Körperkunst: Es geht nicht um den Knalleffekt

Von: Helmut Wichlatz
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In dieser zehn Meter langen Vitrine ist ein männlicher Körper ausgestellt, der in 157 einzelne Scheiben geschnitten wurde. Foto: Helmut Wichlatz

Erkelenz. „Echte Körper on Tour“ gab es an der Kölner Straße zu bestaunen. Obwohl die Ausstellung im Zelt daherkam, war es keine Jahrmarktbelustigung mit Gruselgarantie, die das Publikum erwartete. Denn die Exponate werden nicht in künstlichen Posen drapiert oder gar verkleidet ausgestellt.

Im Gegensatz zu anderen Shows geht es nicht um den Knalleffekt, betont der technische Leiter Thomas Müller. „Es sind auch schon Besucher wieder gegangen und haben sich beschwert, dass kein Pferd ausgestellt wurde“, berichtet er.

Die Ausstellung wird oft mit den „Körperwelten“ von Gunther von Hagen verwechselt. Hagen hat das Verfahren der Plastination erfunden, mit dem Körper konserviert werden können. Dafür seien bis zu 2000 Arbeitsstunden nötig, weiß Müller.

„Von den Toten lernen“

Seine Ausstellung setzt auf Aufklärung, denn „von den Toten lernen“ ist ernst gemeint. Die Besucher bekommen Einblicke in die Funktionen, das Zusammenspiel und die erschreckend simpel gestaltete Innenwelt des Menschen. Dabei werden die Organe oder Funktionsfolgen in den Fokus gerückt. Man sieht die Lungen von Rauchern und Nichtrauchern, kann diese auch mit Luft füllen. Man steht vor einem leeren Overall, der wie hingeworfen in einer Vitrine liegt und erkennt, dass es die Haut eines Menschen ist, von den Zehen bis zum Scheitel an einem Stück abgezogen und für die Nachwelt konserviert. Ein leerer Anzug mit über zwei Quadratmetern Fläche.

Wer lässt so etwas nach einem Tod mit sich machen. Und warum? Auf beide Fragen weiß Müller überraschende Antworten. „In den USA, woher alle Exponate stammen, entscheiden sich jedes Jahr rund 200000 Menschen dafür, ihre Körper nach dem Tod für die Plastination zur Verfügung zu stellen“, erklärt er beim Rundgang durch die Ausstellung. Sogar die Beweggründe sind bekannt. „Einige wollen einfach nur nicht von den Würmern gefressen oder mit der Asche anderer vermischt werden“, sagt er.

Dann steht er vor fünf Vitrinen, die auf einer Länge von rund zehn Metern die insgesamt 157 Scheiben beherbergen, in die ein männlicher Körper zerschnitten ausgestellt ist. „Er hatte ein gutes Leben und wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben“, weiß Müller. Woher? Zu jedem Exponat gibt es eine lückenlose Dokumentation, die bei den Beweggründen der Spender und deren Todesursache beginnt. Seit rund zehn Jahren ist er mit der Ausstellung on Tour und hat sich in der Zeit selbst einiges an Fachwissen angeeignet, das er gerne bei den Führungen mit den Besuchern teilt. Unter den Besuchern sind auch viele Schulklassen. „Meistens kommen die Lehrer zuerst alleine und überzeugen sich, ob sie es den Schülern zumuten können“, erklärt er. Zumeist können sie. Denn der Umgang mit den Exponaten ist sehr respekt- und würdevoll.

Fotografieren ist natürlich verboten. Trotzdem gibt es auch schon mal Ärger. Zum Beispiel in Hannover, wo die Ausstellung gerichtlich gestoppt und verboten wurde, obwohl alle nötigen Unterlagen und Dokumente vorgelegt werden konnten. Dass bei der Ausstellung für Früherkennung, Vorsorge, AIDS-Prävention und Organspende ebenso geworben wird wie für ein rauchfreies Leben erwarten viele Besucher nicht. Wer auf der Suche nach dem Kick kommt, geht mit Informationen, die nachdenklich machen und vielleicht sogar das Leben verändern können.

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