Huckepack über die Balkanroute geschleppt

Von: Helmut Wichlatz
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Heidi Breidt vom Diakonischen Dienst besucht Mohammad Thalja in der Flüchtlingsunterkunft. Auf dem Weg an die frische Luft müssen immer wieder Treppen überwunden werden. Foto: Wichlatz

Erkelenz. Zeyad Thalja lebt seit zwei Monaten zusammen mit seinem Sohn Mohammad Fares in der Erkelenzer Flüchtlingsunterkunft. Die beiden teilen sich ein Zimmer im Harfhaus und hoffen nun auf eine Wohnung. Möglichst schnell sollte das gehen, denn der zwölfjährige Mohammad leidet an einer starken Form von spastischer Lähmung und ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

Ohne die Hilfe seines Vaters und ohne eine medizinische Betreuung würde der Junge nicht überleben. Deshalb hat sein Vater ihn auch auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer nach Europa mitgenommen. 15 Tage dauerte die Reise, berichtet Zeyad Thalja.

Unterwegs habe er „viele gute Menschen“ getroffen, die ihm und seinem Sohn geholfen hätten. Auch in Deutschland sei die Hilfsbereitschaft groß. Eigentlich, so betont er, sei er zufrieden. Doch für seinen Sohn seien die Zustände trotzdem unerträglich.

In das Zimmer gelangt man nur über einen schmalen und verwinkelten Flur, der zur Überbrückung von Höhenunterschieden auch Treppen hat. Für den Rollstuhl nicht geeignet, findet auch Heidi Breidt. Die Diakoniemitarbeiterin der evangelischen Kirchengemeinde engagiert sich im Arbeitskreis Flüchtlingshilfe. In ihrer Arbeit habe sie schon viele beeindruckende Menschen kennengelernt, betont sie.

Trotzdem sei es immer wieder erstaunlich, was Menschen auf sich nehmen, um dem Krieg zu entfliehen. „Sich überhaupt auf diese Reise zu machen, ist ein Abenteuer“, erklärt sie. „Das aber mit einem schwerbehinderten Menschen zu tun und dafür zu sorgen, dass er unbeschadet hier ankommt, das ist eine außergewöhnliche Leistung.“

Nachdem das Mittelmeer überwunden war, schleppte Thalja seinen Sohn huckepack über die sogenannte Balkanroute. Erste Anlaufstation in Deutschland war Königswinter. Dort attestierte man dem 46-jährigen eine schwere Schädigung seines Rückens.

Von Königswinter aus ging es nach Erkelenz, der vorläufigen Endstation ihrer Flucht.

Thalja ist zufrieden, denn in Erkelenz wird seinem Sohn geholfen. Er betreut ihn rund um die Uhr und bringt ihm mit Bilderbüchern die ersten deutschen Worte bei. Mohammad liebt Fußball. „Vor der Abreise habe ich ihm versprochen, dass wir in Deutschland ein Spiel im Stadion sehen werden“, erzählt der Vater.

Stundenweise entlasten

Mittlerweile hat sich auch die Lebenshilfe Heinsberg eingeschaltet, um zu helfen. Die derzeitige Unterbringung ist für den Jungen nicht geeignet. Zum Duschen bringt der Vater ihn zum Johanniterstift schräg gegenüber, denn dort gibt es rollstuhlgerechte Duschen. Den Sanitärcontainer im Hof des Harfhauses kann er ebenso wenig benutzen wie die nicht behindertengerechten Toiletten.

Judith Liebens vom Familienunterstützenden Dienst sieht dringenden Handlungsbedarf. „Wir müssen zügig dafür sorgen, dass der Vater zumindest stundenweise entlastet wird“, erklärt sie auf Nachfrage. Dies könne auf ehrenamtlicher Basis und mit Betreuungspatenschaften geregelt werden. „Darüber hinaus prüfen wir, wie die weitere Hilfe aussehen kann“, sagt sie. Dabei stehe sie in enger Absprache mit Gerda Hermes von der Pflegeberatungsstelle des Kreises.

Wichtig ist erst einmal, dass Vater und Sohn in einer behindertengerechten Wohnung untergebracht werden, darüber sind sich alle einig. Denn Mohammad leidet aufgrund der Flucht und der derzeitigen Umstände auch an Unterernährung. Sollte sein Gewicht weiter sinken, könnte dies lebensbedrohlich sein.

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