„Irrsinnige Geschichten“: Thissen freigesprochen

Von: Anna Petra Thomas
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Emotional sehr bewegt: Nach seinem Freispruch nahm Hermann Thissen erleichtert seine Frau Anke in die Arme. Foto: anna

Heinsberg/Wassenberg. Als das erlösende Wort nach mehr als drei Stunden Verhandlung zu den Vorkommnissen bei der Briefwahl von Maria K. aus Birgelen im Amtsgericht ausgesprochen war, konnte der Angeklagte Hermann Thissen seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Freispruch“ hatte zunächst die Staatsanwältin für Wassenbergs stellvertretenden Bürgermeister gefordert. Thissens Anwalt schloss sich an. Und „Freispruch“ lautete schließlich auch das Urteil der Richterin.

Über drei Stunden befragt

Wer die mehr als drei Stunden Befragung des Angeklagten sowie der drei Zeugen aufmerksam verfolgt hatte, den wunderte das Urteil nicht. Alle Zeugen hatten sich in Widersprüche verwickelt und zum Teil völlig gegensätzliche Aussagen gemacht zu denen, die sie zuvor wie Maria K. an Eides statt versichert oder alle drei bei der polizeilichen Vernehmung zu Protokoll gegeben hatten.

Eine sogenannte Urkundenunterdrückung (§ 274 Strafgesetzbuch) im Rahmen der Europa- und Kommunalwahl im vergangenen Jahr, wie sie Thissen vorgeworfen worden war, konnte ihm nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. „Ich kann nichts mehr so richtig glauben“, lautete das Fazit der Richterin. „Im Zweifel für den Angeklagten.“

Fest stand nach der langen Verhandlung mit voll besetztem Zuschauerraum nur noch wenig. SPD-Bürgermeisterkandidat Thissen hatte demnach seiner Bekannten K. vorgeschlagen, ihr die Briefwahlunterlagen zu besorgen und ihr diese auch gebracht. Die 72-Jährige wählte in ihrem Wohnzimmer, während Thissen in der Küche wartete. Als er zurückkam, hatte die Frau auf drei Stimmzetteln ihr Kreuzchen gemacht, nicht allerdings auf dem Zettel für die Europawahl und für die Wahl des Landrats. Diese beiden Zettel hat Thissen dann zusammen mit dem Wahlschein für die Europawahl zerrissen. Ob mit oder ohne Zustimmung der Wählerin, war in der mündlichen Verhandlung nicht mehr zu klären.

„Sie hat genickt, hat mich dabei angeschaut. Sie hat sich konkludent verhalten“, erklärte Thissen zu der Situation im Wohnzimmer, bevor er die Papiere zerrissen habe. Dies habe er getan, damit sie niemand anders mehr nutzen könne, betonte er auf die Nachfrage der Staatsanwältin.

Maria K. wollte im Zeugenstand zu keiner Zeit mit niemandem überhaupt über den Vorfall gesprochen haben. Sie widersprach ihrer eigenen, allerdings vom Zeugen Peter Weyermanns für sie verfassten eidesstattlichen Erklärung ebenso wie dem polizeilichen Protokoll, dem zufolge sie über die Tat des Angeklagten schockiert gewesen sei.

Auch bei den Aussagen der beiden weiteren Zeugen, Karl-Heinz Dohmen und Peter Weyermanns, beide CDU, war dann plötzlich unklar, wer denn nun wen und wann verständigt hatte. Plötzlich ging es dann auch noch um ein Mäuerchen, das doch der eigentliche Anlass der beiden für einen Besuch bei Maria K. gewesen sein sollte.

Die Staatsanwältin machte in ihrem Plädoyer keinen Hehl aus ihrer Vermutung eines „kommunalpolitischen Hintergrundgeschehens“ der ganzen Angelegenheit. „Ich habe selten so viele irrsinnige Geschichten gehört“, hatte sie bereits zuvor festgestellt.

„Man könnte meinen, es gehe darum, meinem Mandanten mal ordentlich an den Karren zu pinkeln und der SPD gleich mit“, hatte Thissens Anwalt in der Befragung von Dohmen angemerkt. Wenn Maria K. noch hätte wählen wollen, hätte sie einfach einen neuen Wahlschein beantragen können.

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