Jennifer Teege: Durch tiefe Täler auf dem Weg zum Ich

Von: Anna Petra Thomas
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„Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen“ lautet der Titel des Buches, das Jennifer Teege zusammen mit der Journalistin Nikola Sellmair geschrieben hat. Foto: Anna Petra Thomas
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Schüler der Betty-Reis-Gesamtschule der Stufen 12 und 13 lauschten gebannt der Lesung von Jennifer Teege.

Wassenberg. Geschichtsunterricht kann manchmal ganz schön trocken sein, mit all den vielen Zahlen und Fakten, die es zu behalten gilt. Nicht so die Begegnung mit Buchautorin Jennifer Teege aus Hamburg, die Dienstagvormittag für zwei Stunden in der Wassenberger Kreuzkirche zu Gast war.

Sie nahm Schüler der Betty-Reis-Gesamtschule der Stufen 12 und 13 mit in ihre ganz persönliche Geschichte, besser noch in ihre Familiengeschichte. „Amon - Mein Großvater hätte mich erschossen“ lautet der Titel ihres Buches, das sie zusammen mit der Journalistin Nikola Sellmair geschrieben hat.

So manch einer habe sich sicherlich schon gefragt, ob die eigenen Großeltern Nazis gewesen seien, der Vater im Krieg Menschen habe erschießen müssen, erklärte Oberstufenleiter Michael Bodmann in seiner Begrüßung zu der Lesung. Umso erschütternder sei es, wenn eine junge Frau ganz plötzlich erfahren müsse, dass der eigene Großvater Kommandant in einem polnischen KZ gewesen sei. „Seien Sie willkommen an einer Schule, die den Namen einer jungen jüdischen Frau trägt, die in Bergen-Belsen ihr Leben lassen musste und dort in einem Massengrab verscharrt worden ist“, sagte er.

Schlank, ganz in Schwarz gekleidet, ruhig sitzt Teege dann hinter dem Tisch mit Mikrofon und öffnet ihr Buch, auch ganz ruhig. Sie beginnt zu lesen, Wort für Wort, ganz betont, jeder Buchstabe wirkt einzeln geformt. Mimik sucht man vergebens in ihrem Gesicht. Ganz still ist es im Publikum. Es erfährt von ihr, wie sie in einer Bücherei zufällig ein Buch findet über die Geschichte ihrer Mutter und damit auch über ihre eigene, von der sie bis dahin gar nichts weiß. Sie macht sich auf den Weg nach Polen, besucht die Villa, in der ihr Großvater gelebt hat. Sie recherchiert seine und damit ihre ganze Geschichte. „Ich wollte das wissen und danach wusste ich, dass ich mich damit auseinandersetzen muss“, sagt sie. So entsteht ihr Buch.

Auf die Idee, diese Geschichte zu verdrängen, sei sie nie gekommen, antwortet Teege auf die Frage eines Zuhörers. Sie wolle nicht, dass ihre beiden Söhne mit einem Familiengeheimnis aufwachsen müssen. Auch das sei für sie ein Grund gewesen, dieses Buch zu schreiben. „Ich wollte, dass sie Transparenz haben, was ihre Identität betrifft.“

Sie selbst hat die Situation, die sie nach der Entdeckung ihrer Geschichte buchstäblich von den Beinen geholt hat, mittlerweile verarbeitet. „Ich bin durch tiefe Täler gegangen“, sagt sie. Mit dem kompletten Wissen sei heute für sie ein neuer Raum frei geworden, in dem sich deutlich besser leben lasse als früher. „Gut, ich hoffe, das sieht man“, antwortet sie ganz spontan auf die Frage, wie es ihr heute geht. Sie lächelt.

Nicht gelten lässt Teege die Aussage einer anderen Zuhörerin, ihr Großvater sei ein „abgrundtief böser Mensch“ gewesen. „Mein Großvater ist zunächst einmal ein Mensch“, entgegnet sie. Ein Mensch habe gute und schlechte Anlagen und grundsätzlich die Wahl. Er habe nicht nur eine Facette, sondern ganz viele unterschiedliche. Schwarz-Weiß-Malerei führe allerdings nicht weiter, betont sie und ist wieder ganz bei sich. „Ich selbst habe zeigen wollen, dass ich zutiefst menschlich bin“, sagt sie. „Im Prinzip geht es hier um den zentralen Wert der Menschlichkeit.“

Diesen vermittelte sie am Dienstagabend in einer zweiten Lesung auch knapp 100 Zuhörern in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede, die bei der Wassenberger Lesung mit der Betty-Reis-Gesamtschule kooperiert hatte.

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