Wegberg-Schwaam - Kuh-Altenheim statt Schlachter: Ruhestand auf der Weide

Kuh-Altenheim statt Schlachter: Ruhestand auf der Weide

Von: Daniel Gerhards
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Vor dem Schlachter gerettet: Ein ruhiges Leben im Alter bekommen diese Kühe auf der Weide. Foto: Gerhards

Wegberg-Schwaam. Eigentlich ist es eine traurige Geschichte, die sich auf dem Bauernhof im idyllischen Örtchen Schwaam abspielt. Weil Familie Michiels mit der Milch ihrer Kühe kein Geld mehr verdienen kann, stellt Landwirt Heinz Michiels die Milchproduktion jetzt ein.

Die Kühe werden zwar noch gemolken, aber nur, damit sich die Euter nicht entzünden. Die Milch, die noch da ist, muss eben raus. Dieser Teil der Geschichte kann exemplarisch für das Schicksal vieler Milchbauern in Deutschland stehen. In der Milchpreiskrise verdienen viele Landwirte mit der Milch nicht mehr genug Geld, um ihre Kosten zu decken. Schon gar nicht, wenn Investitionen anstehen. Zum Beispiel, um den Hof oder Ställe auf modernem Stand zu halten.

Aber das ist nur der eine Teil der traurigen Geschichte, die sich derzeit auf so vielen, meist kleinen Höfen in Deutschland abspielt. Der zweite Teil handelt vom Schicksal der Kühe. Die Rechnung ist einfach. Wenn das Vieh dem Bauern kein Geld mehr einbringt, dann bringt er es zum Schlachter. Aber in diesem Punkt unterscheidet sich die Geschichte der Familie Michiels von der vieler anderer Landwirte. Bauer Heinz Michiels bringt die Kühe nämlich nicht zum Schlachter. Davon hat ihn seine Frau Wilma überzeugt. Die hat ein Kuh-Altenheim aufgemacht.

Alles begann mit Kuh Erika. Sie ist 13 Jahre alt. Ziemlich alt also für ein Kuh. Sie gibt dem Verein seinen Namen, der sich nun um die Kühe kümmert, die keine Milch mehr geben sollen: Erika and friends. „Erika hat uns gezeigt, dass eine Kuh auch Freiheit und Streicheleinheiten braucht“, sagt Wilma Michiels. „Kühe haben auch Charakter“, sagt sie. Und Erika ist eher eine ruhige Vertreterin. An dem trüben Julimorgen, an dem Wilma Michiels über die Kühe, den Hof und den Verein spricht, möchte Erika am liebsten in Ruhe gelassen werden.

Also spricht Wilma Michiels nicht so viel über Erika, sondern über das, was ihr in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie nicht passt: Massenware und Überfluss. „Ich bin total gegen Massentierhaltung“, sagt sie. Auch weil die Schlachthöfe wegen der großen Massen zur Maschinerie würden. Da gehe es längst nicht mehr um das Tier.

Sie würde sich mehr Wertschätzung für die Lebensmittel vom Bauernhof wünschen. Und das geht eben auch über den Preis. Bei Landwirt Michiels kämen für den Liter Milch noch 19 Cent an, für ein Kälbchen bekomme er 40 Euro. „Ein Kalb als Plastikfigur ist teurer als ein lebendiges“, sagt Wilma Michiels.

Bis vor einiger Zeit hat Heinz Michiels auch noch Kühe zum Schlachter gebracht. Diese Tage waren für Wilma Michiels eine Qual. „Die Kühe haben auch ein Herz. Die merken, wenn etwas nicht stimmt. An diesen Tagen habe ich mich immer versteckt“, sagt sie. Damit das ein Ende hat, hat sie sich entschlossen, die Idee mit dem Kuh-Altenheim und dem dazugehörigen Verein durchzuziehen.

Als erstes möchte der Verein die Tiere vom Michiels-Hof vor dem Schlachter retten. Das sind 40 Alttiere und zehn junge Rinder. Für zehn Tiere hat der Verein bereits Paten gefunden. Denn Kühe zu halten, ist nicht billig. 150 Euro im Monat kostet die Patenschaft für eine der Kühe im Ruhestand. Geld nimmt der Verein auch durch Mitgliedsbeiträge und andere Spenden ein.

Weil das bisher hinten und vorne nicht reicht, hofft Wilma Michiels darauf, dass sich ihre Idee herumsprecheund sie weitere Unterstützer finde. Denn sie möchte auf dem Hof, der jetzt eine Altersresidenz für Kühe wird, noch einiges ändern, um es den Rindern so angenehm wie möglich zu machen. „Wir wollen die Tiere respektvoll behandeln, sie nicht als Sache sehen“, sagt sie. Wenn alles gut läuft, möchte der Verein in Zukunft auch Tiere von anderen Höfen aufnehmen. „Wir haben viel vor. Das ist ein harter Kampf, ein Kampf für die Tiere“, sagt sie.

Wilma Michiels spricht auch darüber, dass es wahrscheinlich viele Landwirte gebe, die sie für verrückt halten. Andere denken vielleicht wie sie, meint sie. „Es gibt auch Bauern mit Herz. Und denen tut es auch leid, die Kühe schlachten zu lassen“, sagt sie.

Dass die Kühe nun viele Freiheiten haben, daran müssen sie sich erst einmal gewöhnen. Sie können jetzt auf der Wiese bleiben, so lange sie möchten. „Aber um 17 Uhr stehen die hier an der Pforte und wollen rein“, sagt Wilma Michiels. Kühe müssen sich eben auch an den Ruhestand gewöhnen. Da ticken sie ähnlich wie mancher Mensch.

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