbach, einst Architektin im Palast der Republik und heute freischaffende Künstlerin, ist die Tochter des international renommierten Holzgestalters und Kunstprofessors Hans Brockhage. Am 27. Februar würde er 90 Jahre alt. Das ist der Anlass für die geplante Ausstellung im Bundestag.

Nun würde die Tochter dafür gerne das Kunstwerk ausleihen, das ihr Vater Anfang der 1990er Jahr als sogenannte Kunst am Bau für die Betty-Reis-Gesamtschule geschaffen hat. Dabei handelt es sich um mehrere, bis zu 2,85 Meter hohe Stelen aus Mooreiche. „Sie stehen für den Zug von KZ-Häftlingen des Dritten Reiches, zu denen auch Betty Reis gehörte, ehe sie 1944 im Todeslager Bergen-Belsen unterging“, schreibt Heribert Heinrichs dazu in seinem Buch „Zum Schicksal der Juden in Wassenberg“.

„Dieser ‚Trauerzug‘ gehört zu den stärksten Werken meines Vaters“, erklärte Schwarzbach am Wochenende in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Doch erst dabei erfuhr sie, dass die Skulptur ihres Vaters gar nicht mehr vor dem Schulgebäude steht, das 1993 zusammen mit dem Kunstwerk seiner Bestimmung übergeben wurde. Parallel dazu war damals an der Schule auch noch eine Metallguss-Skulptur eines Kindes von Schwarzbach selbst aufgestellt worden, die sich allerdings, weil sie an der Schule beschädigt wurde, derzeit in der Obhut der Künstlerin befindet.

1993 war Heinrich Spiegel noch Leiter der Gesamtschule und Initiator der Brockhage-Kunst in Wassenberg. Ihm wäre es gerade im Jahr des 25-jährigen Bestehens der Schule eine „Herzensangelegenheit“, wenn die Skulptur wieder aufgestellt würde, möglichst natürlich an dem Platz, den Brockhage dafür gemeinsam mit ihm ausgesucht habe. Doch derzeit lagert die Skulptur in der Waschanlage des Bauhofs.

Im Juni 2013 habe seine Frau, damals noch Lehrerin an dieser Schule, bemerkt, das die Stelen nicht mehr standfest waren und den Hausmeister informiert. Das Kunstwerk sei mit Flatterband abgesperrt und im August oder September hinter der Toilettenanlage gelagert worden. „Das sah aus wie nach einer Hinrichtung“, so Spiegel. Im Februar vergangenen Jahres seien die Stelen dann zum Bauhof „deportiert“ worden. Bereits im November 2013 habe er selbst seine Nachfolgerin, Dr. Karin Hilgers, angerufen und ihr mitgeteilt, dass ihm sehr viel an dem Kunstwerk liege. „Außer mir sei es niemandem eine Herzensangelegenheit, lautete ihre Antwort“, so Spiegel.

Hilgers dagegen schreibt auf Anfrage unserer Zeitung in einer Stellungnahme von einem „uns wichtigen Kunstwerk“, das allerdings anders als die anderen Erinnerungstücke für Betty Reis „keine intensive Rezeption innerhalb der Schule gefunden“ habe. Sie bestätigt, dass das Kunstwerk aufgrund mangelhafter Verankerung habe abgebaut werden müssen und „provisorisch untergestellt“ worden sei.

Ein Restaurator des Museums Abteiberg Mönchengladbach habe „in einer Ferndiagnose den Holzwurmfraß des Kunstwerks vermutet“, die Grenzen restauratorischer Tätigkeit aufgezeigt und eine trockene Einlagerung empfohlen. Diese sei durch die Stadt erfolgt. Eine Heinsberger Edelstahl-Fachfirma habe Unterstützung für die Wiederaufstellung zugesagt.

Gleichzeitig habe man im Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Wassenberg“, dem zwei Vertreter der Schule angehören, die Idee „eines zentralen Gedenkortes“ am Standort der ehemaligen Synagoge entwickelt, so Hilgers weiter. Am heutigen Dienstagabend, so die Information des Heimatvereinsvorsitzenden Sepp Becker, will der Vereinsvorstand dem Bürgermeister diese „schöne Idee“, so Hilgers, vorstellen.

Bürgermeister Manfred Winkens indes erklärte auf Anfrage unserer Zeitung am 21. Januar, dass er erst seit sechs Wochen „den Fall Stele“ kenne. Aufgeklärt über die historischen Zusammenhänge im Rahmen der Entstehung und der bewussten Platzierung dieses Mahnmals an der Schule, erklärte Winkens: „Ich bin total schockiert! Wir werden das Thema vernünftig behandeln.“

Seinen Recherchen zufolge fand sich im Archiv der Stadt tatsächlich ein Vermerk über die Anschaffung des Kunstwerks und die dafür getätigte Ausgabe in Höhe von damals 25.000 Deutschen Mark. „Ich verstehe den ganzen Zirkus nicht“, erklärte er. „Man hätte es sofort reparieren lassen und wieder aufstellen sollen.“

Genau so sieht es auch der „Leitfaden Kunst am Bau“ vor, dessen Herausgeber das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ist. In Kapitel neun heißt es dort unter der Überschrift „Verantwortlichkeit“: „Dem Eigentümer obliegt die Verantwortung, die Kunst am Bau der künstlerischen Idee entsprechend instand zu halten und ihre Standsicherheit zu gewährleisten.“ Falls „das Kunstwerk an einen neuen Standort verbracht werden soll“, sei in jedem Fall eine schriftliche Zustimmung des Künstlers oder seines Rechtsnachfolgers einzuholen, heißt es dort ebenfalls.

Spiegel ist erst einmal froh, dass die Stelen noch existieren: „Überhaupt sind sie wahrscheinlich bloß deswegen nicht zu Kleinholz verarbeitet worden, weil ich konsequent alle paar Monate nach dem Verbleib, dem neuesten Stand und so weiter gefragt habe“, sagt er.

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