Selfkant-Süsterseel - Kölsche Tön statt Evangelium und Predigt

Kölsche Tön statt Evangelium und Predigt

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
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Mit Gitarre und Akkordeon spielten sich die Mitglieder des Kölsch-Katholischen Ensembles mit Pfarrer Harald Josephs (hinten) selbst in die Kirche hinein.
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Mit Gitarre und Akkordeon spielten sich die Mitglieder des Kölsch-Katholischen Ensembles mit Pfarrer Harald Josephs (hinten) selbst in die Kirche hinein.

Selfkant-Süsterseel. „Er kombiniert mühelos Liturgie und Spaß an d‘r Freud“, heißt es über Pfarrer Harald Josephs, Leiter der GdG Mönchengladbach-Süd. Dass an diesem Satz echt was dran ist, bewies er nun erstmals auch in der Heinsberger Region, in St. Hubertus Süsterseel, zusammen mit dem insgesamt zehnköpfigen Kölsch-Katholischen Ensemble. Dazu gehören acht Musiker, inklusive Pfarrer, und zwei Lektoren.

Mit Akkordeon und Gitarre spielte sich die Gruppe schon selbst auf die Altarbühne, die drei Stunden vorher für den Soundcheck mit allen anderen Instrumenten wie etwa Schlagzeug und Keyboard ausgestattet worden war. Schon mit ihrem „Wick es d‘r Wäch noh Kevelaer“ schafften die Musiker es, die Besucher in der mehr als voll besetzten Kirche zum Mitsingen zu bewegen.

Mit Borussia verbunden

„Dann setzen se sich mal alle schön hin“, forderte Josephs sie nach dem Kreuzzeichen zu Beginn des Gottesdienstes auf. „Haste vorher schon mal wat jehört von Süsterseel“, fragte er seinen in brauner Mönchskutte gekleideten „Mitbruder“ zu seiner Rechten. Hatte der nicht, aber Josephs hatte als eingefleischter Fußballfan den Ortsnamen schon oft gesehen. „Egal, wo Borussia Mönchengladbach spielt, da sehe ich immer ein Transparent von Süsterseel“, bekannte er. Und er erklärte er auch, wie es das Ensemble erstmals so weit aus dem Gladbacher Raum herausgetragen hatte. Die Bekanntschaft des Schlagzeugers mit seinem Süsterseeler Lehrerkollegen sei Schuld daran, so Josephs.

Schunkeln im Kirchenschiff

Dann erklärte er, wie er geht, der kölsch-katholische Gottesdienst. Statt Lesung, Evangelium und Predigt hat er drei alternative Elemente: Bibeltext, Interpretation für den Alltag und ein passendes Lied dazu, und das viermal hintereinander. Los ging‘s mit einem Text aus dem Buch des Predigers Kohelet. „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit“, las Marion Peters daraus vor, passend zum diesjährigen Motto der kölsch-katholischen Gottesdienste: „Alles hät sing Zick“.

Hermann Deuster präsentierte seine Gedanken dazu, in Jlabbacher Platt, und nahm dabei die täglichen Mahlzeiten in den Blick. „Äete es e Stöck Läeveskultur“, Essen sei ein Stück Lebenskultur, so sein Fazit. Dazu passte der „Rievkoche-Walzer“, der das Süsterseeler Kirchenschiff gleich zum Schunkeln brachte. Und alle konnten prima mitsingen, da der Text auf die Kirchenwand neben dem Altar projiziert wurde. Wer den Text der Bläck Fööss dabei auf sich wirken ließ, dem erschloss sich die Verbindung zur Bibelstelle.

Weiter ging‘s mit einem Zitat aus dem Buch Genesis: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.“ Hier widmete sich Deuster dem Thema Freizeit als sinnvoll verbrachte Zeit. Er singe schon seit mehr als 75 Jahren in einem Chor. Das könne also nicht so falsch und ungesund sein, befand er. A cappella, wie die Bläck Fööss, präsentierte das Ensemble den „MGV Concordia“, ein Lied über einen Männergesangverein, sogar mit dem Pfarrer als Solosänger.

Mit der Bergpredigt ging‘s weiter: „Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt“, hieß es da und: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.“ So oft frage man sich am Abend, wo der Tag nur wieder geblieben sei, sagte Deuster dazu. Da sei es doch gut, dass das Leben einem stetigen Kreislauf folge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, der durch den Glauben geprägt sei. Nur im Rheinland, da gebe es eine fünfte Jahreszeit. „De fünf Johreszigge“ war da der passende Titel, aus dem auch das Motto des gesamten Gottesdienstes stammte: „Alles hät sing Zick“.

Ovationen nach zwei Stunden

Die letzte Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium mahnte schließlich zu einem verantwortlichen Umgang mit der vorhandenen Zeit: „Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat“, hieß es da. Deuster weitete die Sicht auf die Zeit aus auf die Sicht des menschlichen Miteinanders. Toleranz sei ein großes Wort, fange aber im Kleinen an, erklärte er. „Mer dräume all dä selve Draum“, so sein Fazit und zugleich Titel des Liedes, dem noch „Jede Minsch“ folgte mit dem passenden Refrain: „Jede Minsch hät nur dat eine Stänezelt“. Es sei gut, dass alles seine Zeit habe, „und alle Zeit ist in dir geborgen“, sprach der Pfarrer.

So simmer all hie hen jekomme und spreeke all dieselbe sproak“, leitete er nach der Gabenbereitung über zum gemeinsamen „Vater unser“. Gehört wurde sein Appell zu mehr Offenheit für andere Kulturen, „für alle, die aus irgendeinem Land nach hier kommen und unsere Kultur bereichern.“ Den „Sirtaki“ der Bläck Fööss sah nicht nur er als „Friedenslied“.

Mit dem Segen endete der Gottesdienst noch lange nicht, denn danach präsentierte das Ensemble noch echt kölsche Karnevals-Ohrwürmer. „Herrlich!“ fand es da nicht nur der Pfarrer bei einem begeisterten Publikum. Wie im Flug waren am Ende zwei Stunden in der Kirche verflogen. Über stehende Ovationen freuten sich die Musiker, und der Pfarrverband über 500 Euro Erlös der abschließenden Türkollekte, die Flüchtlingen zugutekommen soll.

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