JVA Heinsberg: Kölner „Probleme“ auch im Knast bekannt

Von: Rainer Herwartz
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Nach der Festnahme folgt für manche junge Leute auch gleich die Untersuchungshaft. Handelt es sich um Ausländer, die erst kurz in Deutschland leben, gibt es oftmals Kommunikations- und Kulturprobleme. Foto: Marius Becker/dpa
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JVA-Chefin Ingrid Lambertz und ihr Vize Franz-Josef Bischofs wissen um die Schwierigkeiten, die sich im Umgang mit ausländischen jungen Männern ergeben können. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Er hatte die Schwächen des Systems, genauer gesagt des Registrierungssystems wohl erkannt. Der IS-Sympathisant, der vor wenigen Tagen in Paris erschossen wurde, als er mit einem Beil auf Polizeibeamte losging, lebte bekanntlich zuletzt eine Zeit lang in Recklinghausen. In Deutschland hatte er Asyl unter dem Namen Walid Salihi beantragt.

Insgesamt war er allerdings unter vier Aliasnamen registriert. Die angegebenen Staatsangehörigkeiten variierten zwischen syrisch, marokkanisch oder auch georgisch. Da wundert es kaum noch, dass sein Alter bei seiner vorübergehenden Unterbringung in der JVA Heinsberg im Juli letzten Jahres mit 20 angegeben worden war, obwohl ihn die Ermittlungsbehörden nach seinem gewaltsamen Tod als 19-Jährigen ansahen.

Völlig unauffällig

Nur drei Tage, vom 20. bis zum 23. Juli letzten Jahres, habe die Heinsberger Haftanstalt den jungen Mann beherbergt, sagt JVA-Chefin Ingrid Lambertz. Er befand sich quasi auf der „Durchreise“. Wegen Körperverletzung und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz sei er in Düsseldorf festgenommen worden.

Aus Recklinghausen bestand ein Haftbefehl. Zuständigkeitshalber sei er aber schon kurz darauf an die JVA Iserlohn überstellt worden. Mehr sei eigentlich nicht über ihn zu sagen, meint Lambertz. Völlig unauffällig sei er gewesen.

Die Identifikation und vor allem die Kommunikation ist im Zusammenhang mit ausländischen Straftätern offenbar ein nicht zu unterschätzendes Problem, wie sich auch in der JVA Heinsberg zeigt. Der Ausländeranteil liegt dort bei den Gefangenen insgesamt knapp über 40 Prozent.

In der Untersuchungshaft sieht dies jedoch anders aus. Da betrage der Ausländeranteil etwa 70 Prozent, erklärt Franz-Josef Bischofs, stellvertretender Anstaltsleiter in Heinsberg. Von den derzeit 427 Häftlingen in Heinsberg entfallen 117 auf die Untersuchungshaft.

„Zwischen U-Haft und Strafhaft ist das Verhalten der Jugendlichen sehr unterschiedlich.“ Das Personal in der U-Haft, sagt Lambertz, habe im Vergleich zu den Kollegen im Strafvollzug einen schwereren Dienst zu absolvieren. „Die Häftlinge kommen frisch von der Straße und sind fast ausschließlich der deutschen Sprache nicht mächtig.“

Nach ihren Erfahrungen lebten die Meisten erst weniger als ein Jahr in Deutschland, so dass eine Integration noch nicht stattgefunden habe. Viele von ihnen, so Bischofs, kämen aus Rumänien, Bulgarien, Nordafrika oder Syrien.

Bei den Übergriffen auf Frauen auf der Kölner Domplatte und vor dem dortigen Bahnhof in der Silvesternacht sollen zahlreiche Männer mit nordafrikanischer Herkunft beteiligt gewesen sein, hieß es mehrfach von offizieller Stelle. Auch die JVA Heinsberg kennt das Problem mit dem Frauenbild, dass manche junge Männer aus dieser Region mit sich herumtragen.

Sexualdelikte spielten bei den Häftlingen, die in Heinsberg einsitzen, laut Lambertz jedoch praktisch keine Rolle. „Man muss aber offen sagen“, so Bischofs, „dass sich einige Häftlinge vor allem aus dem nordafrikanischen Raum schwer tun, sich von weiblichen Bediensteten etwas sagen zu lassen. Das legt sich allerdings mit der Zeit.“ Der Frauenanteil betrage bei den Vollzugsbediensteten in Heinsberg etwa 15 Prozent.

Ein anderes Phänomen, das Lambertz und ihre Kollegen beobachten: „Viele Jugendliche entwickeln überraschend schnell ein ausgeprägtes Anspruchsdenken, was sie auch versuchen, mit Nachdruck durchzusetzen. Das kann dazu führen, dass einige mit Selbstverletzung drohen. Manchmal steckt auch ein Kommunikationsproblem dahinter.

Der Gefangene versteht dann zum Beispiel nicht, warum ein Zellennachbar aufgrund von Kooperation oder Arbeit in den Genuss eines Fernsehers kommt, er selbst dieses Verhalten jedoch nicht zeigt und auf den Fernseher verzichten muss.“ Um die Kommunikationsprobleme besser in den Griff zu bekommen, hat die JVA mittlerweile einen arabisch sprechenden Mitarbeiter eingestellt.

Zwischen zwei und drei Monate verbringen die jungen Männer in der Regel in der Untersuchungshaft. Wenn sie im schulpflichtigen Alter sind, müssen sie an Maßnahmen „Deutsch für Ausländer“ teilnehmen, ansonsten sind U-Häftlinge weder zur Arbeit, noch zur Teilnahme am Unterricht verpflichtet. Etwa die Hälfte der Häftlinge möchte dennoch Deutsch lernen, sagt Lambertz, weil sie sich ja erhoffe, in Deutschland bleiben zu können.

Deshalb ist die Nachfrage an Deutschlehren stets gegeben. „Wer infrage kommt, kann sich bei Ralf Baumann vom Kolpingbildungswerk in unserer Anstalt unter Telefon 02452/9211119 melden.“ Die Nachfrage dürfte noch steigen, denn bislang ist die JVA in Heinsberg noch nicht voll ausgelastet.

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