Inklusion in Haaren schon ein alter Hut

Von: dawin
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An der Sekundarschule Haaren werden seit Längerem behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Die Inklusion ist für Schulleiterin Karin Leuffen-Obermann eine Chance, den Unterricht für alle zu bereichern. Foto: dawin

Waldfeucht. Behinderte Kinder in Nordrhein-Westfalen haben ab dem Schuljahr 2014/15 ein Recht auf gemeinsamen Unterricht mit nichtbehinderten – beginnend in den Klassen 1 bis 5. Die Inklusion ist ein Thema, das kontrovers diskutiert wird. Karin Leuffen-Obermann, Leiterin der Sekundarschule in Haaren, erläutert, wie ihre Einrichtung mit der neuen Situation umgeht.

Es wird Kritik laut, dass viele Schulen noch gar nicht richtig auf die Umsetzung der Inklusion ab August vorbereitet sind. Wie sieht dies an der Sekundarschule Haaren aus?

Leuffen-Obermann: Wir nehmen nicht erst im kommenden Schuljahr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf. Für uns ist das daher keine ganz neue Situation.

Wie viele Schüler mit Behinderung wird die Sekundarschule zum neuen Schuljahr 2014/15 aufnehmen? Und wie viele kann die Schule überhaupt aufnehmen, ohne dass der Schulbetrieb beeinträchtigt würde?

Leuffen-Obermann: Im Schuljahr 2014/15 werden es fünf Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sein. Die Frage, wie viele die Schule aufnehmen kann, ohne den Schulbetrieb zu beeinträchtigen, möchte ich so nicht beantworten. Dies wäre meines Erachtens eine Grundsatzdiskussion zu den Themen: „Wann ist Schulbetrieb beeinträchtigt?“ und „Führt ,Behinderung‘ zu einer Beeinträchtigung von Schulbetrieb?“ Gefordert und gefördert werden bei uns alle Schüler. Die Aufnahme von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist immer eine Einzelfallentscheidung, bei der es um den für das Kind besten Förderort geht. Als Richtwert für die Aufnahmekapazität werden zwei Schüler pro Klasse pro Jahrgang genannt.

Es gibt Schulen, die die Kinder mit Förderbedarf aus dem Unterricht herausnehmen und sie in Fachräumen betreuen. Damit wird doch der Inklusionsgedanke unterlaufen. Wie sieht es in Haaren aus?

Leuffen-Obermann: Grundprinzip in der Sekundarschule, auch in Haaren, ist der Unterricht im Klassenverband in heterogenen Gruppen. In den Jahrgängen 5 und 6 findet überwiegend innere Differenzierung statt. Wir sind eine Sekundarschule in teilintegrativer Form. In höheren Jahrgangsstufen findet deshalb bei uns zunehmend auch äußere Differenzierung für alle Schüler statt, also sowohl für Regelschüler als auch für Schüler mit festgestelltem sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Art der Differenzierung richtet sich nach dem, was pädagogisch sinnvoll, gesetzlich vorgeschrieben und organisatorisch umsetzbar ist. Ich sehe kein Unterlaufen des Inklusionsgedanken darin, wenn wir Schüler – und damit meine ich alle Kinder und Jugendlichen an unserer Schule – entsprechend ihrer Stärken und Schwächen stundenweise auch in äußerer Differenzierung fördern und fordern.

Ist die Inklusion, so wie ihre Kritiker behaupten, nichts anderes als ein Instrument, um gewachsene, erprobte Strukturen an den allgemeinen Schulen kaputtzumachen?

Leuffen-Obermann: Gegenfrage: Besteht an Regelschulen ohne Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht auch die Notwendigkeit der Förderung fachlicher und sozialer Kompetenzen? Ist Heterogenität nicht eine Bereicherung für alle?

Wenn die Eltern sich für die Inklusion ihres Kindes entscheiden, können sie sich dann auch die Schule aussuchen?

Leuffen-Obermann: Die Eltern haben die Möglichkeit, ihr Kind an der Schule ihrer Wahl anzumelden. Übersteigt die Zahl der Anmeldungen die Kapazität der Schule, haben die Kinder Vorrang, die von der Schulaufsichtsbehörde der Schule nach dem Kriterium Wohnortnähe vorgeschlagen wurden. Das heißt in der Realität leider, dass nicht alle Schüler an einer Wunschschule aufgenommen werden können. Dies gilt aber für Regelschüler gleichermaßen.

Es sollen ja, so hat das Land zugesagt, für die Inklusion ausgebildete Lehrer die Schulen verstärken. Macht sich diese Personalie auch schon in Haaren bemerkbar?

Leuffen-Obermann: Ja. Unser Kollegium wird derzeit mit 29 Stunden durch Sonderpädagogen unterstützt. Die gemeinsame Arbeit in den Klassen ist eine Bereicherung, von der alle Schüler profitieren. Die Stundenanzahl der Förderschullehrer wird sich im kommenden Schuljahr erhöhen. Sie muss aber auch in den kommenden Jahren weiter erhöht werden, wenn Inklusion nachhaltig wirksam sein soll.

Apropos Personalie. Ein viel diskutiertes Thema, auch an der Sekundarschule, ist das Auslaufen der Landesfördermittel für die Schulsozialarbeit zum Ende dieses Schuljahres. Was ändert sich in Haaren?

Leuffen-Obermann: Derzeit gibt es eine Stelle für das Schulzentrum Haaren, also für Grund- und Sekundarschule gemeinsam, die sich zwei Sozialpädagoginnen teilen. Beide leisten hervorragende Arbeit. Schon seit Monaten war klar, dass diese Stellen zum Ende des Schuljahres auslaufen. Hier haben viele Gespräche mit den Kommunen und der Bezirksregierung stattgefunden. Einige Schulen, auch die Sekundarschule Haaren, durften nun eine volle Stelle für Schulsozialarbeit ausschreiben. Diese Stelle wird ab dem Schuljahr 2015/16 auf die Lehrerstellen angerechnet.

. . . wobei sich Schulsozialarbeit und schulische Arbeit einander ergänzen dürften.

Leuffen-Obermann: Ja, das sehe ich so. Die Schulsozialpädagogen unterstützen die Lehrer. Allein die Tatsache, dass sie mit Schülern präventiv arbeiten, etwa den gewaltfreien Umgang mit Konflikten trainieren, erleichtert uns Lehrern in den höheren Klassen die Arbeit. Außerdem kümmern sie sich um soziale Belange – wenn es beispielsweise darum geht, in Familienangelegenheiten zu helfen, außerschulische Kontakte zu vermitteln oder bürokratische Dinge beim Sozialamt zu erledigen. Auf dies und andere Hilfen können Schulen heute kaum verzichten, wenn unser Kerngeschäft, der Unterricht, nicht leiden soll.

Doch zurück zur Inklusion. Auch in baulicher Hinsicht kommen hier auf viele Schulen Herausforderungen zu. Waren an Ihrer Schule Veränderungen erforderlich?

Leuffen-Obermann: Bisher waren noch keine Veränderungen notwendig, da noch kein Kind im Rollstuhl angemeldet wurde. Unsere Schule verfügt jedoch weder über einen Aufzug noch über Behindertentoiletten. Hier sehe ich das Land im Bedarfsfall in der Pflicht.

Werden Förderschulen mit der Inklusion überflüssig?

Leuffen-Obermann: Auch wenn ich mich deutlich für Inklusion ausspreche, sehe ich aber auch die Notwendigkeit, dass Förderschulen und Kompetenzzentren erhalten bleiben. Unsere Ressourcen an den Regelschulen reichen nicht aus, jedem Kind und Jugendlichen gerecht zu werden.

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