Klimacamp: Viele Gespräche zum Auftakt

Von: Daniel Gerhards
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Gespräche über Klima, Camp und Kohle: Anwohner bekommen einen Einblick ins Klimacamp. Foto: Daniel Gerhards
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Thorsten Moll, Janna Aljets, Moderatorin Karin Walter, Manfred Maresch und Dr. Stefan Gärtner diskutieren über Strukturwandel im Rheinischen Revier (v.l.). Foto: Gerhards
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Polizeipräsident Dirk Weinspach informiert Anwohner über den Polizeieinsatz rund um die geplanten Protestaktionen. Foto: Gerhards

Erkelenz. Das Klimacamp hat begonnen. Auf dem Gelände am Lahey-Park schlagen in dieser Woche mehrere Tausend Braunkohlegegner ihre Zelte auf. Die Veranstalter erwarten rund 6000 Teilnehmer. Dabei geht es um Workshops, Information und Austausch in Sachen Weltklima. Aber auch um Protest.

2015 waren aus dem Klimacamp heraus rund 1500 Aktivisten zum Tagebau Garzweiler gezogen. 805 gelangten im Rahmen der Aktion „Ende Gelände“ in die Grube und zwangen RWE, die Bagger zu stoppen.

Freitagabend, Müller‘s Platz, Erkelenz: Die Aachener Polizei, die für alle Einsätze in Sachen Tagebau zuständig ist, will sich mit den Bürgern austauschen. Teil der Strategie seien „Dialog, Kommunikation und Transparenz“, sagt Polizeipräsident Dirk Weinspach.

Deshalb kommt er mit seinen Kollegen nach Erkelenz, um sich den Fragen von Anwohnern zu stellen. Zur Diskussionsrunde, die Hermann-Josef Delonge, Redakteur unserer Zeitung, moderiert, kommen rund 50 Leute. Es geht darum, was die Polizei tun will, um Demonstranten und Anwohner zu schützen.

Weinspach sehe derzeit keinen Hinweis auf Ausschreitung wie beim G20-Gipfel in Hamburg. Der größte Teil der Kohlegegner, die ins Klimacamp kommen, sei friedlich, sagt Helmut Lennartz von der Polizei. „Es werden sicher auch Menschen kommen, die bereit sind, Hausfriedensbrüche und Sachbeschädigungen zu begehen. Und es werden sicher auch Einzelne und kleine Gruppen kommen, die bereit sind, Gewalt gegen Personen anzuwenden“, sagt er.

Allzu große Sorgen müssten sich die Anwohner deshalb aber nicht machen. Bei den vergangenen Klimacamps hätten sich so gut wie alle Straftaten gegen RWE gerichtet. Die Polizei will an diesem Abend mit den Leuten reden, deshalb ist viel Raum für Fragen. Dabei wird deutlich, aus welchen Spektren die Besucher kommen. Es sind „normale“ Anwohner, es sind Aktivisten, es sind Vertreter des Klimacamps und von „Ende Gelände“.

Einige haben Angst vor den Demonstranten, die in dieser Woche zu Tausenden nach Erkelenz kommen werden. Einige bitten die Polizei, auch etwas gegen die hohe Alltagskriminalität in den immer leerer werdenden Dörfern zu tun. Die anderen haben Angst vor Polizeigewalt. Und vor vorschneller Kriminalisierung.

Weinspach geht auf jede Frage und jede Sorge ein. Manchem kann er die Angst nehmen. Anderen offensichtlich nicht. Aber man redet miteinander. Und das ist ein gutes Zeichen. Zwei Dinge stellt er aber auch noch klar: Niemand darf in den Tagebau. Und Straftaten werden konsequent verfolgt.

Sonntagvormittag, Klimacamp, Lahey-Park: Im Camp guckt mancher Umweltaktivist noch etwas verschlafen aus der Wäsche, als rund 25 Anwohner der umliegenden Orte zu Besuch kommen. Die Organisatoren des Klimacamps gewähren einen Einblick in das, was dort geschieht.

Und das sind derzeit noch Diskussionen, Foren und Vorträge. Bis Mitte der Woche beschäftigen sich die aktuell rund 1000 Teilnehmer des Camps noch mit Fragen rund um das Weltklima. Um Protest und „Aktionen des zivilen Ungehorsams“ soll es erst ab Mitte der Woche gehen. Aber an einem Zelt weht schon die grün-schwarze Fahne der radikalen Aktivisten aus dem Hambacher Forst im Wind.

Die Vertreter des Camps sprechen viel über die Logistik, die notwendig ist, um die erwarteten 6000 Kohlegegner zu versorgen. Über die Duschen, die aus Wassertanks gespeist werden, über die selbst gebauten Komposttoiletten, über das viele Essen, das vegan zubereitet wird, und über ihre basisdemokratischen Entscheidungsstrukturen. „Das Camp wächst immer weiter. Am Ende ist das wie eine Wohnsiedlung. Ich finde es schön, das wachsen zu sehen“, sagt Klimacamp-Sprecherin Johanna Winter.

Sonntagnachmittag, Stadthalle, Erkelenz: Es wird immer voller. Die Sitzplätze sind längst alle belegt. Viele müssen stehen. Das nehmen die Zuhörer der Diskussionsrunde zur Frage „Was kommt nach der Kohle?“ in kauf. Sie wird organisiert von der Degrowth-Sommerschule, die im Klimacamp stattfindet. Es geht um die Perspektiven nach dem Braunkohletagebau und den Weg dorthin.

Dr. Stefan Gärtner von der Ruhr-Uni Bochum geht es darum, dass man sich frühzeitig mit dem Thema Strukturwandel beschäftigen müsse. Er sagt, dass es aus der Vogelperspektive betrachtet kein Drama sei, wenn die Arbeitsplätze in der Braunkohle wegfielen. In der Region gebe es genügend Ballungszentren, in denen sich neue Arbeit finden lasse. Man müsse allerdings jetzt schon einen Wandel einleiten, sonst komme irgendwann der harte Bruch. Und was dabei herauskommt, zeigten die Erfahrungen aus dem Ruhrgebiet. Dort habe man zu lange auf das falsche Pferd gesetzt.

Manfred Maresch, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie entgegnete, dass die Industriebetriebe in der Region auf viel Strom angewiesen seien. Und die permanente Versorgung von energieintensiven Unternehmen könne aktuell nur wegen der Braunkohle aufrechterhalten werden. Ohne Braunkohle seien auch die Jobs in anderen Industriezweigen gefährdet.

Janna Aljets von der Jugendorganisation des BUND setzt darauf, dass die Arbeitsplätze bei den erneuerbaren Energien stärker gefördert werden. Sie ist für einen sofortigen Stop der Braunkohleförderung und fordert, dass die aktuell bei RWE beschäftigten Arbeiter umgeschult werden sollen. „Wer dann keinen Job findet, sollte extrem gut entschädigt werden. Und zwar nicht vom Staat, sondern von RWE. Die haben auch jahrzehntelang die Gewinne eingefahren“, sagt sie.

Thorsten Moll, der in Holzweiler lebt, das nach der Leitentscheidung der Landesregierung doch nicht abgebaggert wird, sagt, dass sein Dorf derzeit mit einem Strukturwandel der anderen Art befasst sei. „Der Bäcker hat zugemacht, die Tankstelle hat keine Kunden mehr, weil die Orte um uns herum immer leerer werden, und Apotheken gehen eher in größere Orte. Für uns geht es um die Frage, was wir in Holzweiler tun können, um füreinander da zu sein“, sagt er.

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