6875754.jpg

Kommentiert: Vor der Hacke ist es duster

Ein Kommentar von Norbert F. Schuldei

Heinsberg. Feierstunden haben immer etwas Erhabenes – und das ist auch gut so. Wenn man auf hundert Jahre Kohleförderung zurückblicken kann, ist dies ein legitimer Grund, noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen.

Aber – und das muss man sagen dürfen, ohne gleich als Nestbeschmutzer angeschwärzt zu werden – wo viel Licht ist, da gibt es auch untertage viel Schatten. Wenn mehr als anderthalb Jahrzehnte nach der Schließung in Hückelhoven noch immer die Erinnerung an die Zeiten der damals modernsten Anthrazitzeche Europas wachgehalten werden, dann hat das sicher auch mit dem im wahrsten Sinne des Wortes schweißtreibenden Beruf des Bergmannes zu tun: Wer da unten zusammen an einem Strang ziehen musste, für den ist Solidarität kein Fremdwort. Vor der Hacke ist es bekanntlich duster.

Arbeitsplätze, also Broterwerbsstellen, die den Gemeinsinn solcherart fördern, gibt es heute nicht mehr, Einzelkämpfer sind gefragt, Entsolidarisierung wird gefordert. Hückelhoven hatte übertage in der Organisation des Gemeinwesens, also auch in der Kommunalpolitik, lange unter Verkrustungen zu leiden. Auch wenn manche das nicht gern hören: Vetternwirtschaft im Rathaus an der Parkhofstraße zu Zeiten von Sophia-Jacoba war so angesagt wie das Buttern untertage. Die Welt des Bergbaus war durch und durch eine Männerwelt, in der Frauen nur am Rande auftauchten. In Hückelhoven durften sie erst richtig mitmischen, als die Schließung der Zeche schon (von Männern) beschlossene Sache war. Und: Da, wo der Bergbau das Leben der Menschen prägte, war die Gesellschaft fast noch feudalistisch geordnet.

Während über den Siedlungshäusern für die Malocher, die Kumpel also, das Blau des Himmels selten zu sehen war, lebten die „Kohlebarone“ vom Steiger aufwärts komfortabel im Grünen. Nein, das alles gehört nicht in eine Feierstunde. Die war ausgesprochen schön und sehr angemessen. Aber es gehört zu „100 Jahre Kohleförderung in Hückelhoven“ mit dazu. Hückelhoven werde immer eine traditionsbewusste Zechenstadt bleiben, hat Bürgermeister Bernd Jansen in seiner Rede gesagt. Ja, es stimmt: Zukunft und Heimatgefühl sind keine Gegensätze. Wenn man das eine wie das andere ohne schön zu färben betrachtet.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert