Jede Handlung wird mit Worten begleitet

Von: Rainer Herwartz
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Kindergartenleiterin Katharina Dollendorf (links) und ihre Kollegin Susanne Höfgen betreuen Kinder mit und ohne Sprachförderbedarf. Etwa ein Drittel der Kleinen im Städtischen Kindergarten an der Sittarder Straße werden speziell betreut. Foto: Rainer Herwartz
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Friedbert Görtz weiß, dass gerade bei Kindergärten im Innenstadtbereich der Sprachförderbedarf hoch ist, da hier ein Großteil der Flüchtlingskinder lebt. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Im Rahmen des Landessprachförderprogramms stehen der Stadt Heinsberg für die kommenden fünf Kindergartenjahre Landesmittel in Höhe von jährlich 50.000 Euro zur zusätzlichen Sprachförderung in den Tageseinrichtungen für Kinder zur Verfügung. Der Jugendhilfeausschuss hat jetzt die Mittel je nach Bedarf verteilt.

Der Städtische Kindergarten an der Sittarder Straße mit seinen 68 Kindern, die derzeit hierher kommen, gehört neben dem Kindergarten an der Magdeburger Straße mit einer Zuwendung von jeweils 10 000 Euro zu den beiden Spitzenreitern in der Kreisstadt, wenn es um den Sprachförderbedarf geht.

68 Kinder in Tageseinrichtung

Von den 68 Mädchen und Jungen, die Katharina Dollendorf, die Leiterin des Städtischen Kindergartens an der Sittarder Straße und ihr elfköpfiges Team derzeit betreuen, stecken 23 in der Sprachförderung. „Bei 49 Kindern ist mindestens ein Elternteil nicht deutscher Herkunft“, erklärt Dollendorf. Bei 50 Prozent der Eltern mit Migrationshintergrund werde deren Muttersprache auch zu Hause gesprochen. Doch nur 16 Kinder aus diesen Familien bräuchten beim Erlernen der deutschen Sprache eine Hilfestellung, weil sie hinter den Übrigen hinterherhinkten. „Wer glaubt, dass eine fremde Muttersprache zu Hause per se ungünstig für die deutsche Sprachentwicklung ist, der irrt sich aber“, räumt die erfahrene Erzieherin mit einem Vorurteil auf. „Studien belegen, dass der, der seine Muttersprache gut beherrscht, auch leichten Zugang zu einer neuen Sprache hat. Wenn der Grundstock gelegt ist in der Muttersprache, dann ist es bedeutend leichter, die Hürde einer zweiten Sprache zu nehmen. Sonst wird auch das Deutsche zum Problem und die Kinder brauchen bedeutend länger. Im Allgemeinen assoziieren Kinder sehr schnell.“

Natürlich sei es von Vorteil, wenn auch mit den Eltern und Geschwistern schon Deutsch gesprochen werde, meint Dollendorf. Fünf Kinder in ihrer Obhut seien schlicht entwicklungsverzögert. „In den meisten Fällen ist es aber so, dass zu Hause oft nicht mehr soviel miteinander geredet wird wie früher“, sagt die Erzieherin. Auch in den deutschen Familien. „Das Gravierendste ist der fehlende Wortschatz. Dort liegt das größte Problem.“

Bislang nahm jedes Kindergartenkind zwei Jahre vor der Einschulung in die Grundschule an der Sprachstandserfassung unter dem Nahmen Delfin 4 teil. „Wenn dabei ein Förderbedarf festgestellt wurde durch das Schulamt für den Kreis Heinsberg in Zusammenarbeit mit den Kindertageseinrichtungen, dann erfolgte die Sprachförderung“, erläutert Friedbert Görtz, der Leiter des Schul-, Kultur- und Sportamtes.

„Für die Sprachförderung werden pro zehn Kinder zusätzliche 7,5 Stunden bereitgestellt, weil bislang nach Delfin 4 die Förderung nicht in der Gruppe, sondern extern stattfand“, ergänzt Dollendorf. „Nach der ab dem nächsten Kindergartenjahr umzusetzenden Neuausrichtung der Sprachförderung in Nordrhein-Westfalen soll dies alltagsintegriert stattfinden. So viel steht jetzt schon fest. Über weitere Inhalte des neuen Konzeptes werden wir zu einem späteren Zeitpunkt informiert.“

Wie Pilze aus dem Boden

Im Sog des NRW- Sprachförderprogramms seien die Sprachfördermodelle geradezu wie Pilze aus dem Boden geschossen, sagt Dollendorf. Doch keines konnte die Kindergartenleiterin und ihr Team vollends überzeugen. Deshalb habe man sich zahlreiche angesehen und die besten Ideen daraus für sich verwendet. „Wir haben uns die Frage gestellt, was fehlt unseren Kindern, wo liegen die Defizite und was können wir tun, um sie innerhalb von zwei Jahren sprachlich für die Schule vorzubereiten?“

Die Scheu verlieren

Entstanden ist daraus eine an Alltagssituationen und bestimmten Themen orientierte, individuelle Förderung. „Alles, was wir machen, wird sprachlich begleitet. Dadurch merken sich die Kinder sehr schnell die zu den Dingen oder Handlungen gehörenden Begriffe. Sie verlieren auch schnell die Scheu zu sprechen.“

Und die Vorgehensweise hat sich offenbar bewährt. „Von den Schulen haben wir nur gute Resonanz“, freut sich Katharina Dollendorf. Auch Schulamtsleiter Friedbert Görtz kann dies nur bestätigen.

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