Erkelenz - Kabarett: Thomas Freitags Pointen treffen stets punktgenau

Kabarett: Thomas Freitags Pointen treffen stets punktgenau

Von: hewi
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Bushaltestelle im Nirgendwo: der perfekte Ort für Kabarettist Thomas Freitag, über Regulierungswut und Bürgerferne zu sinnieren. Foto: hewi

Erkelenz. Thomas Freitag gehört zu den festen Größen des deutschen Kabaretts. 1977 holte ihn Kay Lorentz ans Düsseldorfer Kom(m)ödchen, seitdem hat er 16 eigene Bühnenprogramme geschrieben. Jetzt stellte Freitag in der Stadthalle sein neues Programm „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ vor. Dabei zeigte sich der Altmeister spielfreudig und scharfzüngig, wie man ihn kennt.

Ort seines Programms ist eine verlassene Bushaltestelle, vor der er landet, nachdem ihn ein tödlicher Unfall in seinem eigenen Kreisverkehr aus der Bahn geworfen hat.

Nun kann man akzeptieren, dass man tot ist, oder eben nicht. Peter Rübenbauer, den Freitag mit Bravour verkörperte, akzeptiert es nicht. Schließlich könne der EU-Beamte ja wohl nicht vor der Pensionierung versterben. „Da hätte sich das ja alles nicht gelohnt“, betont er und beginnt nachzudenken, woraus dieses „alles“ denn besteht.

Auf der Suche nach seiner persönlichen Lebensleistung geht er ans Eingemachte und legt seine Finger in die Wunden, die Europa bei uns hinterlassen hat. Regulierungswut, Dilettantismus und Bürgerferne prangert er an, aber auch die Selbstbedienungsmentalität der Europäer. Längst verteidige Europa christliche Werte, die mit Christentum nicht mehr viel zu tun haben. Wie sagt einer seiner Charaktere auf der Bühne: „Jesus ist auch nur eine Einzelmeinung im Christentum.“ So viel zum Thema Nächstenliebe.

Socken-Sprengstoff

Freitags Pointen sitzen auf den Punkt. Er vermischt Fakten, die empören, mit den Erkenntnissen und Meinungen seiner Figuren. Da ist der niederländische EU-Beamte Drempel, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Verkehr in Europa völlig lahmzulegen. Oder der evangelische Selbstmordattentäter Hans-Peter Mauser-Seitenbach, der einen Sprengstoffgürtel aus alten Birkenstocksandalen und Socken um den Leib trägt und sich für die gute Sache ins Paradies bomben will, schließlich erwarten ihn dort 36 Sozialpädagoginnen mit Doppelnamen. Wie seine muslimischen Berufskollegen ist er von der Überlegenheit seiner Religion überzeugt, schließlich „kann nur ein Evangele ganz allein eine Menschenkette bilden“.

Doch auch Altgott Zeus kommt zu Wort. Er beklagt sich über den erbärmlichen Zustand seines Griechenlandes und weist darauf hin, dass er sogar den Namen für den Kontinent gegeben habe. „Ich habe Europa damals flachgelegt“, betont er. „Das könnte heute auch alles Vanessa oder Stavros heißen.“

Wie der Kontinent auch heißen mag, er ist eine Lachnummer. Das Lachen bleibt dem Publikum ein ums andere Mal im Halse stecken. Europa, der Kontinent der Kreisverkehre, kreise um sich selbst und sei durch und durch zynisch, lautet seine Einschätzung. Und zynisch ist auch Peter Rübenbauer, der A-14-Beamte. Das stellt er in seinem Briefwechsel mit seinem afrikanischen Patenkind unter Beweis. „Wir sind Zyniker und kennen von allem den Preis, aber nicht den Wert“, betont er.

Je länger er nachdenkt, umso klarer kommt aber seine Vision von dem vereinten Europa zum Vorschein. Ein Europa, in dem er bei einem Glas Wein den jungen Menschen verschiedener Nationen beim Flirten zuschauen kann. Ein Europa mit gemeinsamen Zielen und Träumen. Derart geläutert, braucht er auch nicht mehr an der Bushaltestelle im Nirgendwo zu verharren.

Sein Handy klingelt und sein afrikanisches Patenkind, mittlerweile in Europa angekommen, lädt ihn zum gemeinsamen Bier ein. Vielleicht ein Neuanfang für Europa. Das Publikum dankte dem Kabarettisten mit begeistertem Jubel und nahm einige seiner ketzerischen Gedanken mit nach Hause.

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