Leben und Loslassen am Rande des Tagebaus

Von: Helmut Wichlatz
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Am Reißbrett geplant statt historisch gewachsen: die Umsiedlungsstandorte (oben) Immerath (neu) und Borschemich (neu). Fotos (2): Stefan Klassen Foto: Stefan Klassen
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Immerath (neu) ist nicht mehr „sein Dorf“: Dieter Hillebrecht, Umsiedler. Foto: Helmut Wichlatz

Erkelenz. „Wenn ich noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich nicht umsiedeln, sondern mir lieber irgendwo etwas kaufen“, sagt Dieter Hillebrecht und schaut aus dem Küchenfenster auf den noch sehr kahlen Garten. Er wohnt wieder – oder noch immer – an der Freiheitsstraße. Früher jedoch lag das Haus, in dem drei Generationen seiner Familie lebten, neben dem Immerather Dom.

Heute besteht die Nachbarschaft aus modernen Häusern, die alle erst ein paar Jährchen auf dem Buckel haben und eher an Legoland erinnern als an eine gewachsene Dorfstraße.

Die drohende Umsiedlung und die Entschädigungsverhandlungen schwebten schon über dem Ort, als er vor rund 30 Jahren dorthin zog. „Bei jedem Treffen oder jeder Feier kam das Thema unweigerlich irgendwann auf den Tagebau und die bevorstehenden Verhandlungen mit RWE“, erinnert er sich. Spätestens als die ersten Bürger in die Verhandlungen eintraten, kam gegenseitiges Misstrauen auf: Man habe nicht mehr offen in Immerath geredet. Das, so betont er, habe sich mittlerweile gelegt. Seit die meisten Immerather Verhandlungen, Neubau und Umsiedlung hinter sich haben, entspanne sich die Situation langsam wieder.

„Uns läuft die Zeit davon“

Rückblickend empfiehlt Hillebrecht die Zwischenschaltung eines neutralen Gutachters oder Vermittlers, der den Verhandlungen die Schärfe und Emotionen nimmt. „Man braucht Verhandlungsgeschick“, weiß er. „Denn RWE kann einen auch lange zappeln lassen, wenn man ungeschickt argumentiert hat.“

Darauf wollte es der 58-jährige nicht ankommen lassen, machte sich kundig und lernte Gutachten zu lesen und nachzurechnen. „Die meisten Umsiedler konnten mit dem Wertgutachten doch nichts anfangen und fühlten sich deshalb benachteiligt“, vermutet er. Er könne jeden verstehen, der sich gegen eine Umsiedlung entschieden hat und lieber irgendwo ein neues Zuhause gesucht hat. Denn letztlich werde die Umsiedlung jeden Betroffenen rund 20 Jahre seines Lebens beschäftigt haben.

Bis aus Immerath (neu) mit den vielen Baulücken und unfertigen Straßen einmal ein Dorf geworden ist, wird noch einige Zeit vergehen. Einige der Umsiedler werden das nicht mehr erleben. So wie Hillebrechts Schwiegervater, der die Verhandlungen noch erlebt hat, aber dann plötzlich starb.

Im alten Dorf war Dieter Hillebrecht schon lange nicht mehr. Nicht, dass es ihn zu sehr schmerzen würde, da ist er Realist und weiß, dass der Neuanfang unumgänglich war. „Für meine Frau, deren Familie aus Immerath stammt und die dort aufgewachsen ist, war es schwerer“, betont er. Ihm selbst fehlt der Garten, den man früher von der Straße aus nicht einsehen konnte. „Hier hat es noch was von ,Schöner Campen‘“, findet er. Doch so wie die meisten Umsiedler am neuen Standort ist er jetzt, wo das Schlimmste hinter ihnen liegt, „irgendwie zufrieden“. Immerath (neu) sei trotzdem nicht mehr „sein Dorf“, betont er. Es ist der Platz, wo er und seine Familie jetzt bequem und modern wohnen, mehr nicht.

So weit wäre das Ehepaar A. aus Borschemich gerne schon. Ihren Namen möchten sie nicht nennen, weil sie noch mitten in den Verhandlungen mit dem Energiekonzern stecken – oder eher gerne stecken würden. Denn seit bald drei Monaten haben die Verhandlungspartner nichts mehr von sich hören lassen. Und langsam wird das Ehepaar A. unruhig. „Wir wollen ja nicht als Letzte noch hier im Ort leben“, betont Rita A. „Uns läuft langsam die Zeit davon.“

Die Verhandlungen verlaufen stockend, berichtet sie. Es geht um die Höhe der Entschädigung. Denn den Eheleuten A. steht ihrer Meinung nach eine Entschädigung für entgangene Mieteinnahmen zu. Die Mietwohnung steht leer, die Mieter sind längst weggezogen. Die Mieteinnahmen fehlen. „Dafür sei man aber nicht zuständig, hat man uns bei RWE gesagt“, erläutert A. Und dementsprechend sind die Eheleute nicht mit der angebotenen Summe zufrieden und haben einen Anwalt eingeschaltet. Vielleicht war das ein Fehler, denn seitdem herrscht Funkstille am Verhandlungstisch. Dabei würden sie lieber heute als morgen umziehen.

Ein Grundstück in Borschemich (neu) haben sie sich reservieren lassen und würden gerne mit dem Bauen beginnen. „Hier im alten Ort ist das Leben langsam unheimlich“, erklärt Rita A. Auf ihrer Straße wohnt außer ihnen längst niemand mehr. Die alten Nachbarn sind der Reihe nach umgezogen, sie blieben zurück und wussten immer noch nicht, wie viel sie bekommen und ob das für einen Neubau ausreicht. Abends gehen sie nicht mehr gerne vor die Tür, denn in dem verlassenen Ort kommt es häufig zu Vandalismus, Einbrüchen und sogar Brandstiftung. Auch da kommen schmerzliche Erinnerungen hoch, denn das Ehepaar kannte einen der Feuerwehrleute, die im vorigen Jahr auf dem Weg zum Einsatz nach Borschemich nahe Holzweiler tödlich verunglückt waren.

Ihre Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren des Umsiedlungsprozesses sammeln konnten, wollen sie den künftig von der Umsiedlung betroffenen Bürgern weitergeben. Und irgendwann wollen sie zur Ruhe kommen, dieses Thema endlich hinter sich lassen und einfach wieder unbeschwert leben...

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