Ist die Arbeit weg, steht das Leben Kopf

Von: Daniel Gerhards
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... und dann kommt der Moment, in dem man bei der Tafel in der Schlange steht, um etwas Brot zu bekommen. „Dann sind die sozialen Kontakte weg“, sagt Renate Schroeders. Foto: dpa

Heinsberg. Was Armut mit einem Menschen macht, ist für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. So ähnlich drückt es Renate Schroeders aus Heinsberg aus. Wer nicht selber in dieser Situation war, könne nicht verstehen, wie sich Menschen fühlen, die von staatlicher Unterstützung leben.

Sind Arbeit und Erspartes einmal weg, steht das Leben Kopf. Es fehle nicht nur am Geld, sich Dinge leisten zu können. Auch die sozialen Kontakte bröckeln. So beschreibt es Renate Schroeders, die selbst betroffen ist.

Renate Schroeders hatte vor zehn Jahren einen Unfall. Sie will arbeiten, sagt sie. Aber sie kann es nicht. Ihr Körper macht das nicht mit – „nicht unter den Bedingungen des normalen Arbeitsmarktes“. Sie lebt von staatlicher Unterstützung. Das reicht kaum, um über die Runden zu kommen. Wenn man mal zehn Euro sparen will, müsse man sehr diszipliniert sein, sagt sie. Renate Schroeders hat sich mit uns über Armut unterhalten.

Die Katastrophen des Lebens

Wer lange krank ist, einen schweren Unfall hatte oder alleinerziehend ist, könne arm werden. „Das sind Katastrophen, die im Leben passieren können. Auf dem normalen Arbeitsmarkt kann man dann nicht mehr mitmachen“, sagt Renate Schroeders. Und dann falle man in eine existenzielle Notsituation, die zuvor doch so fern schien. „Solange man Arbeit, Einkommen und ein bisschen mehr hat, als man zum Leben braucht, weiß man nicht, wie es Leuten geht, die arm sind“, sagt sie. Man wolle sich vielleicht auch gar nicht damit beschäftigen, man habe ja mit seiner Arbeit genug zu tun. Vielleicht machen die Gedanken übers Armsein auch Angst. In jedem Fall sind sie unangenehm.

Renate Schroeder hat sich viele Gedanken darüber gemacht, was mit Menschen passiert, die in Armut geraten. Das merkt man, wenn man mit ihr spricht. Und was sie erzählt, kann man so deuten: Der Weg in die Armut ist ein Abstieg auf der Karriereleiter. Von der Arbeitsstelle in die Arbeitslosigkeit. Dann kommt Hartz-IV und wenn auch noch körperliche Probleme hinzukommen, die Grundsicherung. Früher hätte man Sozialhilfe dazu gesagt. Oder etwas flapsig Stütze.

Und wer diese Karriereleiter hinabgestiegen ist, dem fehlt es nicht nur am Geld. Auch die sozialen Kontakte bröckeln. Ein Kinobesuch? Zu teuer. Ein Abendessen in einem Restaurant? Fast unbezahlbar. Das Geld für ein Busticket, um einen Freund zu besuchen? Nicht mehr da. „Man muss Nein sagen“, sagt Renate Schroeder. „Am Anfang erfindet man Entschuldigungen. Da spielt man noch eine Art Versteckspiel. Man will es sich selbst nicht eingestehen, dass man in diese Situation geraten ist.“ Irgendwann sei man außen vor, wenn man den Freunden immer wieder absage. Dann ist der alte Freundeskreis nicht mehr da. „Es ist wie das Spiel Monopoly: Du darfst die Straße nur betreten, wenn du das nötige Geld hast. Wer kein Geld hat, darf auch nicht mitmachen.“

Und dann kommt der Moment, in dem man bei der Tafel in der Schlange steht, um etwas Brot zu bekommen. „Dann sind die sozialen Kontakte weg“, sagt Renate Schroeders. Wer an diesem Punkt angelangt sei, habe häufig mit psychischen Problemen oder Depressionen zu kämpfen. „Auch ich hatte all die Dinge im Kopf, die man über Bedürftige denkt. Und dann war ich selber dort in der Schlange. Ich musste mit meinen eigenen Vorurteilen fertig werden“, sagt sie.

Eines der gängigsten Vorurteile sei, dass doch jeder arbeiten kann, wenn er nur will. Renate Schroeders sieht das vollkommen anders. Sie findet, dass Menschen von Natur aus motiviert sind. Es sei nur die schwierige Situation, die die Menschen in Armut hemme. „Unsere Lebensenergie wird durch die fehlende wirtschaftliche Lebensgrundlage blockiert“, sagt sie.

Renate Schroeders hat auch selber Menschen geholfen, die von Armut betroffen sind. Sie hat sich bei der Tafel engagiert. Kleine Arbeiten übernommen, zu denen sie körperlich in der Lage war. „Das ist so etwas wie ein Dankeschön, dass ich nicht unter der Brücke schlafen muss“, sagt sie.

Renate Schroeders kann lange darüber sprechen, was Armut mit Menschen macht. Der Frau, 54 Jahre alt, sieht man nicht an, dass sie kaum das Geld hat, das man zum Leben braucht. Sie hat den Mut, über das Tabuthema Armut zu reden. Sie ist sehr freundlich. Und eloquent dazu. Was sie sagt, ist durchdacht. Aber die Anforderungen des Arbeitsmarkts kann sie nicht erfüllen.

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