Intelligentes Netz lässt keinen im Dunkeln

Von: Rainer Herwartz
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Die Umspannungsanlage in Oberbruch: Insgesamt umfasst das Netzgebiet, das durch Alliander Heinsberg betreut wird, 92,22 Quadratkilometer. Es erstreckt sich über die Postleitzahl 52525 bis auf die Gemeinde Waldfeucht. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Bereits Thales von Milet soll im 6. Jahrhundert v. Chr. entdeckt haben, dass Bernstein leichte Körper anzieht, wenn er vorher mit Tüchern gerieben wird. Eine Erklärung dafür konnte er zwar nicht finden, das Wort Elektrizität vom griechischen „elektron“ für „Bernstein“ weist aber immer noch auf diese antike Entdeckung zurück.

Dass die „Anziehungskraft“ von Elektrizität, von Strom einmal eine solche Dimension annehmen würde, dass die moderne Zivilisation ohne gar nicht denkbar wäre, hätte sich der alte Thales wohl selbst in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Und dass in der Netzleitstelle von Alliander mittlerweile selbst der Gang zum Kühlschrank in der Halbzeitpause eines WM-Spiels bei der Strom-Tagesbilanz in Heinsberg „ausschlaggebend“ ist, erst recht nicht. Doch nicht nur der alte Grieche hätte sich in puncto Strom heutzutage so einige Fragen gestellt. Auch für die meisten Verbraucher dürfte manches ein Buch mit sieben Siegeln sein.

Auf einer Fläche von 92,22 Quadratkilometern versorgt Alliander derzeit sämtliche Haushalte im Heinsberger Raum mit Strom. Wobei hier fein zu unterscheiden ist, wie Dr. Frederik Giessing, Technischer Geschäftsführer bei Alliander, erläutert. „Seit der Liberalisierung des Energiemarktes 1998 ist die alte Wertschöpfungskette, bestehend aus Erzeugung, Übertragung, Verteilung und Lieferung von Strom aufgebrochen und in eigenständige Marktrollen überführt worden. Seitdem gibt es auch Unternehmen, die ausschließlich Netze betreiben wie Alliander oder ausschließlich Energie liefern wie zum Beispiel Lekker.“ Allianders Aufgabe bestehe darin, das Stromnetz instand zu setzen und zu modernisieren. Das Unternehmen investiere in das Netz, um Energie aus dezentralen Erzeugungsanlagen – zum Beispiel Photovoltaik und Windkraft – oder zentralen wie Kohlekraftwerken zum Kunden zu transportieren. „Dabei bezieht Alliander auch Energie aus dem vorgelagerten Netz und transportiert dies über eine Mittelspannungsnetz sowie ein Niederspannungsnetz zum Kunden“, ergänzt Rainer Bischoff, Leiter Netzwirtschaft, ganz salopp.

Vorgelagertes Netz? Mittelspannungsnetz? Niederspannungsnetz? Bevor der geneigte Zuhörer nun vollends Gefahr läuft, sich in diesem Netzgewirr zu verfangen, folgt die Erklärung durch Geschäftsführer Eduard Sudheimer auf dem Fuße: Die Strombranche unterscheidet zwischen Höchstspannungsnetzen von 400.000 Volt, in die Kraftwerke den Strom einspeisen. Über Transformation gelangt dieser Strom in Hochspannungsnetze bis 220.000 Volt, dann weiter in Mittelspannungsnetze bis 10.000 Volt und zum Schluss in Niederspannungsnetze von 230 bis 400 Volt. „Ab der Mittelspannung übernimmt Alliander den Strom“, sagt Bischoff. „Im Bereich der Mittelspannung werden Industrie und Gewerbe versorgt, dort speisen aber auch große dezentrale Energieversorger wie der Windpark Schöndorfer Heide ihren Strom ein.“ 234 Kilometer würden im Mittelspannungsbereich betreut und 354 Kilometer bei der Niederspannung. Im Bereich der Niederspannung werden Kleingewerbe, die Landwirtschaft und private Haushalte versorgt. „Hier wird Strom auch durch Photovoltaikanlagen eingespeist“, erklärt Giessing. „Bei Alliander sind dies über 1000.“

Ein Drittel der durchgeleiteten Energie stamme aus lokalen regenerativen Erzeugungsanlagen. „Dieser Wert ist deutschlandweit überdurchschnittlich“, versichert Giessing. Auch der Bereichsleiter Netzbetrieb und Netzplanung, Hans-Gerd Bräkling, bestätigt das. „Wir betreiben ein intelligentes Netz. Das bedeutet, dass wir möglichst viel regenerative Energie einspeisen können, ohne das Netz zu überlasten. Das gelingt durch innovative Steuerungssysteme. Alliander ist im Bundesdurchschnitt spitze im Hinblick auf die geringen Ausfallzeiten.“ In Zusammenarbeit mit der Stadt Heinsberg fördere Alliander den nachhaltigen Umbau der Energieversorgung über die Brennstoffzellen-Initiative und das 100-Dächer-Programm bei Voltaik hinaus in allen Bereichen regenerativer Energien.

Ein Drittel des Stroms in Heinsberg wird also lokal erzeugt und auch verbraucht. Zwei Drittel wird regional erzeugt. „Physikalisch sucht sich der Strom immer den kürzesten Weg“, erläutert Giessing. „Für den Kunden, der sich zum Beispiel für einen bestimmten Anbieter von Ökostrom entscheidet, bedeutet das, dass der Lieferant nachweisen muss, dass er den Ökostrom an einer beliebigen Stelle ins Netz eingespeist hat. Auch wenn der Kunde physikalisch nicht genau diesen Ökostrom bekommt, so ist er doch in der Gesamtbilanz des Marktes entsprechend zugeordnet.“ Die Stromanbieter erwerben den Strom entweder direkt durch Verträge mit den Kraftwerken oder an der Energiebörse in Leipzig. Von den Stromanbietern erhalten die Netzbetreiber wie Alliander am Ende ein Netznutzungsentgelt. „Dafür stellt Alliander die komplette Transportkette vom Kraftwerk bis zum Kunden sicher“, meint Bischoff.

Der Heinsberger Netzbetreiber sei für die Endverbraucher der richtige Ansprechpartner wenn es um Störungen, die Ablesung des Zählers, Zählerwechsel oder einen neuen Hausanschluss gehe. Alle übrigen Belange wie zum Beispiel Fragen zur Stromrechnung, zu Strompreisen, An- und Abmeldung sowie Adress- und Namensänderungen seien mit dem vom Kunden gewählten Lieferanten zu klären.

Und was ist, wenn ein Kunde gar keinen Lieferanten gewählt hat? „Dann wird er automatisch durch den Netzbetreiber dem Grundversorger in der Region zugeordnet“, sagt Bischoff. Ohne Strom wie zu Zeiten des alten Thales bleibt heute also niemand mehr.

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