Kreis Heinsberg - Kirche: 90 Prozent der Arbeit erledigen Frauen

Kirche: 90 Prozent der Arbeit erledigen Frauen

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Die Errungenschaften der demokratischen Zivilgesellschaft in Bezug auf den innerkirchlichen Raum würden einfach verachtet, bemängelt Christa Nickels. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. „Die Zukunft von Religion und Kirche in Deutschland – Perspektiven und Prognosen“ lautet der Titel eines von Patrick Becker und Ursula Diewald im Herder-Verlag herausgegebenen Buches. 15 Autoren haben dazu mit ihren ganz eigenen Gedanken zum Thema beigetragen.

Eine von ihnen ist die Grünen-Politikerin Christa Nickels aus Waurichen, ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium.

„Der Limburger‚ Turmbau zu Babel‘ – Ein Gleichnis vom Versagen der Kirche“ lautet ihr zehnseitiger Beitrag im Buch. Darin beklagt sie die fehlenden Beteiligungsmöglichkeiten von Laien und Frauen in der Leitung der katholischen Kirche. Sie schreibt von einem überholten Selbstverständnis der Bischöfe, „das immer noch Maß nimmt an der Figur eines fürstbischöflichen Regenten aus der Zeit des Absolutismus“. Die Errungenschaften der demokratischen Zivilgesellschaft in Bezug auf den innerkirchlichen Raum würden einfach verachtet. „Damit muss Schluss gemacht werden, soll Glauben in der Institution Kirche weiter Heimat und Zukunft haben“, schreibt Christa Nickels.

Wie sie eine Zukunft sieht für die katholische Kirche vor Ort, darüber sprach Christa Nickels mit unserer Mitarbeiterin Anna Petra Thomas.

Was ist für Sie die wesentliche Basis für die Zukunft der katholischen Kirche?

Christa Nickels: Ganz wesentlich ist zunächst einmal der Erhalt gewählter Gremien vor Ort. Sonst würde man doch das Feinwurzelwerk unserer Kirche einfach wegschlagen. So haben wir es zum Beispiel geschafft, dass es über den GdG-Rat hinaus in unserer GdG St. Bonifatius Geilenkirchen auch weiterhin gewählte Pfarreiräte gibt. Ich bin Mitglied im Pfarreirat von St. Peter Immendorf, Waurichen und Apweiler. Wichtig dabei ist vor allem, dass es sich dabei um demokratisch gewählte Gremien handelt. Nur so haben die Vertreter in diesen Gremien auch das Vertrauen der Katholiken vor Ort.

Welche Rolle spielt da der zunehmende Mangel an Priestern?

Christa Nickels: Die Pfarreiräte vor Ort übernehmen mittlerweile eigentlich die gesamte pastorale Arbeit außerhalb der Gottesdienste. Sie kümmern sich um Senioren und Kranke, organisieren zum Beispiel Maiandachten. Sie sind die Kirche in Rufweite. Und es sind vor allem Frauen, die diese Arbeit machen. Darum wird es in Zukunft auch das Diakonat der Frau geben müssen, wie es dies übrigens in frühkirchlicher Zeit bereits gab. Wenn Frauen zu 90 Prozent die Arbeit in der Kirche vor Ort machen, ist es für mich überhaupt nicht einsehbar, dass sie nicht an der Kirchenleitung beteiligt sein sollten. Das ist ein alter Zopf, der abgeschnitten werden muss. Das wäre sofort möglich.

Vor allem junge Menschen sind es, die sich aufgrund der aktuellen Diskussionen in der Kirche zunehmend von ihr abwenden. Wie können sie in der Kirche gehalten werden?

Christa Nickels: Zunächst ist wichtig, dass sie gehalten werden. Wer die biblischen Geschichten nicht kennt, dem fehlt der Einblick in unsere abendländische Kultur. Organisationen wie Pegida wollen das christliche Abendland verteidigen, kennen unsere Kirche aber oft nur von außen. Um die Menschen in der Kirche zu halten, müssen wir sie da abholen, wo sie sind und vor allem eine einladende Kirche sein. Niederschwellige Angebote sind da ganz wichtig. So haben wir zum Beispiel hier in Immendorf ein Adventspfarrfest veranstaltet, bei dem drei Generationen, rund 800 Menschen in unserem kleinen Pfarrsaal viel Spaß hatten. Die christliche Botschaft muss einfach praktisch gelebt werden, von allen, nicht nur von Oberfrommen.

Haben Sie da noch andere Ideen?

Christa Nickels: Ja, zum Beispiel mit Blick auf die Kirchenchöre, denen der Nachwuchs fehlt. Junge Leute wollen sich dafür nicht mehr einmal pro Woche fest binden. Da bieten sich Projektchöre an. Wir müssen flexibler werden, wir müssen mehr untereinander und direkter kommunizieren, und wir müssen noch mehr als nur ökumenischer werden, um der christlichen Kirche eine Zukunft zu geben. Wir sind da noch sehr stark unterhalb unserer Möglichkeiten. Auch mit Judentum und Islam in seiner menschenfreundlichen Ausprägung können wir viel stärker zusammenrücken.

Und mit den Menschen, die gar nicht in christlichen Kirchen sind?

Christa Nickels: Da lohnt sich für neue Ideen der Blick nach Ostdeutschland. So gibt es zum Beispiel im Erfurter Dom jährlich die Feier der Lebenswende für konfessionslose Jugendliche, die eine Alternative zur Jugendweihe suchen, wie sie in der ehemaligen DDR gefeiert wurde. Oder Bautzen fällt mir da ein, wo der Dom eine sogenannte Simultankirche ist für katholische und evangelische Christen mit Gottesdiensten zu unterschiedlichen Zeiten. Auch in unserer Region sind da Anfänge gemacht, zum Beispiel mit Gottesdiensten zum Valentinstag für alle Paare, ob kirchlich verheiratet oder gar nicht. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass es in Zukunft ganz sicher keine Diskussion mehr darüber geben darf, ob katholische Einrichtungen ungetaufte Mitarbeiter haben dürfen. Wir müssen uns öffnen, um als Kirche eine Zukunft zu haben.

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