Kaum Burnout bei Lehrern in Heinsberg

Von: Rainer Herwartz
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Lehrer stellen laut Statistik die Berufsgruppe mit den meisten Burnout-Erkrankten. In Heinsberg ist die Lage an den Schulen offenbar entspannter. Foto: imago/blickwinkel

Heinsberg. Was für ein Leben – sechseinhalb Wochen Sommerferien, zwei Wochen im Herbst, zwei zu Weihnachten und auch noch zwei zu Ostern. Ach ja, und mittags um eins ist ohnehin jeden Tag Feierabend. So oder so ähnlich stellen sich viele Zeitgenossen in romantischer Verklärung den Lehrerberuf vor.

Doch wie verträgt sich dieses Bild mit dem Umstand, dass keine Berufsgruppe häufiger von Burnout betroffen ist als die der Pädagogen an den Schulen. Neue Statistiken sprechen davon, dass 60 Prozent der Lehrer zumindest latent gefährdet seien, völlig ausgebrannt die Segel zu streichen. 40 Prozent sollen schon vor dem Erreichen der eigentlichen Pensionsgrenze kapitulieren. Eine kleine Umfrage an Heinsberger Schulen beleuchtet die Situation vor Ort – mit einem überraschenden Ergebnis.

„Ich bin jetzt zehn Jahre als Schulleiter hier, habe aber noch keinen Kollegen erlebt, der davon betroffen war“, sagt Thomas Heinrichs, der Leiter der größten Grundschule in der Kreisstadt. „Ich glaube, ein Grund ist der, dass viele der Betroffenen keinen Feierabend kennen. Sie gehen mit ihren Arbeiten, ihren Lehrmaterialien und den Ideen zu der Frage, was mache ich morgen, nach Hause. Dadurch kriegen sie den Cut nicht hin.“ An seiner Grundschule habe man da eine eigene Methode entwickelt, dem entgegenzusteuern. „Wir regen die Kollegen dazu an, ihre Arbeit an mehreren Tagen in der Woche gemeinsam mit den Kollegen ihrer Jahrgangsstufe im Schulgebäude zu erledigen. Wenn man dann am Nachmittag nach Hause geht, hat man wirklich Feierabend. Diese Teamstrukturen haben mittlerweile bei uns ihren festen Platz und sind unumstritten.“

Auch bei einem weiteren Aspekt, den Heinrichs als Ursache für eine Überlastung ansieht, sei dies hilfreich. „Die Rede ist von dem Druck, der von außen einwirkt, der Wunsch der Eltern, die Kinder noch individueller zu fördern. Oft werden dabei gleichzeitig Lehrer und Schüler überfordert.“ Das Team biete dem einzelnen Lehrer in seinen Entscheidungen den nötigen Rückhalt, weiß Heinrichs. Auch die durch die Politik gestellten Anforderungen seien nicht von Pappe. Als Stichworte nennt Heinrichs Inklusion oder Migrationsproblematik. Wenn Kinder eingeschult würden, die noch kein Wort Deutsch sprächen, stelle das einen Lehrer vor massive Herausforderungen, erklärt Heinrichs.

Beinahe schon überraschend, dass auch sein „Nachbar“, der Leiter der Hauptschule an der Westpromenade, Matthias Reinartz, in all den Jahren, in denen er nun schon Rektor ist, erst einen Kollegen wegen eines Burnouts in den Ruhestand verabschieden musste. Dennoch macht er deutlich: „Es wird stressiger, weil der Umgang mit den Schülern anspruchsvoller wird. Den Respekt muss man sich fast täglich neu erarbeiten. Aufforderungen wird nicht immer Folge geleistet.“ Oft fehle den Lehrern auch der Rückhalt durch das Elternhaus. „Für viele Schüler stehen Schule und Lernen offenbar nicht mehr an erster Stelle, sondern alles, was mit modernen Medien wie Internet oder Facebook zu tun hat.“

Warum es an seiner Schule dennoch gelinge, den Stresspegel erträglich zu halten? „Ich glaube, dass an unserer Schule das Klassenlehrerprinzip, wie es an den Grundschulen herrscht, das Kollegium davor bewahrt, an Burnout zu erkranken. Dadurch wird nämlich eine besondere Bindung zwischen Schülern und Klassenlehrern aufgebaut. Nicht selten wird der Lehrer zu einer Art Elternersatz. Viele Schüler halten daher auch den Kontakt über die Schulzeit hinaus.“

Spezielles Spannungsfeld

Reinartz‘ Kollege, der frühere Leiter der Realschule in Oberbruch und neue Chef der Realschule Im Klevchen, Albert Zaunbrecher, sieht die Lage an den Heinsberger Schulen auch nicht düster. „Die hohe Zahl der latent durch Burnout gefährdeten Lehrer kann ich für unsere Region nicht bestätigen. Vielleicht ist der zum Teil schon therapeutische Anspruch, der an Kollegen gestellt werden kann, andernorts einfach größer“, vermutet Zaunbrecher. In Ballungszen-tren sehe die Welt da etwas anders aus als auf dem Land. „Der Lehrer bewegt sich ja in einem Spannungsfeld zwischen Wissensvermittlung, Familientherapie und Sozialarbeit.“ In den acht Jahren, in denen er mittlerweile in Heinsberg in leitender Funktion tätig ist, hat er erst einen Fall von Burnout erlebt. Der Kollege sei später jedoch wieder in den Schuldienst eingegliedert worden.

„Der Lehrer als Respektsperson stand früher außerhalb jeder Diskussion. Der Erziehungskonsens zwischen Elternhaus und Schule war stärker ausgeprägt. Wirklich beklagen können wir uns allerdings nicht.“ Er erlebe die Schülerschaft auch an seiner neuen Schule als sehr angenehm.

Auch Annegret Krewald hat in den 13 Jahren als Leiterin des Kreisgymnasiums Heinsberg schon den ein oder anderen Fall von Burnout erlebt. „Das gibt es auch bei uns“, sagt sie. „Meistens gelingt aber die Wiedereingliederung. Lehrer können ja ganz unterschiedlich eingesetzt werden.“ Was als Belastung empfunden werde, sei ohnehin „subjektiv sehr unterschiedlich“. In einem Fall sei es das Unterrichten jüngerer Kinder, in einem anderen das genaue Gegenteil. Auch die Befreiung von Verwaltungsaufgaben könne da helfen.

Grundsätzlich, so meint die Schulleiterin, gebe es jedoch heutzutage wesentlich mehr Kinder und Jugendliche mit persönlichen Problemen. Das reiche von der Hyperaktivitätsstörung ADHS bis hin zu privaten Problemen. „Das macht die Arbeit komplizierter. Es ist schwieriger, solche Schüler zu der Leistung zu führen, die gefordert wird.“ Hinzu kämen natürlich sich verändernde Rahmenbedingungen, nicht zuletzt durch politische Vorgaben. „Die Lehrerausbildung bereitet zwar darauf vor, aber letztlich lernt man erst in der Praxis, damit umzugehen.“

So fatal, wie es manche Statistiken beschreiben, scheint die Situation zumindest an den Heinsberger Schulen also nicht zu sein. „Wir haben sehr viele Kollegen, die die angesparte Altersteilzeit gar nicht in Anspruch nehmen, sondern bis 65 arbeiten wollen.“ Statistisch gesehen „mehr als die Hälfte“, sagt Krewald.

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