Heinsberg - Kindeswohlgefährdung: Immer öfter hakt das Jugendamt nach

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Kindeswohlgefährdung: Immer öfter hakt das Jugendamt nach

Von: Rainer Herwartz
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Die Gefährdung des Kindeswohls kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen. Gewalt gegen KInder ist eine Facette, bei der das Jugendamt mobil macht. Foto: imago/imagebroker/begsteiger

Heinsberg. Deutsche Jugendämter haben in Familien im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt 17.000 akut gefährdete Kinder gefunden. In weiteren 21.000 Fällen stellten sie eine latente Gefährdung fest. Im Vergleich zum Vorjahr hätten sich diese Zahlen nicht verändert. Um 8,5 Prozent gestiegen sei jedoch die Zahl der Überprüfungsverfahren zur Einschätzung des Kindeswohls. Rund 116.000 solcher Verfahren gab es 2013. Im Jahr 2014 waren es schon insgesamt 124.213 Verfahren. Nimmt die Zahl der Verfahren auch im Zuständigkeitsbereich des Heinsberger Jugendamtes zu?

„Das können wir so nicht bestätigen“, erklärt Amtsleiter Bernd Kleinjans. Es gab in den Jahren 2008 bis 2011 mehrere überregionale Fälle in den Medien, wo Kinder missbraucht worden sind.“ Zum Teil auch in Pflegefamilien oder Kinderheimen. „Das hatte zwei Dinge zur Folge: Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und Kritik an den Jugendämtern und dem Staat. Es wurde den Jugendämtern vorgeworfen, sie kämen ihrer Wächterfunktion nicht in ausreichendem Maße nach.“

Die Bundesregierung habe schließlich reagiert, meint Kleinjans. „2008 wurde der sogenannte Paragraf 8 A SGB VIII eingeführt, der den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung zum Inhalt hat.“ 2012 sei dann noch das Bundeskinderschutzgesetz gefolgt, ebenso wie das Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz sowie die Verordnung zur Datenmeldung der Teilnahme an Kindesfrüherkennungsuntersuchungen.

Wenn Eltern also ihr Kind nicht zum Kinderarzt für die obligatorischen Untersuchungen U 5 bis U 9 bringen, muss dieser dies melden, was wiederum eine Mitteilung vom Land an die zuständigen Jugendämter zur Folge hat.

Gerade die zunehmende Sensibilisierung in der Bevölkerung, wenn es um das Kindeswohl gehe, habe damals auch in Heinsberg zu einem spürbaren Mehr an Hinweisen geführt, sagt Kleinjans. Im Jahr 2013 registrierte das Amt 43 Verdachtsmeldungen, bei denen in fünf Fällen eine Inobhutnahme und in zehn Fällen Hilfe zur Erziehung (HzE) erfolgte.

„Davor hatten wir ungefähr die Hälfte im Jahr.“ 2014 wurden 46 Meldungen aktenkundig, bei denen in sechs Fällen eine Inobhutnahme und in 18 HzE nötig wurde, 2015 waren es jedoch nur noch 29 Meldungen, drei Inobhutnahmen und zehn HzE-Fälle. In diesem Jahr befassten sich die Mitarbeiter des Jugendamtes bislang mit 16 Meldungen. In einem Fall musste schließlich auch ein Kind aus einer Familie herausgenommen werden.

„Wir haben eine Dienstanweisung entwickelt, wie jeder Mitarbeiter zu verfahren hat, wenn eine Meldung über Kindeswohlgefährdung eingeht“, erläutert Kleinjans‘ Stellvertreter Peter Maaßen. „Wir haben aber noch viel mehr gemacht“, meint Kleinjans. „Eigentlich ist es ja schon zu spät, wenn eine Kindeswohlgefährdungsmeldung erfolgt.

Deshalb haben wir Vereinbarungen mit den Kitas und Schulen getroffen, wie reagiert werden soll. In dem Zusammenhang wurden die Leitungspersonen zur Kinderschutzfachkraft weitergebildet. Denn es ist nicht immer leicht zu erkennen, warum es einem Kind nicht gut geht.“

Es gebe allerdings bestimmte „Risikokonstellationen, die eine Kindeswohlgefährdung begünstigten, sagt Maaßen und zählt gleich einige auf: Armut, niedriger privater Status, niedriger Bildungsstand der Eltern, Alkohol- und Drogenkonsum, frühgeborene Kinder oder solche mit Behinderungen, Familien mit zahlreichen Kindern, sehr junge Eltern und Alleinerziehende.

„Bei den ganzen Meldungen, die wir in den letzten Jahren bekommen haben, schlagen die Alleinerziehenden besonders stark zu Buche.“ Da passt leider die aktuelle Information ins Bild, dass bundesweit 43 Prozent der Alleinerziehenden nur unzureichend oder gar nicht die Zahlungen ihres Ex-Partners zum Unterhalt erhalten.

Vorbeugung ist für Kleinjans und Maaßen das A und O im Kampf gegen die Kindeswohlgefährdung. „Hierzu gehört auch die Einführung von Familien-Paten in Zusammenhang mit der Caritas“, sagt Kleinjans. Das Projekt der Familien-Hebammen des Kreises sei ebenfalls in diesem Kontext zu sehen.

Jedes Neugeborene der Stadt werde vom Bürgermeister schriftlich begrüßt „und der Besuch einer Fachkraft wird angekündigt. Wir haben schon seit Jahren die Schulsozialarbeit forciert und fördern Sozialschwache durch den Besuch der Ganztagsschule“.

Alle fünf Jugendämter des Kreises Heinsberg hätten zudem eine Vereinbarung mit der Suchthilfe geschlossen. Gleichwohl weist Kleinjans daraufhin: „Die Prävention beruht immer auf der Freiwilligkeit der Eltern.“ Will sagen, nur dem könne geholfen werden, der sich helfen lassen wolle.

Letztlich seien die Jugendämter auch auf die Wachsamkeit in der Bevölkerung angewiesen. „Wenn die Menschen einen Verdacht haben, sollten sie sich melden. Wir fahren lieber 99 Mal umsonst raus als einmal zu wenig.“

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