Invasive Arten: Wenn die Natur für die Natur zum Problem wird

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
14949551.jpg
So putzig er auch aussieht, letztlich zählt auch der Waschbär zu den invasiven Arten. Im Kreis ist er derzeit erst vereinzelt zu finden. Foto: dpa
14885338.jpg
Schön anzusehen, aber eigentlich ein hartnäckiges Biest, das heimische Arten verdrängt: das Drüsige Springkraut. Foto: dpa

Heinsberg. Was viele Kinder bei Waldspaziergängen erfreut, ist für Biologen ein Graus: Das Drüsige Springkraut. Die langen Kapselfrüchte springen, wenn sie reif sind, auf kleinsten Druck auf und schleudern ihre Samen wie kleine Schrotkugeln heraus. Besonders Kindern macht es großen Spaß, diesen Mechanismus auszulösen und die explosivsten unter den Kapseln zu finden.

Doch die im späten 19. Jahrhundert als Gartenpflanze aus Indien importierte Art verdrängt mittlerweile durch ihre schnelle und hartnäckige Ausbreitung viele heimische Pflanzen – auch im Kreis Heinsberg.

„Das Drüsige Springkraut bildet insbesondere in den Feuchtwäldern an der Schwalm und an den Nebenbächen stellenweise dichte Bestände aus und ist somit die problematischste eingewanderte Art innerhalb der Schutzgebiete im Kreis“, sagt Gerrit Bremer. Der Biologe arbeitet bei der Naturschutzstation Haus Wildenrath und ist dort zuständig für die Betreuung der Naturschutzgebiete.

Das Drüsige Springkraut gehört zu den sogenannten invasiven Neophyten. Das sind Pflanzen, die aus anderen Regionen der Welt eingeschleppt wurden und sich nun in Gebieten breitmachen, in denen sie keine natürlichen Feinde haben. Aufgrund einer Wuchshöhe von bis zu zwei Metern und dem dichten Stand der Pflanzen dringt kaum mehr Licht auf den Boden durch. Dadurch werden schwächere Arten wie zum Beispiel das Milzkraut regelrecht erdrückt.

Kleinere Vorkommen ließen sich vergleichsweise mühelos bekämpfen, indem man die Pflanzen ausreißt oder mäht, bevor sie Samen gebildet haben, sagt Bremer. Aufgrund der Bestandsgrößen an der Schwalm sowie der Unzugänglichkeit dieser Bereiche sei dies aber ein Kampf gegen Windmühlen und erscheint kaum erfolgversprechend. „Wir reden bei diesem Schutzgebiet über eine Fläche von fast 720 Hektar, die systematisch abgesucht und von dem Springkraut befreit werden müsste“, sagt er. Die bearbeiteten Flächen müssen dann jedoch über weitere vier Jahre kontrolliert werden, da der Samenvorrat im Boden insgesamt fünf Jahre keimfähig bleiben kann. Eine einzige Pflanze produziert alleine zwischen 1000 und 4000 Samen und verteilt diese in einem Umkreis von bis zu sieben Metern.

Aber nicht nur das Springkraut bereitet den Biologen Kopfzerbrechen. Auch andere Neophyten machen mal mehr und mal weniger große Probleme. In der Teverener Heide und dem Meinweg hat sich zum Beispiel die Späte Traubenkirsche in den Kiefernforsten massiv ausgebreitet. Ihre Samen und ihre Rinde sind giftig. „Aus ökologischer Sicht ist die Ausbreitung allerdings weniger dramatisch, da es sich vorwiegend um Wirtschaftsforste handelt, die nur einen geringen Naturschutzwert besitzen“, sagt Bremer. Allerdings dringt die Art auch gerne in Offenlandbereiche mit beispielsweise Heide-Vegetation ein, wo sie dann natürlich regelmäßig manuell entfernt werden muss. Auch die Beifuß-Ambrosie und der Japan-Knöterich kommen in der Region vor.

Einer der am meisten bekämpften Neophyten in Europa ist der Riesen-Bärenklau. Der ist vor allem unerwünscht, weil es beim Berühren der Pflanze in Kombination mit Sonnenlicht zu gefährlichen Hautreaktionen kommen kann. Wo sich dieser bis in Siedlungsgebiete hineinwagt, werden die Umweltämter aktiv, berichtet Lars Delling von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Heinsberg. „Vor allem an Schulen und Kindergärten muss verhindert werden, dass sich die Pflanzen ansiedeln“, sagt er. Im Kreis Heinsberg sei ihm jedoch aktuell kein größerer Bestand bekannt.

Ausrotten ist eine Herkulesaufgabe

Natürlich gibt es auch eingewanderte Tierarten, die heimische Arten verdrängen oder auf andere Weise Ärger machen. Zu den problematischsten gehören der Waschbär, der im Kreis Heinsberg allerdings erst vereinzelt vorkommt, die Nutria und der Signalkrebs. Bereits etablierte Arten auszurotten, sei eine Herkulesaufgabe, sagt Lars Delling.

Ähnlich äußert sich auch das Bundesamt für Naturschutz und warnt: „Kontroll- und Beseitigungsmaßnahmen sind in den meisten Fällen mit erheblichen personellen und finanziellen Anstrengungen sowie häufig mit Schäden für andere Arten verbunden.“ Dennoch sollen gebietsfremde Arten in Schach gehalten werden. Welche das sind, hat die Europäische Kommission im August 2016 erstmals in einer Unionsliste über invasive gebietsfremde Arten festgelegt. Doch konkrete Handlungsanweisungen fehlen. „Bevor wir auf Kreisebene aktiv werden können, benötigen wir einen Managementplan des Landes- oder Bundesamtes, was wo getan werden muss – und natürlich die finanziellen Mittel dazu“, sagt Delling. Denn nur eine effektive, nachhaltige Methode bringe die gewünschte Wirkung.

So lange werden Gerrit Bremer und seine Kollegen die Ausbreitung der unerwünschten Arten beobachten. „Wenn es wirklich kritisch wird, schlagen wir Alarm“, sagt er. Vorher seien einem die Hände gebunden. Zumindest die Kinder können sich also noch eine Weile über die explosiven Kapseln des Springkrauts freuen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert