Kinder oft schon mit einfachen Übungen überfordert

Von: Rainer Herwartz
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Der zwölfjährige Mike Krolikowski ist einer der Top-Sportler an der Realschule Im Klevchen. Für unsere Zeitung zeigt er auf Anweisung seines Sportlehrers einige der Übungen, bei denen etliche seiner Mitschüler überfordert sind. Fotos (6): Rainer Herwartz Foto: Rainer Herwartz
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Der zwölfjährige Mike Krolikowski ist einer der Top-Sportler an der Realschule Im Klevchen. Für unsere Zeitung zeigt er auf Anweisung seines Sportlehrers einige der Übungen, bei denen etliche seiner Mitschüler überfordert sind. Fotos (6): Rainer Herwartz Foto: Rainer Herwartz
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Kerstin Gross von der Sonnenscheinschule und Sebastian Dambietz von der Realschule Im Klevchen kennen die sportlichen Hürden vieler Schüler.

Heinsberg. Seltsam ist es schon – immer wieder locken sportliche Großereignisse die Menschen in Scharen in die Stadien, zum Public Viewing oder vor die Mattscheibe. Die Begeisterung scheint grenzenlos, allerdings nur so lange, wie man anderen gemütlich, am liebsten mit einem Bierchen in der Hand, beim Schwitzen zuschauen kann. Der Grundstein hierfür wird meist schon in der Kindheit gelegt.

Laut jüngstem Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht kommen Kinder inzwischen durchschnittlich auf eine Sitzzeit von über sechs Stunden täglich. Ihre Bewegungszeit liegt bei unter 30 Minuten. Inzwischen seien bundesweit 25 Prozent aller Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren übergewichtig. 2009 seien es nur 15 Prozent gewesen. Als Hauptursachen gelten Bewegungsmangel und Fehlernährung. Offenbar bekannt ist das Problem auch an hiesigen Schulen wie ein Drachen, den es zu bekämpfen gilt.

„Viele Kinder haben motorischen Probleme“, sagt Kerstin Gross, Sportlehrerin an der Sonnenschein-Grundschule. Vielen fällt es schon schwer, die Arme kreisen zu lassen. Auch die Kondition ist ein Problem.“ Ihr Kollege Sebastian Dambietz von der Realschule Im Klevchen bestätigt dies. „Es gibt viele, die Schwierigkeiten haben beim Turnen, Schwimmen und Ballspielen. Alleine wenn man sich das an einer ganz normalen Rolle vorwärts anschaut: schon die technischen Hilfen, die man einstudiert hat, funktionieren nicht. Ein Blatt mit dem Kinn zu fixieren, um die Bewegung einzuleiten, überfordert manche Kinder. Es geht oft nur noch darum, eine Übung in der Grobform zu beherrschen.“

Die 39-jährige Kerstin Gross hat festgestellt: „Die natürliche Bewegungsfähigkeit und Bewegungsfreude, wie wir sie hatten, sind nicht mehr da.“ An der Grundschule würden oftmals Bewegungspausen eingefügt, damit die Kinder ihre Konzentration auf den Lehrstoff zurückgewännen. „Viele Kinder machen da jedoch nicht mit oder schaffen es nicht einmal, in die Knie zu gehen.“

Das Schwimmen wird in zahlreichen Familien offenbar eher stiefmütterlich betrieben. „Schwimmen beginnt bei uns ab Klasse zwei oder drei“, so Kerstin Gross. „Mindestens die Hälfte der Klasse kann aber nicht schwimmen. Wir bieten jetzt zusätzliche Schwimmkurse für die Nichtschwimmer an, damit sie nach Beendigung der Grundschulzeit zumindest das Seepferdchen erreicht haben.“

Nicht in allen Fällen geht diese Rechnung wohl auf. „Pro fünfte Klasse sind bei uns bis zu drei Kinder dabei, die es nicht schaffen, eine Strecke von 50 Metern zu schwimmen“, weiß Sebastian Dambietz aus Erfahrung. Dabei sei das Gefälle zwischen den Kindern, die sportliche Top-Leistungen erbringen können und solchen, die starken Förderbedarf haben, in den letzten Jahren gewachsen. Kurios in diesem Zusammenhang, manche Kinder sehen dies gar nicht so. „Die realistische Selbsteinschätzung ist oft nicht da.“

Bei den Ballspielen sei eines der Hauptprobleme, dass manche Kinder gar kein „Raumsehen“ besäßen, um sich sinnvoll in eine günstige Position zur Ballannahme zu bringen. Natürlich bereite oft auch schlicht das Passen und Fangen des Balles Schwierigkeiten. Meist sei es so, hat Sebastian Dambietz festgestellt: „Die Kinder, die es in Klasse 5 nicht können, können es auch nicht in Klasse 10.“ Leider stelle sich die Freude am Sport dann nicht ein.

„In den letzten Jahren hat es auch deutlich zugenommen, dass Kinder eine schriftliche Entschuldigung der Eltern dabei haben, so dass sie nicht am Sportunterricht teilnehmen müssen, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Schüler kommen auch zunehmend ohne Sportsachen zum Unterricht und können dann nicht mitmachen.“

Letztlich, so habe er den Eindruck, sei es ihnen aber gleichgültig. Eine traurige Entwicklung, findet der 34-Jährige. „Gerade in der heutigen Zeit, in der das Berufsleben immer stressiger wird, bietet die sportliche Betätigung eine wichtigen Ausgleich, um den Körper wieder aufzubauen und gesund zu bleiben.“ Und auf das Berufsleben bereite die Realschule ja schließlich auch vor.

„Allen, die nicht in einen Verein gehen, empfehle ich einen Verein“, sagt Kerstin Gross. „Die Gemeinschaft, der feste Termin zum Training in der Woche, die Regeln, die man lernt und die sportliche Erfahrung fördern auch das Selbstbewusstsein und die persönliche Entwicklung.“ Letztlich müssten da über die Kinder aber auch die Eltern erreicht werden, um vielleicht einen Sinneswandel zu erreichen.

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