Literarisches Fünf-Gänge-Menü in der Aula

Von: Johannes Bindels
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Robert Scholtes am E-Piano und Wolfgang Wittmann an der Gitarre in der Bücherkiste in Wassenberg. Foto: Johannes Bindels

Wassenberg. Das Team der Bücherkiste Wassenberg hatte zu einer der beliebten Lesungen in die Aula der Grundschule am Burgberg eingeladen. Mit dem Musiker und Lehrer der Kreismusikschule, Robert Scholtes, und dem Rezitator klassischer Literatur, Wolfgang Wittmann, präsentierte ein wohlharmonierendes Duo sein aktuelles Programm „Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht“.

Das literarisch-musikalische Menü, welches Scholtes und Wittmann auftischten, bot besonderen Genuss. Angelehnt an den Ablauf eines mehrgängigen Menüs, erlebte das Publikum eine kleine Reise durch die Kultur- und Literaturgeschichte des Essens und der Benimmregeln bei Tisch.

Neue Etikette

Passend dazu wählten die beiden Künstler als musikalische Begleitung eigens dafür arrangierte Musikstücke, von der Renaissance bis zu Blues und Jazz. In den einzelnen Gängen offerierten die beiden Künstler musikalisch und rezitatorisch ihre lyrischen und prosaischen Kostbarkeiten. So erfuhren die Zuhörer von der Etikette und den Verhaltensweisen bei Tisch, die Melchiore Gioia in seiner Abhandlung „Nuovo Galateo“ – Neue Etikette – 1802 beschrieben hatte. „Geh mit deinem Löffel nicht in die Schüssel oder auf fremde Teller“, lautete eine der Regeln.

Das Warten auf einen freien Tisch an der Bar und die Einnahme eines Cocktails als Aperitif ließ Wittmann mit einem Text von Raymond Chandler nachempfinden. Christian Morgensterns Gedicht „Herr Löffel und Frau Gabel“ nahm die Materialität des unterschiedlichen Bestecks aufs Korn. Erheiternd für jedes kindliche Gemüt. Auch Henry Balzacs Fabel vom Vielfraß ließ keinen anderen Schluss zu, als dass hier ein menschlicher Charakter beschrieben wurde. Mit dem Musikstück „Fat mans dance“ erfolgte die musikalische Satire dazu.

Wenn die bisherigen Texte eine Auswahl für das Sinnliche der Nahrung betraf, so folgte mit der fantasievoll zusammengesetzten Speiserunde aus den Philosophen Descarte, Kant, Schlegel, Novalis, Fichte, Bourdieu und Prudhomme eine illustre Auswahl für Diskursbeispiele zum Thema Hunger, aber auch zum Zusammenhang von Speisen und Geschlecht. Und Pablo Nerudas „Ode an die Tomate“ war in Worte verpackte Sinnlichkeit. Wer könnte es ihm verdenken, wenn das französische Synonym für die Tomate pomme d’amour lautet?

Es folgte bei dem opulenten literarisch-musikalischen Mahl eine reichliche Auswahl von schelmischen Musikbeiträgen: „Wenn‘s am Knie zwickt, tun sie Senf drauf“, oder Blues und Chanson vom Suppenkasper bis zum „Samba Oleg“ – jeweils im Wechsel mit Auszügen der dazugehörenden Literatur. Rudolf Hagelstanges „Ochsenschwanz-Gedicht“ gehörte ebenso dazu wie die Bratenphilosophie Wilhelm Buschs: „Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz.“

Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich auch Wittmanns Slapstick-Einlage eines sizilianischen Mafia-Paten, angeregt durch Goethes Italienreise. Die Physiognomie des Geschmacks fand ihren Höhepunkt im „Harzer Tango“.

Und auch der Frage, wer den Abwasch denn nun mache, konnte noch einiges Positive abgewonnen werden.

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