Kurzweilige Lektüre über Erkelenz in den 70ern

Von: Ingo Kalauz
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Seine Heimatstadt interessiert ihn brennend: Wilfried Peisens siebtes Buch über Erkelenz behandelt die 1970er Jahre. Foto: Kalauz

Erkelenz. Gäbe es so etwas wie den „Stadtschreiber von Erkelenz“ – Wilfried Peisen hätte gute Chancen auf den Titel. Sechs Bücher über die Geschichte seiner Heimatstadt hat er schon veröffentlicht, jetzt legt er das siebte vor. Es behandelt die Zeit von 1970 bis 1979.

Die 1970er Jahre waren weltweit eine Zeit der Umbrüche: Das Ende des Vietnamkrieges und die Watergate-Affäre, die mit dem Rücktritt von Präsident („Tricky Dicky“) Nixon die Vereinigten Staaten von Amerika veränderten; die Ölkrise, die sich global bemerkbar machte und in Deutschland zumindest an Sonntagen die Autobahnen in Fußgängerzonen verwandelte; am Auftauchen von Ernie und Bert und dem Krümelmonster aus der Sesamstraße jeden Morgen um 9.30 Uhr im deutschen Fernsehen hatten nicht nur die Kinder („Wer, wie, was, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“), sondern auch Erwachsene großen Spaß;

Andreas Baader und Ulrike Meinhof als die Namensgeber einer Gruppe von selbst ernannten Revolutionären, die sich Rote-Armee-Fraktion nannte, von anderen als „Baader-Meinhof-Bande“ tituliert wurde, hielt die Bundesrepublik mit einer Folge von Attentaten und Entführungen in Atem; die Kicker um Günter Netzer und Franz Beckenbauer wurden erst Europa- und dann auch noch Weltmeister; der VW-Golf rollte erstmals über die Straßen der Republik – man könnte die Reihe von Ereignissen aus diesen Jahren, die Nachkriegsgeborenen wie Wilfried Peisen im Gedächtnis haften geblieben ist, noch seitenlang fortführen.

Aber Peisen beschränkt sich in seinem Buch auf seine Heimatstadt Erkelenz. Auch für die brachten die 1970er Jahre nachhaltige Umbrüche. So verlor die Stadt Anfang des Jahrzehnts durch die kommunale Gebietsreform den Status einer Kreisstadt, zu einer solchen wurde in Düsseldorf Heinsberg erhoben.

Schock für die Erka-Städter

Ein Schock war das für die Erkelenzer: Zum einen wussten viele bis dahin nicht, wo genau Heinsberg auf der Landkarte überhaupt zu finden war. Und zum anderen fragten sich die meisten: Was soll jetzt aus Erkelenz werden? Es war die gleiche Frage, die drei Jahrzehnte später auch die Bonner sich stellten, als Berlin zur Bundeshauptstadt erklärt wurde. Die alte Bundeshauptstadt Bonn steht heute besser da als in den 70ern, die ehemalige Kreisstadt Erkelenz wahrscheinlich auch.

Aber solche Fragen interessieren Peisen nicht, er fokussiert seinen Erkelenzer Blick auf die 70er Jahre auf Sachen, die am Rande der „großen“ Inszenierungen über die Bühne gingen. Und er greift dabei auf Zeitungsartikel der Blätter zurück, die mit einem Lokalteil in der 1976 immerhin 650 Jahre alten Erka-Town erschienen sind. Das waren immerhin mit der Westdeutschen Zeitung, der Rheinischen Post, der Erkelenzer Volkszeitung und den Erkelenzer Nachrichten vier Tageszeitungen – mehr als in den meisten Großstädten der Bundesrepublik damals.

Die Wellen schlugen hoch, als die Möhnen mit Apotheker Eugen Luther als „geistigem Vater“ noch vor dem Alten Rathaus zum Tanz einluden; oder als der Erkelenzer Oberhirte Bosch Jugendliche an der Ausübung sportlicher Aktivitäten hinderte und sie an den Altar der Lambertuskirche leitete; oder als Bürgermeister Willy Stein seinen Stadtdirektor Alois Jost „nun fang schon zu saufen an!“ drängte; oder als es bei der Eröffnung der heftig umstrittenen Fußgängerzone zu einer „Invasion“ kam – es ist das Geschehen am Rande, die Nebensächlichkeiten, die kleinen Dinge, denen Peisen seine Aufmerksamkeit schenkt.

Und die sagen ja auf Dauer mehr über das Leben in einer Stadt aus, als die Entscheidungen auf der „hohen“ Ebene, die heute zu Selbstverständlichkeiten gereift sind. An den Auftritt von Udo Jürgens am 5. Juni 1970 in der Stadthalle wird sich der ein oder andere ganz sicher noch erinnern. Oder an die Bundestagswahl 1972 („Willy wählen“), als der CDU-Bundestagsabgeordnete Herbert Hupka in der Oerather Mühle alle Erkelenzer Parteifreunde aufforderte, zur Wahlurne zu schreiten:

„Sprechen Sie alle an, auch die Freundin Ihres Mannes!“ Wilfried Peisen hat zweieinhalb Jahre an dem neuen Buch gearbeitet. Es erhebt nicht den Anspruch, ein zeitgenössisches Porträt der Jahre von 1970 bis 1979 von Erkelenz zu sein. Aber es ist eine kurzweilige Lektüre, die zum Schmunzeln anregt.

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