Karneval ohne Vorstände: Kaum einer will Verantwortung tragen

Von: Anna Petra Thomas
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An tänzerischem Nachwuchs mangelt es nicht: Bei der KG Kongo gibt es sogar eine Warteliste. Aber es erklären sich immer weniger Mitglieder bereit, Verantwortung zu übernehmen. Foto: dpa
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Der erste Schritt in den Vereinskarneval führt für Kinder oft über Tanzgruppen. Danach übernehmen aber immer weniger Verantwortung in Vorstandspositionen. Foto: dpa
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Thomas Windeln gehört zum „harten Kern“ der KG Kongo. Und der Rest? Der kommt zum „Trinken und Winken“, scherzt er. Foto: anna

Heinsberg/Wassenberg. Alle wollen ihn gerne feiern, den Karneval. Wenn es aber darum geht, in den Gesellschaften der Region Verantwortung zu übernehmen, sieht die Sache schon ganz anders aus. In einigen Vereinen gelingt es kaum noch, alle Vorstandsämter zu besetzen, denn um den Nachwuchs, der in verantwortungsvolle Ämter hineinwachsen könnte, ist es oft nicht gut bestellt.

Bei der KG Karker Rabaue ist zum Beispiel die Position des Geschäftsführers im Vorstand derzeit vakant, weil sich einfach niemand dafür findet. So teilen sich Vorsitzender Frank Heckens, der in diesem Jahr auch noch Prinz und sowieso stellvertretender Präsident ist, Schatzmeister Rolf Wünsch und Präsidentin Karolin diese Aufgaben, unterstützt von Prinzessin Michaela Heckens als zweiter Geschäftsführerin.

Feiern? Ja. Arbeiten? Nein.

Als der noch junge Verein 1985 mit großer Euphorie gegründet worden war, habe man sich keine Sorgen um Vereinsposten oder Prinzen machen müssen, sagt Karolin Wünsch. In den vergangenen Jahren mussten die Rabaue jedoch schon drei Mal ohne Tollität auskommen. Und die Vorstandsarbeit ruht im Grunde auf den Schultern der Familien Heckens und Wünsch. „Die meisten wollen nur feiern, die wenigsten arbeiten“, sagt Karolin Wünsch. „Und viele können es auch einfach nicht mehr, vom Alter her.“ Der Nachwuchs fehlt.

Anders stellt sich die Situation bei den Tänzerinnen im Verein dar. Um sie müssen sich die Rabaue nicht sorgen. Und hier haben die Verantwortlichen jetzt angesetzt, um auch für Nachwuchs im Elferrat und im Vorstand zu werben. „Wir bieten unseren Tänzerinnen zum Beispiel an, zu auswärtigen Auftritten auch ihre Freunde mitzunehmen“, sagt Rolf Wünsch. Ein Lichtblick auch für ihn ist das neue Herrenballett, genannt „Men in Jeck“.

Zudem versucht der Verein, Freundschaften zu anderen Vereinen im Ort noch intensiver zu pflegen, was auch für ihn zusätzliche Unterstützung bedeutet. So würden Mitglieder des Tennisvereins zum Sessionsauftakt kellnern, Mitglieder des Fußballvereins an Altweiber, erklärt Karolin Wünsch. Dafür arbeiten die Rabaue beim Fußball- und beim Tennisturnier im Sommer.

Bei alteingesessenen Gesellschaften, etwa der KG Kongo von 1886, stellt sich die Situation aktuell nicht besser dar. Hier fehlt aus gesundheitlichen Gründen seit dem Sessionsauftakt der Vorsitzende und Präsident Bernd Jaegers. Die Präsidentenwürde „lastet“ hier jetzt auf seinem Stellvertreter Thomas Windeln, der erst seit Mai 2016 im Amt ist. So dramatisch, wie sich das liest, ist es jedoch nicht, war Windeln doch Mitbegründer der IG Färvpott, die sich seit vielen Jahren ebenfalls im Wassenberger Sitzungskarneval engagiert.

Um den tänzerischen Nachwuchs sorgt auch Windeln sich nicht. „Wir haben sogar eine Warteliste“, sagt er. Ansonsten werde es aber immer schwieriger, Erwachsene für eine Mitarbeit im Karnevalsverein zu motivieren. „Die Jecken, die sich einsetzen, sterben aus.“ Auf rund 20 Mitglieder beziffert Windeln den „harten Kern“ der KG Kongo. Der Rest? „Trinken und winken“, scherzt er. Um Spaß zu haben, sei jeder gerne dabei. Für mehr wolle heute keiner mehr seine wertvolle Freizeit opfern.

„Da fehlt das Heimatgefühl“

Zudem muss die KG Kongo schon in der fünften Session ohne Prinz auskommen. Und das, obwohl für ihn ein Wagen für den Zug bereitstehe, das Ornat gestellt werde und die Orden vom Verein bezahlt würden. „Trotzdem macht es keiner“, so Windeln. „Wassenberg ist halt eine Schlafstadt. Da fehlt das Heimatgefühl.“

Das sieht er für sich persönlich ganz anders. Er ist mit seinen Eltern im Karneval in der Wassenberger Brühl aufgewachsen. „Weil es mir einfach Spaß macht“, begründet er die Motivation für sein Engagement. Und weil er eine alte Tradition einfach nicht aussterben lassen will. Um den Nachwuchs sorgt er sich da natürlich auch. Aber eine neue Jugendgruppe? „Die Frage ist, was man ihr nach Karneval zu bieten hat und wer sich darum kümmert“, denkt er laut nach.

Dabei treiben ihn noch ganz andere Sorgen um, denn wie die Rabaue beklagt auch er immer wieder neue behördliche Auflagen, die oft mit hohen Kosten verbunden sind. Größtes Problem für ihn derzeit: Nachdem im vergangenen Jahr von einer Seitenstraße aus ein Auto versehentlich in den Zug hineingefahren sei, habe die Gesellschaft nun die Auflage, während des langen Zugweges von Birgelen aus durch ganz Wassenberg alle Seitenstraßen selbst abzusperren. Da sieht auch Windeln derzeit noch keine Lösung.

Von Problemen zu sprechen, findet Karl-Peter Bongartz, Vorsitzender der KG Randerather Grasbürger, zu dramatisch. Aber einige Sorgen macht er sich natürlich auch. „Es finden sich immer noch welche, die jeck genug sind, es zu machen“, sagt er, wenngleich er einräumt, dass auch dem Randerather Elferrat „ein bisschen Nachwuchs“ fehlt.

Doch hier habe man bereits vor drei, vier Jahren die Situation erkannt und eine ganze Gruppe junger Leute neu in den Verein geholt. „Wir passen uns der Zeit an“, erklärt Bongartz und blickt dabei zum Beispiel auch auf das weibliche Dreigestirn, das den Verein in diesem Jahr repräsentiert. Dass der Verein damit richtig liege, zeige der Vorverkauf für die Sitzung in diesem Jahr mit einer Steigerung des Kartenverkaufs um 30 Prozent, erklärt Bongartz.

Auf der anderen Seite belasten aber auch ihn die wachsende Bürokratie und steigende Kosten. „Zudem brechen die Spenden weg“, erklärte er. „Leute, die Klinken putzen gehen, gibt es heute nicht mehr“, sagt er. Dennoch blickt er insgesamt positiv in die Zukunft seiner Gesellschaft.

Mutig in die Zukunft blicken

Mutig tun das trotz aller großen Probleme aber auch die Rabaue und die Kongolesen. Die Rabaue wollen zum Beispiel in der Session 2018/19 den Heinsberger Stadtprinzen stellen – anlässlich ihres 3x11-jährigen Jubiläums. „Und wir werden einen haben“, sagt Rolf Wünsch.

Und in Wassenberg: „So schnell geben wir nicht auf“, sagt Windeln. Immerhin feiere die KG Kongo doch 2018 bereits ihr 12x11-jähriges Bestehen.

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