Letztes großes Projekt der „grauen Eminenz“ der Heinsberger Wirtschaft

Von: Rainer Herwartz
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In der Franz-Eifler-Straße entstehen zwölf Luxuswohnungen – das letzte Bauprojekt von Paul Josef Schmitz. Foto: Rainer Herwartz
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Der Pilgerpass von seinem 800 Kilometer langen Fußmarsch nach Santiago de Compostela erfüllt Paul Josef Schmitz mit Stolz. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. „Die meisten nennen mich Paul Jupp, aber eigentlich heiße ich Josef Paul, so steht es in meiner Geburtsurkunde. Rufname Josef.“ Fällt sein Name allerdings in der Öffentlichkeit, meist in Nebensätzen, wenn es um irgendwelche Eigentumsverhältnisse gewerblich genutzter Immobilien geht, sprechen alle nur von Paul Josef – Paul Josef Schmitz.

Was auf den ersten Blick belanglos klingt, wird auf den zweiten zum Spiegel der Persönlichkeit. Denn kaum jemand kennt den zurückhaltenden 73-Jährigen wirklich. Ihn als die „graue Eminenz“ der Heinsberger Wirtschaftswelt zu bezeichnen, träfe es recht gut. Er lebt in zweiter Ehe mit seiner Frau Karina in Schafhausen etwas zurückgelegen in einem gemütlichen Domizil mit riesigem Garten – hinter seinem alten Elternhaus.

Welche Tatkraft und welche Kreativität jedoch hinter dem stets bescheidenen und freundlichen Senior stecken, verschlägt einem geradezu den Atem. Schon mit 20 Jahren ersann er ein Geschäftsmodell, das ihn zu einem Vorreiter in ganz Europa machen sollte und in den internationalen Medien für Furore sorgte. Ein Husarenstück von vielen, die noch folgen sollten. Jetzt, mit dem Bau von zwölf Luxuswohnungen in der Heinsberger Innenstadt, scheint sich der Kreis zu schließen. Denn dieser Bau, sagt Schmitz, sei sein „ultimativ letzter“. Eine gute Gelegenheit, im Leben eines außergewöhnlichen Mannes einmal Bilanz zu ziehen.

„Ich bin 1940 geboren, was eine große Rolle spielt, denn meine ersten Erinnerungen sind Kriegserinnerungen an Sirenen, Bomben und Flüchtenmüssen in den Bunker im Garten. Diese Grundängste habe ich bis heute noch in mir. Sie sind in einem verankert“, sagt Schmitz. Blockiert haben ihn die Ängste in seiner beruflichen Entwicklung zum Glück nie, denn die nahm schon in jungen Jahren mächtig Fahrt auf.

„Die Grundlage des Erfolges sind meiner Meinung nach die elterliche Erziehung sowie ein angeborener Ehrgeiz, im Leben etwas zu schaffen.“ Vielleicht habe ja in seinem Fall auch der Umstand ein wenig dazu beigetragen, dem Vater etwas beweisen zu wollen. Der hatte ab und an seine Zweifel daran geäußert, dass aus dem Filius mal wirklich etwas Gescheites werden könne.

„Ich bin geprägt von einer Mutter, die sich von der Hausangestellten zur Eigentümerin eines Möbelgeschäftes mauserte und von einem Vater, der es vom Schreinergesellen über den Meister bis zur eigenen Schreinerei brachte.“ Diese Mischung aus Vorbild und Anspruch sollte unter anderem die Grundlage dafür bilden, dass Schmitz später nie in seinem Leben als Angestellter in einer Firma gearbeitet hat. „Ich wollte etwas durch eigene Kraft schaffen, bei dem ich nicht befürchten musste, es durch andere wieder zu verlieren“, sagt er heute dazu. Der Weg in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit sollte dann leider an ein trauriges Ereignis gekoppelt sein: den Tod der Mutter.

Noch während seines Studiums in Mönchengladbach zum diplomierten Betriebswirt – die Möbelfachschule war bereits absolviert – hatte dem gebürtigen Unterbrucher im Jahr 1960 ein Kommilitone von einem neuartigen Cash and Carry-Markt in Mönchengladbach erzählt und seine Neugier geweckt.

Nicht ohne Stolz erzählt Schmitz davon, wie er mit seinem alten Citroen 2CV etliche Male zu den Gründern des Supermarktes Viehof und Ackermann getourt ist, um sie von seiner Idee zu begeistern, in ihrem Supermarkt neben Lebensmitteln auch Möbel anzubieten. Ein wunderschön restauriertes Exemplar der „Ente“ steht heute noch in seiner Garage, gleich neben einer britischen Nobelkarosse.

Die Beharrlichkeit und Überzeugungskraft des erst 20-Jährigen wurden auf eine harte Probe gestellt. Dass die Supermarktbetreiber am Ende grünes Licht gaben, sollte den Grundstein bilden für eine beispielhafte Erfolgsgeschichte. Das Geschäftsmodell wurde europaweit zur Sensation, und internationale Fachzeitschriften und überregionale Zeitungen rissen sich um ein Gespräch mit dem cleveren Jungspund aus Heinsberg. Die neue, von ihm gegründete Firma Algro-Möbel war geboren.

Eine knochenharte, aber auch hochspannende Zeit begann. Zumal Schmitz ja weiter studierte und ganz nebenbei eine Familie gründete. Mit rasanter Geschwindigkeit verbreitete sich seine Idee in zahlreiche Städte. „Die Firma mit einem Zentrallager in Heinsberg explodierte regelrecht“, erinnert sich Schmitz. „Daraus entstand die erste Allkauf-Filiale in Heinsberg.“ Als der 29-Jährige 1969 seine Firma Algro-Möbel an Allkauf veräußerte, hätte er eigentlich schon für den Rest seines Lebens die Hände in den Schoß legen können, doch jetzt ging‘s erst richtig los.

„Ich gründete meinen Gemischtwarenladen“, sagt Schmitz scherzhaft. Er eröffnete Top-Boutiquen in Aachen, Jülich und Mönchengladbach, ein Einrichtungsstudio in Heinsberg mit dem Namen Interieur, die Modegeschäfte Mister und Miss Chic, und er beteiligte sich an einer Reifenfirma in Birgden, die er nach Heinsberg holte, um gleich fünf Filialen daraus zu machen. Ach ja, mittlerweile hatte sich bei ihm ein kolossaler Spaß an Beteiligungen und Bauen entwickelt.

Besonders der Gewerbebau hatte es ihm angetan. Auf diesem Weg holte er nach eigenem Bekunden Reifen Lennartz nach Heinsberg, ebenso wie Reifen Casteel, Schuh Siemes, das Schaffrath Wohnkaufhaus und das Schaffrath Küchenzentrum, Carglass, Würth-Baubedarf, die Easy-Apotheke und den TÜV – rund 15 Firmen als Erstgründung. „Ich kümmerte mich aber genauso um die Innenstadt und holte Medorma Bettenhaus, Optik Jonen, Stinges am Rathaus und Schmuck Winter“, zählt der 73-Jährige schier endlos weiter auf. „Ich habe alle Firmen ohne politische Unterstützung nach Heinsberg geholt, darauf bin ich heute noch stolz.“

Schmitz‘ Talent beschränkte sich jedoch nicht nur auf ein Händchen für gute Geschäfte, denn neben seiner Begeisterung für die Kunst schlummerte noch ein ausgesprochenes Faible für die Naturheilkunde in ihm. „Mit 42 erfüllte ich mir einen Traum“, sagt er. Über fünf Jahre hinweg ließ er sich zum staatlich geprüften Heilpraktiker mit Schwerpunkt Klassische Homöopathie ausbilden. Zwölf Jahre lang führte er sehr erfolgreich eine eigene Praxis. „Ich betreute morgens von 8 bis 13 Uhr die Patienten und nachmittags kümmerte ich mich um meine Immobilien und Beteiligungen.“

Etwa bis zum 60sten Lebensjahr führte der 73-Jährige dieses „Doppelleben“. Dann schlossen sich in der Heilpraktikerpraxis zum letzten Mal die Pforten. „Ich merkte, dass ich für den Rest meines Lebens selbst meine ganze Energie brauchte“, begründet Schmitz heute diesen Schritt. Überraschend ist dies allerdings nicht, wenn man weiß, dass er danach noch in 28 Tagen rund 800 Kilometer bis Santiago de Compostela marschierte, 450 Kilometer durch Südfrankreich, zweimal an nur einem Tag 76 Kilometer bis nach Kevelaer oder mit dem Rad schon zuvor über 1700 Kilometer bis nach Rom zurückgelegt hatte.

„Was könnte jetzt noch kommen?“, fragt sich da nicht nur der 73-Jährige. „Am liebsten mit dem Wohnmobil ein halbes Jahr durch Europa und dort stehen bleiben, wo es mir gefällt.“ Lange wird er sicher auch hier nicht stehen bleiben. Denn immer noch gilt für ihn sein Motto: „Wer rastet, der rostet.“

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