Mönchengladbach/Wegberg - Klinik-Skandal: Bewährungsstrafe für Pier

Klinik-Skandal: Bewährungsstrafe für Pier

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Arnold Pier
Arnold Pier (2.v.r.) am 2. Verhandlungstag und sein Verteidiger Thomas Verheyen (r.). Foto: Ralf Roeger

Mönchengladbach/Wegberg. Für die heimliche Behandlung einer frisch operierten Patientin mit Zitronensaft ist der ehemalige Klinik-Chef von Wegberg zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Das Landgericht Mönchengladbach sprach Ex-Chefarzt und Klinik-Besitzer Arnold Pier am Freitag wegen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig.

Eine über 80-jährige Patientin war nach einer Bauch-Operation in der Wegberger Klinik an einer Infektion der Wunde gestorben. Zwei weitere Ärzte wurden freigesprochen.

Die ohnehin zweifelnde Patientin hätte der Operation nicht zugestimmt, wenn sie gewusst hätte, dass sie mit handelsüblichem, nicht-sterilen Zitronensaft behandelt werden sollte - einer nicht zugelassenen Methode, sagte der Vorsitzende Richter Lothar Beckers. Deswegen sei ihre durch Kopfnicken erfolgte Einwilligung in die Operation unwirksam und der Eingriff als Körperverletzung zu werten.

Die Verwendung des frisch gepressten Zitronensaftes zur Wund-Desinfektion sei ohne Zweifel ein medizinischer Kunstfehler. Es komme letztlich nicht darauf an, ob die Patientin am Zitronensaft selbst gestorben sei. Dies sei unklar geblieben.

Der Frau war ein mit Zitronensaft getränkter Streifen in die Wunde eingelegt worden. Später wurde die Wunde zwei Mal mit Zitronensaft gespült, so das Gericht. Über eine derart „originelle Vorgehensweise” hätte die Patientin so früh wie möglich aufgeklärt werden müssen, befand das Gericht.

Stattdessen sei der Einsatz des unsteril gepressten Saftes in den Krankenakten „mit der falschen Bezeichnung als "Ascorbinsäure" verschleiert worden”, so Beckers. Die Frau starb infolge einer schweren Wund-Infektion an einem „septischen Schock”.

Pier muss sich Anfang Februar in einem zweiten Prozess wegen des Vorwurfs der Körperverletzung an 17 weiteren Patienten verantworten. Das Gericht hatte den Fall der Patientin Margarete W. abgetrennt, weil ein Schöffe schwer erkrankte und den Prozess nicht mehr weiter verfolgen kann.

Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Jahre Haft auf Bewährung gegen Pier beantragt. Die Verteidiger des Mediziners hatten einen Freispruch gefordert: Der Einsatz des Zitronensaftes sei spontan während der Operation erfolgt. Deswegen habe die Patientin gar nicht vorab darüber aufgeklärt werden können.

Die Staatsanwaltschaft hatte Pier vorgeworfen, für den Tod von sieben Patienten und für mehr als 60 Fälle von Körperverletzung verantwortlich zu sein.

Pier habe aus Profitstreben seinen Patienten gesunde Organe entnommen und an teuren Medikamenten gespart, so die Anklage. Um den Einsatz teurer Desinfektionsmittel zu vermeiden, sei der Zitronensaft eingesetzt worden. Pier und seine Verteidiger hatten die Vorwürfe vehement bestritten und die Verwendung des Zitronensaftes als medizinisch vertretbar verteidigt.

Ein Gutachter hatte den Einsatz des Zitronensaftes bei Operationen dagegen als gesundheitsgefährdend kritisiert. „Wir würden das nicht am Patienten ausprobieren wollen. Das ist fast wie Salzsäure”, hatte Professor Sebastian Lemmen vom Aachener Uni-Klinikum erklärt. Der Einsatz am Menschen habe „experimentellen Charakter”.

Pier hatte die wirtschaftlich angeschlagene kleine Klinik in Wegberg bei Mönchengladbach zum 1. Januar 2006 übernommen. Der Hauptangeklagte war Klinik-Besitzer, Chefarzt und ärztlicher Direktor in einer Person.
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