Heinsberg-Oberbruch - Magersucht: Wenn die Traumfigur zum Alptraum wird

Magersucht: Wenn die Traumfigur zum Alptraum wird

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
12175954.jpg
Eine kleine Tomate oder ein kleines Stück Brot sind schon zu viel für einen Menschen, der an Anorexie leidet. Die überwiegende Zahl der Betroffenen stellen dabei junge Mädchen und Frauen. Foto: Anna Petra Thomas
12175956.jpg
Katja Illigens (rechts) und Britta Heier besprechen Amelies Essensplan. Diesen zu befolgen, ist für das Mädchen eine wichtige Herausforderung.

Heinsberg-Oberbruch. Im Bikini oder gar im eng geschnittenen Brautkleid läuft sie über den Strand: jung, schön, vor allem aber schlank. So und ähnlich suggeriert die Fernsehwerbung der jungen Frau von heute, wie sie geliebt wird, wie sie Erfolg hat: mit einer Diät. Dass sich aus solch einer Diät aber auch eine lebensbedrohliche Erkrankung entwickeln kann, verschweigt die Werbung.

Darauf aufmerksam macht der internationale Anti-Diät-Tag. Initiiert wurde er von der feministischen, britischen Schriftstellerin Mary Evans Young, die am 6. Mai Geburtstag feiert. Sie selbst hat eine Magersucht, eine sogenannte Anorexie, überstanden.

Thematisieren will der Tag jedoch nicht nur die Gefahren eines Schlankheitsideals. Er will zugleich ein Aktionstag sein gegen das Mobbing von übergewichtigen Menschen. Der Anti-Diät-Tag soll alle Menschen auf der Welt dazu ermutigen, mit ihrem natürlichen Gewicht ganz einfach zufrieden zu sein.

Weg zur Zufriedenheit

Auf dem mühsamen Weg dorthin sind auch zwei junge Frauen, nennen wir sie Amelie und Lilly, beide 17 Jahre alt, die derzeit in der Wohngruppe Momo in Heinsberg-Oberbruch leben. Die Einrichtung der Katharina Kasper ViaNobis GmbH mit Sitz in Gangelt kümmert sich unter anderem um junge Patienten im Alter ab zwölf Jahren, die an Anorexie oder auch an Bulimie (Ess-Brechsucht) leiden.

Der Wunsch nach einer tollen Bikinifigur war auch bei Amelie der Auslöser für die Erkrankung. „Weil man ja weiß, dass man im Urlaub zunimmt, wollte ich einfach vorher zwei Kilo abnehmen“, erzählt sie. Damals war sie 13 Jahre alt. Sie nahm die zwei Kilo ab, nahm im Urlaub aber gar nicht zu. „Und dann war ich für den Rest der Ferien, vier Wochen, quasi alleine zu Hause.“ Amelie fand Gefallen daran abzunehmen und begann zugleich, Sport zu treiben. „Das wurde dann zum Selbstläufer. Und ich dachte, dass mich dann viele mehr lieben würden“, gesteht sie.

Ihren Eltern sei das sehr früh aufgefallen. Dennoch drehte sich für Amelie die Spirale der Anorexie weiter. Hinzu kam dann nämlich auch noch der Stress in der Familie. „Meine Versuche, mit ihr darüber zu sprechen, blockte sie sofort ab“, beschreibt die Mutter eines anderen betroffenen Mädchens die Situation in der Familie. „Durch meine Sorge und das kontrollierende Beobachten verschlechterte sich unsere Beziehung.“

Amelie kippte eines Tages einfach um und wurde mit starkem Untergewicht in eine Klinik eingeliefert. Nicht nur einen, sondern schon mehrere Aufenthalte in Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie hätten die jungen Menschen hinter sich, die in die seit Anfang 2014 bestehende Wohngruppe kämen, weiß Katja Illigens. Sie leitet das hier tätige, multiprofessionelle Team.

Ziel sei es, den jungen Menschen den Übergang von einem Aufenthalt in der Klinik zurück in einen normalen Alltag zu erleichtern, erklärt sie. Finanziell getragen werde die jeweilige Maßnahme von der Jugendhilfe am Wohnort. Sieben Plätze hat die Wohngruppe. Fünf weibliche und zwei männliche Betroffene leben derzeit hier, Amelie seit einem, Lilly seit zwei Jahren. Nur die Wochenenden verbringen sie zu Hause. Normalerweise sei das Verhältnis 10:1, weiblich zu männlich, ergänzt Illigens.

Bei 70 bis 80 Prozent der Betroffenen beginne die Erkrankung mit einer Diät, so ihre Schätzung. So war es auch bei Amelie. Lilly will ihre Mitbewohnerin zu diesem Gespräch anlässlich des Anti-Diät-Tages eigentlich nur begleiten, doch dann berichtet sie doch selbst eindrucksvoll, welche Qualen ein an Anorexie erkrankter Mensch erleidet. Unmöglich sei es für sie schon gewesen, nur die Dose mit dem Pausenbrot eines Mitschülers zu halten, als dieser sich seinen Schuh binden wollte, erzählt sie. „Es gibt Menschen, die fürchten, schon beim Eincremen dick zu werden“, sagt Illigens. „Oder Speichel zu schlucken…“, sagt Pädagogin Britta Heier. Alles, was mit Ernährung zu tun habe, sei einfach verkehrte Welt, so Illigens.

In Oberbruch kehrt sie sich langsam wieder um, diese Welt. Damit dies gelingen kann, braucht es die Freiwilligkeit, auch die, sich in der ersten Phase des Aufenthalts ganz genau an einen vorgegebenen Essensplan zu halten, der sechs Mahlzeiten pro Tag vorsieht: drei Haupt- und drei Zwischenmahlzeiten. So gehen die jungen Menschen hier am Anfang auch nur zwei Stunden täglich zur Schule. Sukzessive werden diese festen Strukturen jedoch gelockert mit dem Ziel, ihre Eigenverantwortung zu stärken und ihren Horizont auch wieder für andere Themen als das der Ernährung zu weiten.

Bloß nicht mehr in Richtung Werbung. „Da ist man doch ständig mit dem Thema konfrontiert“, moniert Lilly. Junge Menschen würden dadurch regelrecht verleitet. „Und das gerade in der Pubertät“, ergänzt Heier, einer Zeit, in der sie sich doch gerade selbst finden würden. Ein Rezept gegen diese Problematik ist für Illigens eine frühe und offene Kommunikation über ein Thema, das in der Gesellschaft immer noch tabuisiert werde. Amelie und Lilly pflegen diese jetzt auch über ihre Familie hinaus. Ihre neuen Klassenkameraden in Heinsberg wissen um ihr Problem.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert