Jago und QVC schärfen Hückelhovens Profil als Logistikstandort

Von: Daniel Gerhards
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Die größte Logistikbaustelle in Deutschland: Der erste Abschnitt einer 120.000 Quadratmeter großen Halle für den Online-Versandhändler Jago soll schon im März kommenden Jahres bezugsfertig sein. Die Arbeiten am Gelände an der ehemaligen Kohlenwäsche gehen zügig voran. Foto: Gerhards
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Die größte Logistikbaustelle in Deutschland: Der erste Abschnitt einer 120 000 Quadratmeter großen Halle (Grafik oben links) für den Online-Versandhändler Jago soll schon im März kommenden Jahres bezugsfertig sein. Die Arbeiten am Gelände an der ehemaligen Kohlenwäsche gehen zügig voran (großes Bild und kleines Bild oben rechts). Gleichzeit baut Hückelhoven seine Stellung als Einkaufsstadt aus. Am Hückelhoven Center haben sich große Fachmärkte angesiedelt (Foto rechts). Nun eröffnet dort auch eine Filiale des Sportartikelhändlers Decathlon. Fotos: Gerhards (3), Lenz (1) / Grafik: Panattoni Europe, Stadt Hückelhoven Foto: Gerhards (3), Lenz (1) / Grafik: Panattoni Europe, Stadt Hückelhoven
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Auf dem Gelände von Schacht 3, oberhalb der Baumreihe, soll ein Freizeitareal entstehen. Geplant ist dort unter anderem eine Open-Air-Arena mit 3500 Plätzen.
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Fotos: Gerhards (3), Lenz (1) / Grafik: Panattoni Europe
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Fotos: Gerhards (3), Lenz (1) / Grafik: Panattoni Europe
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Hückelhoven. Richtfest, Spatenstich, Eröffnung. Solche Termine folgen in Hückelhoven derzeit Schlag auf Schlag. Das gigantische Logistikzentrum des Onlinehändlers Jago feiert Ende November Richtfest, für die lange herbeigesehnte L117n als Ortsumgehung für Ratheim und Millich gibt es Anfang Dezember den ersten Spatenstich. Und der Sportartikelhändler Decathlon eröffnet am Donnerstag eine große Filiale am Landabsatz.

Diese Ereignisse zeigen, dass sich Hückelhoven zu einem Paradebeispiel für gelungene kommunale Entwicklung mausert.

Auf der Suche nach den Gründen für diesen Aufschwung stößt man auf mehrere Faktoren, die eine Rolle spielen: Dabei geht es um Historie, um die Mentalität der Menschen, um Strategie und günstige Voraussetzungen. Es ist die Geschichte einer Bergarbeiterstadt, die die Zechenschließung verkraften musste – und sich dann zu neuer Blüte hochgearbeitet hat.

Jüngstes Beispiel für diese Entwicklung ist die Entscheidung des Online-Versandhändlers Jago, ein Logistikzentrum, in dem 800 neue Arbeitsplätze entstehen sollen, nahe Ratheim zu bauen. Der Bau neben der ehemaligen Kohlenwäsche ist aktuell die größte Logistikbaustelle in Deutschland. Aber was bewegt ein weltweit agierendes Unternehmen wie Jago dazu, sich in Hückelhoven niederzulassen?

Duisburg oder Hückelhoven, so lautete für die Unternehmenslenker am Ende die Frage, sagt Bürgermeister Bernd Jansen (CDU). Die Nähe zum Hafen in Born in den Niederlanden sei wichtig gewesen, der Quadratmeterpreis für die Fläche nahe Ratheim war günstig und die Mentalität der Arbeitskräfte im ländlichen Raum habe ebenfalls für Hückelhoven gesprochen, sagt Jansen. In Ballungsräumen sei die Loyalität zum Arbeitgeber viel geringer, auf dem Land hätten Arbeitnehmer viel eher die Einstellung, erst einmal etwas leisten zu müssen, bevor sie dafür etwas bekommen.

Und am Ende sei es auch immer eine Bauchentscheidung des Unternehmers, meint Jansen. Da habe er überzeugen können: „Wirtschaftsförderung ist bei uns Chefsache“, sagt Jansen. Als Bürgermeister könne er verbindlich sein, Zusagen machen, konstruktive Lösungsansätze einbringen, keine neuen Bedenken. Wirtschaftsförderung nach diesem Rezept schmecke Unternehmern.

Von vorneherein dachten die Planer im Hückelhovener Rathaus aber auch strategisch über eine solche Großansiedlung nach. Eine zusammenhängende Gewerbefläche in der Größenordnung von 200.000 Quadratmetern sei in NRW nicht leicht zu finden. Jansen sagt, dass man sich bewusst dafür entschlossen habe, auf einen großen Abnehmer zu warten und das Gelände nicht kleinteilig zu erschließen. Dieser Plan ging auf.

Am Ende des Entscheidungsprozesses stand die Zusage, auf dem 200.000 Quadratmeter großen Gelände im interkommunalen Gewerbegebiet Rurtal ein 120.000 Quadratmeter großes Gebäude zu bauen, in dem Jago seine Waren aus den Sparten Heim und Garten, Heimwerken, Freizeit, Fitness, Tierbedarf und Spielzeug lagert und verteilt. Das Gebäude soll 505 Meter lang, 240 Meter breit und 12,40 Meter hoch werden. Es sind Andockmöglichkeiten für bis zu 120 Lkw geplant, zusätzlich werden 400 Auto- und 100 Lkw-Parkplätze gebaut.

Nun sind Logistikarbeitsplätze meist nicht besonders gut bezahlt. Trotzdem seien sie wichtig für die Region, meint Jansen. In der Arbeiterstadt Hückelhoven gebe es viele Menschen, die auf solche Arbeitsplätze angewiesen seien. Jago suche zu 80 Prozent männliche Vollzeitkräfte für die Logistik. Die Firma hat bereits Büros in Hückelhoven angemietet und führt dort Einstellungsgespräche.

Jago und das bereits bestehende QVC-Zentrum verleihen Hückelhoven ein ausgeprägtes Profil als Logistikstandort. „Das wird in der Branche wahrgenommen“, sagt Jansen. Im Sog dieser beiden Unternehmen könnten weitere Firmen aus der Logistiksparte nach Hückelhoven kommen.

Gerade rechtzeitig beginnen bald auch die Bauarbeiten zur L117n. Sie soll Ratheim und Millich von den aktuell durchschnittlich 17 000 Fahrzeugen, die täglich durch die beiden Orte rollen, entlasten. In drei Jahren soll der Abschnitt vom Industriepark Rurtal bis zur Autobahn fertig sein. Weitere drei Jahre soll der Ausbau von der A46 zur Innenstadt dauern.

Für eine Ortsumgehung für Baal gibt es derzeit noch keinen genauen Zeitplan. Alles liege daran, welche Projekte das Land zuerst fördern will. Jansen hofft, dass sich in den nächsten fünf Jahren etwas tut. Kosten könnte das Projekt rund sechs Millionen Euro, wovon das Land 70 Prozent schultern würde, die Stadt müsste die restlichen 30 Prozent aufbringen.

Längst vollzogen ist der Wandel von Hückelhoven zur Einkaufsstadt. Dabei haben die Planer einen großen Vorteil genutzt: Es gab große verfügbare Flächen in unmittelbarer Nähe zur Haupteinkaufsstraße. Im Weg stand nur ein altes 24-Familienhaus. Das ist längst abgerissen. Das Hückelhoven-Center existiert seit mehr als zehn Jahren. Nun gelangt man mit ein paar Schritten von der modernisierten Parkhofstraße vorbei am Modemarkt C&A zu den großen Filialisten am Landabsatz.

Neben beispielsweise dem Elektronikhändler Media Markt und dem Baumarkt Obi eröffnet dort nun der Sportartikelhändler Decathlon. „Wir wollen ein Angebot schaffen, das es nicht in jeder Stadt gibt“, sagt Jansen. Das ist gelungen: Im Jahr 2003 ist noch massiv Kaufkraft aus Hückelhoven abgeflossen. Heute kommen die Menschen aus der Umgebung zum Einkaufen nach Hückelhoven. Es gibt nun einen starken Kaufkraftzufluss. Außerdem habe sich die Zahl der Arbeitsplätze im Handel in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht, sagt Jansen. Um am Landabsatz noch weitere Flächen für den Einzelhandel zu schaffen, könne sich Jansen auch vorstellen, die beiden Sportplätze für die Bebauung freizugeben.

Das Gerücht, dass Ikea in Hückelhoven ein Möbelhaus eröffnen möchte, hält sich seit einiger Zeit hartnäckig. Aber Jansen sagt, dass es in dieser Sache derzeit keine Bewegung gebe. Das schwedische Unternehmen wolle erst abwarten, wie sich die Verkehrsströme entwickeln, wenn die A46 an die Niederlande angebunden ist.

Unweit der Decathlon-Filiale planen die Verantwortlichen bereits den nächsten Coup. Auf dem Gelände von Schacht 3 soll eine Open-Air-Arena für 3500 Menschen entstehen. Der Förderantrag ist gestellt, die Entscheidung darüber soll noch im laufenden Jahr fallen. In der Veranstaltungsstätte soll es Konzerte, Theater und Public Viewing geben. Die kostenfreien Parkplätze der nahegelegenen großen Fachmärkte könnten für die Veranstaltungen genutzt werden. An der Arena soll ein Platz mit hoher Aufenthaltsqualität entstehen – auch eine Fläche für ein noch zu planendes Heimatmuseum soll frei bleiben. Die Projektkosten liegen bei 6,2 Millionen Euro, Jansen geht von einer 80-prozentigen Förderung aus.

Ausgangspunkt für diese Entwicklung war das Aus der Zeche Sophia-Jacoba 1997. Ohne diesen harten Einschnitt wäre ein solcher Wandel nicht möglich gewesen. Dass er gelungen ist, liegt vielleicht auch daran, dass die Männer, die einst unter Tage schufteten, wissen, was es bedeutet, sich etwas hart zu erarbeiten. Es mag diese Mentalität sein, die dazu beitrug, dass der Wandlungsprozess von den Hückelhovenern mitgetragen wurde. Am Ende sind sie stolz – auf ihre bergmännische Tradition genauso wie auf das Moderne. Ein Blick in den Terminkalender zeigt, dass der Wandel noch längst nicht abgeschlossen ist.

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