Joseph Roths „Hiob“ fasziniert die Heinsberger Zuschauer

Von: Johannes Bindels
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Heinsberg. „An die Aufführungen von Peer Gynt und vor allem Martin-Luther King erinnere ich mich gerne“ erzählte“, sagte die ältere Dame als sie vor der Bühne Platz nahm. Unzählige Theaterstücke habe sie in ihrem Leben gesehen, immerhin habe sie seit 20 Jahren ein Abo für die Theater-Aufführungen in Heinsberg und in Oberbruch.

Diesmal stand das Stück Hiob stand, ein Schauspiel in zwei Teilen von Joseph Roth in der Fassung von Koen Tachelet, aufgeführt vom Ensemble des Rheinischen Landestheater Neuss in der Stadthalle Heinsberg. Rund 400 Besucher waren voller Erwartung in die Stadthalle gekommen.

Mit einem fast babylonischen Sprachgewirr begann die Aufführung. Das Bühnenbild war karg, ein Stuhlgewirr zu einer Landschaft aufgebaut. Der Zuschauer war gekonnt in die Atmosphäre und den Inhalt eingebunden.

„Hiob“ ist die Familiengeschichte einer jüdischen Familie aus dem zaristischen Galizien, die kurz vor dem ersten Weltkrieg beginnt.

Das Schicksal der einzelnen Familienmitglieder, zu denen Vater und Dorfschullehrer Mendel Singer (brillant gespielt von Joachim Berger), seine Frau Deborah (Ulrike Knobloch), Söhne Jonas (Jonathan Schimmer), Schemarjah (Georg Strohbach) und Epileptiker Menuchim (überzeugend und einfühlsam gespielt von Henning Strübbe) sowie die Tochter Mirjam gehören.

Die Geschichte der Familie wird von Joseph Roth mit der biblischen Geschichte von Hiob verknüpft. So wie Hiob in der Bibel wird auch Mendel Singer nacheinander alles genommen. Er beginnt, an Gott zu zweifeln.

Im ersten Teil des Stücks kreist alles um die Krankheit des jüngsten Sohns Menuchim, der mit seinen epileptische Anfällen und der Behinderung die ganze Kraft der Familie aufsaugt.

Die Szene, in der seine drei Geschwister ihn im Putzeimer ertränken wollen, weil sie selbst keine Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern mehr bekommen, erschreckt. Der Zerfall der Familie ist nicht aufzuhalten. Die Entfremdung zwischen den Eltern nimmt ihren Lauf.

Bald entfliehen die Geschwister der Familie: Jonas meldet sich zum Militär, Mirjam lässt sich mit vielen Männern ein, Schemarjah wandert nach Amerika aus. Die Zerrissenheit der Familie gipfelt in der Entscheidung, den behinderten Menuchim als Krüppel bei der Nachbarsfamilie zurückzulassen und nach Amerika zu Schemarjah auszuwandern. Der ist dort inzwischen zu Wohlstand gekommen und nennt sich nun „Sam“.

Im zweiten Teil nimmt das Schicksal seinen Lauf. Wenn die Familie anfänglich durch geschäftliches Handeln zu Wohlstand kommt (Die Swing tanzende Deborah setzt dies präzise ins Bild), wird dieser schnell wieder durch den Weltenlauf (1. Weltkrieg) zerstört.

Mit jeder neuen „Hiobs-Botschaft“ (Sam fällt im Krieg, Jonas ist in Russland vermisst, Deborah stirb vor Kummer und Mirjam wird in die Psychiatrie eingeliefert) verliert Mendel seinen Glauben. Sein Zweifel an Gott wächst bis zur Gotteslästerung: „Ich will Gott verbrennen. Gott ist ein Betrüger“. (Großartig das Bild des Gebetsschwankenden Mendel, der jedoch nicht betet, sondern mit Gott abrechnen will.)

Mendel will nun nur noch wissen, was aus seinem Sohn Menuchim geworden ist, von dem er annimmt, dass er tot ist. Erst ein „Wunder“, an das er nicht mehr geglaubt hat, bringt die Wendung: Menuchim ist geheilt und ein erfolgreicher Künstler geworden. Er nimmt sich seines vereinsamten Vaters an (eindrucksvoll die Szene, in der der Sohn den Vater tröstlich berührt, wie dieser seinen behinderten Sohn nie berührte).

Dem Ensemble gelang ein immer noch aktuelles Thema – sein Schicksal anzunehmen – in eindrucksvoller Weise zu präsentieren. Die musikalisch-tragende Basis durch die Geigerin Zsuzsa Debre, in allen Szenen die Sprache begleitend, war sowohl Verdichtung wie tragendes Element.

Die Zuschauer dankten den Schauspielern mit großem Applaus. „Es war schwere Kost, aber es hat sich gelohnt“ meinte die alte Dame, die wie die meisten Besucher begeistert von dem Stück waren.

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