JVA Heinsberg von Salafisten bislang unbehelligt

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
8653206.jpg
Franz-Josef Bischofs, der stellvertretende Leiter der JVA Heinsberg (links), und Ralf Müller, der Leiter des allgemeinen Vollzugsdienstes, im Gebetsraum der Muslime, der auch für rituelle Waschungen ausgestattet ist. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Die Bilder von Terror und Gewalt „im Namen Allahs“ prägen derzeit die Medienlandschaft. Meist schwarz vermummte IS-Kämpfer und ihre Gräueltaten lassen die Menschen erschauern. Tausende sind vor ihnen auf der Flucht.

Die islamistische dschihadistisch-salafistische Terrororganisation hat sich zum Ziel gesetzt, gewaltsam ein Kalifat zu errichten, welches zunächst Syrien und den Irak, aber auch den Libanon, Israel, die Palästinensischen Autonomiegebiete und Jordanien umfassen soll.

Salafisten werben auch in Deutschland gezielt junge Männer an mit dem Ziel, sie als „Gotteskrieger“ zu rekrutieren. Attraktiv ist der Salafismus für manche Jugendliche, weil er ihnen eine klare Orientierung biete, schreibt das Religionspädagogische Institut Loccum in einem Beitrag. „Der Unübersichtlichkeit der modernen Welt und der Zumutung, sich ein eigenes Urteil bilden zu müssen, wird eine Schwarz-Weiß-Sicht entgegengesetzt: Das musst du tun, das musst du lassen, so tust du, was dein Schöpfer von dir verlangt.“

Darüber hinaus biete die Gruppe eine Form von „Nestwärme“, wie sie für Sekten typisch sei. Nach Statistiken besitzen nur 33 Prozent der jungen Männer, die sich anwerben lassen, einen Schulabschluss, nur sechs Prozent eine Ausbildung. Vor allem Jugendstrafanstalten rücken immer mehr in den Fokus der Salafisten. Auch in Heinsberg?

Problem auf der Tagesordnung

„Hier gibt es bislang keine entsprechenden Fälle“, sagt der stellvertretende Anstaltsleiter Franz-Josef Bischofs. Dennoch bestätigt er, dass das Problem bei der letzten überregionalen Sitzung der Anstaltsleiter auf der Tagesordnung stand. Denn in anderen Haftanstalten habe es durchaus Anwerbeversuche gegeben. „Wenn jeder in seinem Haftraum betet, kann er das tun. Aber wenn es darüber hinaus geht, haben wir schon ein waches Auge.“ Auch sein Kollege Ralf Müller, der Leiter des allgemeinen Vollzugsdienstes, sieht das so. Wir sind da sehr nah am Ball, weil wir kleine Wohngruppen haben mit bis zu 20 Strafgefangenen.“

Von den 430 Insassen, die derzeit in der Heinsberger Jugendhaftanstalt untergebracht sind, gehörten 80 bis 100 dem islamischen Glauben an. Etwas über 30 von ihnen seien Türken. Und die beten auch nicht nur im stillen Kämmerlein. Sie werden dabei durch den Imam Musa Gökce und den stellvertretenden Vorsitzenden der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Hückelhoven, Hüseyin Baytekin, betreut.

Schon seit mindestens 20 Jahren bestehe ein guter Kontakt zwischen der Gemeinde und der JVA, erklären Bischofs und Baytekin übereinstimmend. Einmal im Monat komme der Imam mittwochs zum Gespräch über Glaubensfragen und alle zwei Wochen werde von ihm oder einem Kollegen das Freitagsgebet geleitet. Das Freitagsgebet sei für Muslime gefühlt wohl zehnmal wichtiger als der Sonntagsgottesdienst für die Christen, glaubt Baytekin, der als Zwölfjähriger im Januar 1965 mit seiner Familie nach Deutschland kam und dies bis heute nie bereute.

„In den Gesprächen mit dem Imam geht es meistens um aktuelle Sachen, aber nur religionsbezogen, nie politisch“, sagt Baytekin. Kurz vor Ramadan werde das Fasten behandelt, vor dem Opferfest eben darüber gesprochen. Auch die Regeln des Gebetes oder rituelle Waschungen stünden im Mittelpunkt. „Ob die jungen Leute die Salafistendebatte mitbekommen, weiß ich nicht.“ Ein Thema bei den offiziellen Zusammenkünften sei sie jedenfalls nicht.

Baytekin scheinen Fragen in diese Richtung nicht zu behagen. Dennoch stellt er unmissverständlich klar: „Im Koran steht wörtlich, wenn ein Muslim einen Menschen tötet, ist es so, als würde er die ganze Menschheit töten. Und wenn er ein Menschenleben rettet, ist es so, als würde er die ganze Menschheit retten.“

Wie es denn angehe, dass sich auch die IS-Terroristen auf den Koran berufen? „In allen Gottesbüchern gibt es nie Schwarz und Weiß, sondern Grau. Wir jedenfalls interpretieren immer alles so wie unser Prophet Mohammed es interpretiert hat, also zum Guten.“

Gemeinsam mit dem Imam will Baytekin verhindern, dass die Muslime später erneut hinter Gittern landen. Und dabei soll der Glauben helfen. „Die jungen Leute, die hierher kommen, waren mit dem Koran vorher nicht so konfrontiert“, lässt Imam Gökce über Baytekin wissen. Es selbst beherrscht die deutsche Sprache nicht. Er betreut seit September vor drei Jahren die türkischen Muslime in der JVA in Glaubensfragen.

Baytekin ist zuversichtlich, dass die Arbeit Früchte trägt. „Viele besuchen auch nach der Entlassung plötzlich regelmäßig die Moschee.“ Auch Müller stellt eine positive Entwicklung bei den Insassen fest. „Von den Leuten, die regelmäßig am Freitagsgebet teilnehmen, habe ich nur einmal einen Ausreißer gehabt, der sich daneben benommen hat.“ Zwischen zwölf und 18 der über 30 Türken treffen sich regelmäßig im eigens dafür hergerichteten Gebetsraum.

Die Idee zu dem Raum, bei dessen Gestaltung die Türkisch-Islamische Gemeinde zu Hückelhoven mitwirken durfte, sei übrigens in der JVA-Leitung entstanden, bemerkt Baytekin. Nicht nur mit der Haftanstalt pflege die Gemeinde eine intensive Beziehung. „Wir sind auch ganz eng mit der Diakonie, der evangelischen Kirche in Hückelhoven und dem Integrationsbeauftragten“, sagt er. Für Salafisten ist da wohl kein Platz.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert