Erkelenz-Borschemich (alt) - Kleine Gärtnerei kämpft gegen Energieriesen RWE

Kleine Gärtnerei kämpft gegen Energieriesen RWE

Von: Kurt Lehmkuhl
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Helmut Meier lebt am Tagebaurand in Borschemich. Er kämpft um seine berufliche Zukunft und um die Existenz seiner Gärtnerei. Foto: Lehmkuhl

Erkelenz-Borschemich (alt). Helmut Meier und sein Bruder Joachim sind allein auf weiter Flur; im tatsächlichen und im übertragenen Sinne. Sie betreiben eine Gärtnerei am Hochneukirchener Weg in Borschemich, dem Ort, an dessen Rand schon die Bagger von RWE Power das Land wegkratzen. Die meisten der Einwohner haben Borschemich verlassen und sich zum größten Teil in Borschemich (neu), nahe der Erkelenzer Innenstadt, umsiedeln lassen.

Eine Umsiedlung wäre auch für Gärtner Meier eine Alternative gewesen. Doch sind die Verhandlungen mit RWE Power ergebnislos geblieben. Jetzt rechnet der 58-Jährige damit, dass der Konzern eine vorzeitige Besitzeinweisung, sprich Enteignung, vorantreiben will, um ihn, seinen Bruder und ihren Betrieb aus Borschemich zu „entfernen“.

„RWE Power geht einfach davon aus, dass wir den Betrieb nicht mehr weiterführen“, sagt Meier lakonisch, während er seinen Bruder beobachtet, der gerade dabei ist, einen Beerdigungskranz zu binden. Die Herstellung dieser Kränze gehört zum ganzjährigen Kerngeschäft des kleinen Betriebs. Deshalb stehen auf dem rund drei Hektar großen Gelände am Ortsrand fast im Schatten der Bagger rund 13 000 Koniferen, Tannen und Fichten, aus deren Zweigen die Kränze geflochten werden. Hinzu kommt der Verkauf von Rosen, Hortensien und anderer Sträucher und Blumen, die in Gewächshäusern gezüchtet werden.

Sicherlich ist der Betrieb nicht mehr das, was er noch vor zwei Jahren war, räumt Meier ein. Aber es gibt plausible Gründe für den eingetretenen Niedergang: Der Gärtner hat nach einer schweren Erkrankung eine Lebertransplantation über sich ergehen lassen müssen. Allein deshalb hat er 2012 rund 250 Tage krankheitsbedingt nicht arbeiten können. „Und RWE Power schließt aus meiner langwierigen Abwesenheit, dass ich den Betrieb nicht mehr weiterführe oder weiterführen kann“, sagt Meier.

Dabei würde er gerne weitermachen, Mitarbeiter einstellen. „Aber lohnt sich das, wenn eine Enteignung kommt?“ RWE Power habe signalisiert, dass es keine weiteren Verhandlungen mehr geben werde. Ohne Mitarbeiter aber ist die Arbeit in der Gärtnerei nicht zu stemmen, müssen die Bäume ohne Schnitt bleiben und können die Sträucher und Blumen nicht in dem Maße gepflegt werden, das notwendig ist. Keine Arbeit mit den Pflanzen führt notgedrungen dazu, dass weniger Ertrag erzielt wird. Das zwangsläufige Ende ist absehbar.

„Teilweise wurden Verhandlungen von RWE Power verschoben mit der Begründung, der zuständige Mitarbeiter sei erkrankt. Meine Erkrankung wird hingegen von RWE Power nicht akzeptiert“, kritisiert Meier. Ihn stelle der Konzern vor vollendete Tatsachen: krank, Betrieb schwächelt, Betriebsaufgabe wahrscheinlich, vorzeitige Besitzeinweisung.

Das gehe sogar schon soweit, dass RWE Power das Katasteramt beauftragt habe, festzustellen, dass auf dem Gelände keine Gewächshäuser mehr stünden und der Mitarbeiter des Katasteramtes zum eigenen Erstaunen feststellen musste, dass es die Häuser tatsächlich doch noch gab.

Bei Entschädigungsverhandlungen spielt die Bebauung eine große Rolle. Reines Gartenland ist weniger wert als ein Gewächshaus. „Ähnlich verhält es sich mit Bäumen“, moniert Meier. Jeder einzelne Baum in einem Privatgarten werde entschädigt. Bei ihm wolle man wohl warten, bis die Pflanzen eingegangen oder wertlos geworden sind.

Der Gärtner ist verbittert. Seine Erkrankung sieht er als Folge der Feinstaubeinwirkung durch den nahenden Tagebau. „Ich bin nicht der einzige, dessen Leber geschädigt war und ist.“ Sein Zwillingsbruder sei deswegen gestorben, ein Mitarbeiter sei wegen der Schädigung ebenfalls lebertransplantiert worden. Aus dem Nachbarort wisse er von drei Lebertransplantationen. Der Feinstaub schädige die Lunge, die erforderlichen Medikamente würden die Leber angreifen. „Das ist kein Zufall, dass hier am Tagebaurand überdurchschnittlich viele Menschen Lungen- und auch Lebererkrankungen haben“, meint Meier.

Aber darüber würde nicht geredet; ebenso wenig wie über das Grundwasser, das nicht nur in der Menge, sondern auch in der Qualität derart nachgelassen habe, dass er den eigenen Brunnen längst nicht mehr nutzen konnte. Der Betrieb wurde ans öffentliche Wassernetz angeschlossen. Allerdings kann Meier in heißen Spitzenzeiten nicht so viel Wasser abzapfen, wie er benötigt. Der Wasserdruck ist einfach zu gering am Ende des Netzes.

Die Folge: Pflanzen verbrennen. „Gut für RWE, schlecht für uns“, meint Meier ironisch.

Der Gärtner und sein Bruder geben sich kämpferisch. Sie wollen ihren Betrieb weiterführen, wenn nicht in ihrer Heimat, dann woanders. „Acht Jahre Vorlaufzeit brauchen wir, bis der Betrieb läuft.“ Aber RWE Power scheine daran nicht interessiert. Für das Unternehmen ist die Gärtnerei im Prinzip schon gestorben, glaubt Helmut Meier.

Bei der Stadt Erkelenz steht die mögliche Umsiedlung und das damit verbundene Schicksal der Gärtnerei in Borschemich schon seit einigen Jahren immer wieder auf der Tagesordnung. Zum einen bringt der Beigeordnete Dr. Hans-Heiner Gotzen durchaus Verständnis für die Situation der Betroffenen auf, zum anderen verweist er auf die langwierigen Verhandlungen zwischen Meier und RWE Power. „Für eine Betriebsverlagerung gibt es bestimmte Regeln, die erfüllt werden müssen.“ So müssten etwa Zweifel erlaubt sein, wenn etwa ein Betrieb schon seit Jahren defizitär arbeite oder als Nebenerwerb betrieben werde. Ob dies auch für die Gärtnerei zutrifft, vermag Gotzen nicht zu beurteilen.

Ebenso wenig will er sich zu der Vermutung äußern, Feinstaub aus dem Tagebau könne mittelbar ursächlich sein für Lebererkrankungen. „Das kann nur durch medizinische Gutachten geprüft werden.“

RWE Power weist den Vorwurf zurück, sie würden nicht mit Meier reden. „Gespräche gab es, gibt es und wird es geben“, sagt Manfred Lang von der Pressestelle. Es habe auch ein verbindliches Angebot gegeben, damit die Gärtnerei zukunftsträchtig betrieben werden könne, so der Pressesprecher. Er bestätigt durchaus ein eingeleitetes Grundabtretungsverfahren. „Es geht uns aber nicht um eine Enteignung, es geht darum, eine neutrale Gesprächsgrundlage zu schaffen und eine sachliche Basis durch Expertengutachten.“

Zum Thema Erkrankungen räumt Lang ein, dass RWE Power im Clinch mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz stehe wegen möglicher gesundheitlicher Schädigungen durch Feinstaub. Bislang sei eine Kausalität nicht belegt.

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